Simon Solberg packt sämtliche Gegenwartsprobleme in »Indien«.

»Indien«: Krise Mensch

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Carolin Müller und Jonathan Hartmann erkunden die Welt | © Arno Declair

Als es darum ging, ein Stück für das neue coronataugliche Repertoire des Münchner Volkstheaters zu finden, musste Simon Solberg nicht sehr lange überlegen: »Indien« von Josef Hader und Alfred Dorfer sollte es sein. Ein Stück über zwei Inspektoren, die im Auftrag des Fremdenverkehrsamtes die österreichische Provinz durchreisen, um die Gasthäuser auf Einhaltung der Hygienevorschriften zu überprüfen. Irgendwie aktuell, dachte der Regisseur und nahm den Text, der mit den beiden Autoren in den Hauptrollen auch zum Kultfilm wurde, als Steilvorlage für sein Spektakel.

Solberg macht sich komplett frei von der Vorlage, bei ihm besteht definitiv keine Gefahr, dem Film nachzueifern. Er schickt Carolin Hartmann und Jonathan Müller in eine Art Naturkundemuseum, in dem die Unzulänglichkeiten der Menschheit versammelt sind. Ausgerüstet mit Zollstöcken vermessen die beiden im Auftrag der »bayerischen Landesregierung von Deutschland« die Welt, in der wir leben. Die Zollstöcke werden je nach Witterung und Reiseziel zu Skistöcken, Ghettoblastern, Cocktails mit Strohhalmen oder Springseilen verbogen. Die beiden finden sich im Animationsprogramm eines Kreuzfahrtschiffs wieder, in einem Schlachthof und beim Skifahren mit Pudelmützen auf dem letzten deutschen Gletscher. Während all dem doziert Hartmann und rappt sich schon mal durch die Münchner Vororte, während Müller persifliert und musiziert. Die beiden spielen sich in Ekstase, fürchten keinen Klamauk und kennen keinen Ekel.

Warum nicht mal alles an einem Abend, hat Solberg sich wohl gedacht. In seinem Naturkundemuseum der Krise Mensch geht es um alles oder nichts: Bolsonaro, Artensterben, Klimawandel, Corona, Flüchtlinge. Solberg nimmt sich die Vorlage und benutzt sie als Schleudersitz in die Gegenwart. Dort wird über die Essgewohnheiten in Indien philosophiert, hier über das Schlachten bei Tönnies. Dort fahren die beiden Inspektoren durch die von Pferdekopfpumpen geprägte Landschaft östlich von Wien, hier jetten sie durch die globalisierte Welt. Das Prinzip bleibt, die Schlagzahl wurde deutlich erhöht.

Das alles ist nicht nur ein bisschen, sondern komplett drüber. Wer die Vorlage nicht kennt, kann sich nach diesem Abend getrost den Film anschauen, ohne sich zu langweilen. Viel haben beide nicht gemeinsam. Wer sich aber auf ein durchgeknalltes Menschheitsspektakel einlässt, der kann sich von diesem Ideenfeuerwerk überraschen, überfordern, erheitern und durchaus auch zum Nachdenken animieren lassen. ||

INDIEN
Volkstheater | 6. Okt. | 20 Uhr | Tickets 089 5234655

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