Über psychische Krankheiten redet man eher ungern. Vor allem, wenn man selbst betroffen ist. Im Café BERG & MENTAL fällt das jedoch ganz leicht.

BERG & MENTAL: Der Weg um Gipfel

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Lasse Münstermann ist so gut gelaunt, dass man sofort Kaffee mit ihm trinken möchte | © Matthias Pfeiffer

Um der Tabuisierung von psychischen Krankheiten etwas entgegenzusetzen, gründeten Lasse Münstermann und seine Partnerin, die Bloggerin und Autorin Dominique de Marné, 2019 die Mental Health Crowd GmbH und machen seitdem mit Projekten, Workshops und Vorträgen auf das Thema aufmerksam. Im Dezember desselben Jahres öffnete mit dem BERG & MENTAL das deutschlandweit erste Mental Health Café (inklusive Shop) als Begegnungs- und Informationspunkt – oder einfach als Anlaufstelle für eine gute Tasse Kaffee. Wir sprachen mit Lasse Münstermann über das Besondere und Wichtige dieses Konzepts und die Herausforderungen in Corona-Zeiten.

Herr Münstermann, die schwierigste Frage gleich zu Anfang: Warum gibt es in Deutschland nicht mehr Läden wie das BERG & MENTAL?
Gute Frage, aber da möchte ich doch differenzieren. Es gibt ähnliche Projekte, die in eine solche Richtung gehen. Aber die Art, wie wir uns aufstellen, ist doch einzigartig. Zumindest in Deutschland. Unser großes Vorbild ist das »Sip of Hope« in Chicago.

Ihnen geht es ja vor allem um das Thema Prävention. Können Sie das näher erklären?
In diesem Bereich passiert leider noch nicht sehr viel. Die meisten Leute sind erst bereit zu reagieren, wenn sie schon seelische Schmerzen haben. Wir wollen einen Raum schaffen, in dem man schon zuvor Kontakte knüpfen und sich Informationen beschaffen kann. Das Interesse ist grundsätzlich schon da. Als wir vor anderthalb Jahren mit unserer Crowdfunding-Kampagne begonnen haben, kamen mindestens zwanzig Anfragen aus anderen deutschen Städten, ob man sich nicht zusammensetzen und gemeinsam Konzepte ausarbeiten kann. Die hatten wir da allerdings selbst noch nicht und es braucht ja einige Zeit, um zu sehen, ob das alles so funktioniert. Aber das macht deutlich, dass es eine Nische gibt, die gefüllt werden möchte und es nur Menschen braucht, die Türen öffnen.

Wird das Café in erster Linie von betroffenen Menschen besucht?
Nein, eigentlich kommt schon eine ganze Bandbreite an Leuten. Auch normales Kaffee-und-Kuchen-Publikum, das dann merkt, dass wir noch viel mehr machen. Es entstehen oft ganz ungezwungene Gespräche, auch über eigene Betroffenheiten, die schon erkannt wurden. Diese Gäste genießen dann sehr diese offene Atmosphäre. Wir wollen klar machen, dass psychische Leiden nichts sind, für das man sich schämen muss.

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Was war denn Ihr Gedanke bei der Inneneinrichtung? Es hatja schon etwas von einer urbanen Berghütte.
Ja, das kommt von unserem Outdoor-Faible. Und auf Berghütten ist es auch völlig normal miteinander zu reden, egal woher man kommt und wer man ist. Warum gibt es sowas nicht in der Großstadt? Außerdem sollte es hell sein, nicht dunkel, was man ja gemeinhin mit psychischen Krankheiten verbindet. Wir haben zum Glück große Fenster und einen Ausblick ins Grüne. Und dann noch einen großen Eingangsbereich. Coronabedingt steht da gerade der Trenner mit den Flyern, aber normalerweise kommt man rein und blickt auf die fünf Tische. Für den Raum ist das eigentlich sehr wenig. Würden wir nur von Kaffee und Kuchen leben, bräuchten wir doppelt so viel und müssten auch alles anders bewerben. Aber wir wollten diese ruhige Atmosphäre beibehalten.

Das traurige Thema Corona haben Sie ja schon angesprochen. Wie haben Sie den Lockdown als junges Start-up erlebt?
Wir haben im Dezember letzten Jahres eröffnet und waren – ganz anders als prognostiziert – schon im Februar nah an der Gewinnschwelle. Und dann mussten wir schließen. Um es ganz klar zu sagen, wir stehen mit dem Rücken zur Wand und sind finanziell nahezu handlungsunfähig. Uns geht es wie vielen anderen auch, wir haben siebzig bis achtzig Prozent Einbußen. Deshalb strengen wir uns jetzt an, dass wir unsere Produkte so gut es geht verkaufen. Nur so können wir weiterbestehen. Aber um ehrlich zu sein, so darf es nicht weitergehen.

Das Bittere ist doch, dass es in einer psychisch belastenden Situation wie der jetzigen, einen solchen Laden mehr denn je braucht.
Das tut richtig weh. Viele Dinge wie häusliche Gewalt, die vorher geschlummert haben, sind jetzt offen zu Tage getreten. Man sieht daran auch, wie wichtig es ist, präventiv an der eigenen mentalen Gesundheit zu arbeiten. Ich würde mich riesig freuen, wenn Staat und Bezirk aus dieser Krise lernen und Wege finden, präventive Angebote bereits im Vorfeld einer Krise flächendeckend zu schalten. Das spart sicher viele Kosten ein. Und genau jetzt müssen wir offen sein, die Leute müssen ins Gespräch kommen und sich trauen darü ber zu reden, was im eigenen Umfeld vielleicht so nicht möglich ist.

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Haben Sie denn durch den Lockdown andere Möglichkeiten der Aufklärungsarbeit entdeckt?
Was das angeht, haben wir sehr stark an unserer OnlinePräsenz gearbeitet. Das hatten wir eigentlich erst für das nächste Jahr auf der Agenda. Wir wollten erst das BERG & MENTAL als Laden etablieren, aber durch Corona wurde klar, dass wir nicht nur auf die Offline-Welt bauen dürfen. Es war für uns aber keine Option, zu jammern, das Café zu schließen und es irgendwann wieder zu öffnen, wenn wieder Geld da ist. Wir brauchen es als Verständnis- und Netzwerkpunkt. Aber durch Plattformen wie Zoom gibt es kostengünstige und einfache Möglichkeiten, die Menschen auch online zu erreichen. Am 10. September haben wir den Vortrag »Reden statt Suizid« im Rahmen der »Krisenkraft« (ein Aktionsmonat zwischen dem 10.9. und 10.10.) in Zusammenarbeit mit Die Arche und dem Münchner Bündnis gegen Depression gehalten. 18 Gäste waren vor Ort und fünfzig vor der Kamera. So erreichen wir auch Leute von außerhalb, denen der Weg ansonsten zu weit wäre. Und so merkt man auch, dass man auch von zu Hause aus etwas für sich tun kann. ||

BERG & MENTAL
Thalkirchner Straße 62 | Öffnungszeiten: Mi bis Fr 8–19 Uhr, Sa 13–19 Uhr, So 10–19 Uhr | 089 8990179751

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