Oskar Roehler über seinen Film »Enfant Terrible« und Zustände der deutschen Kinoproduktion. Hier die komplette Fassung!

Oskar Roehler: »Hier hat flächendeckend eine Gleichschaltung stattgefunden und zwar auf niedrigstem Niveau«

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Oskar Roehler am Set von »Enfant Terrible« | © Bavaria Filmproduktion

»Ich werfe keine Bomben, ich mache Filme«, stand auf dem Filmplakat zu Fassbinders Terrorimusgroteske »Die Dritte Generatio«. Warum sind Sie heute noch Filmemacher, obwohl Sie mehrfach erklärt hatten, dass Ihnen das Schreiben leichter von der Hand geht und Sie das Regieführen künstlerisch nicht mehr so befriedigt wie früher?
Oskar Roehler: Ach, das ist ein Missverständnis. Die kreative Arbeit, sprich das Regieführen beim Film, macht mir immer noch riesigen Spaß. Nur der damit zusammenhängende Markt ist dermaßen kompliziert und frustrierend. Es gibt im Grunde überhaupt keine engagierten Produzenten mehr. Die bekommen alles gesponsert und gehen überhaupt kein Risiko mehr ein. Dazu habe ich in den letzten Jahren sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Das ist in meinen Augen ein ziemliches Desaster. Am liebsten bekommen sie heute nur noch einen fertigen Film auf dem Silbertablett serviert. Gegenseitige Wertschätzung? Fehlanzeige. Als Künstler ist das zum Verzweifeln.

Brennt in der hiesigen Produzentenszene wirklich gar keiner mehr für waghalsiges Indie-Kino?
Mein Filmemachen hat sehr viel mit Leidenschaft zu tun. Da muss jeder drauf Bock haben: da mache ich keine Kompromisse. Genau davor haben viele Produzenten unglaublich viel Angst. Die Corona-Folgen sind dafür nur noch ein Brandbeschleuniger. Und so scheuen sie sich vor echter Auseinandersetzung mit Künstlern. Immer mehr Produzenten sind dadurch korrupt und vom bestehenden System vollkommen abhängig. Da wird der letzte Funken Inspiration auch bald weg sein! Spätestens dann, wenn ich und zwei, drei andere Leute nichts mehr machen. Dann gibt es in Deutschland überhaupt keine aufregenden Filme mehr.

Viele Kinoregisseure wandern vermehrt in den Fernseh- und Serienbetrieb ab. Hat der deutsche Kinofilm, der sich etwas traut, bald ausgedient? Fassbinder hätte sich da im Grab umgedreht. Sie selbst hatten schon einmal erklärt, dass Sie sich lieber umbringen würden, als »Tatorte« zu drehen.
Immer diese dämlichen »Tatorte«! Ich halte das nicht mehr aus. Hören Sie mir bloß damit auf. Das ist doch eine Bankrotterklärung für den deutschen Film. Fassbinder traute sich sein Leben lang deutlich mehr! Der arbeitete mit einer ganz anderen geistigen Freiheit. Deshalb ist er für mich auch das einzige Vorbild.

Oscar Rohler setzt dem Regie-Berserker Fassbinder in seinem Film ein Denkmal.
Verkörpert wird er von Oliver Massuci. Hier neben Katja Riemann © Bavaria Filmproduktion

Gleichzeitig war er natürlich ein Kind seiner Zeit: innovative WDR-Redakteure wie Peter Märthesheimer ließen ihm viel Spielraum. Und politisch ließ sich RWF sowieso nirgendwo einordnen: Lustvoll schoss er mit seinen Filmen sozusagen gegen links und rechts, alt und neu, gegen die CDU wie gegen die SPD. Gleichzeitig tragen vieler seiner kleinen schmutzigen Arbeiten wie »Acht Stunden sind kein Tag«, »Die Niklashauser Fart« oder »Mutter Küster’s Fahrt zum Himmel« immer auch ein Stück Utopie wie Anarchie in sich, was ungemein fasziniert.
Oh ja, das kann man sich überhaupt nicht mehr vorstellen! Fassbinder bekam beispielsweise von Günter Rohrbach für einen Film wie »Martha« schnell mal ein paar hunderttausend Mark in die Hand gedrückt. Und dann hieß es: Los geht’s! Wegen der geistigen Idiotie und Mutlosigkeit in unserem System entstehen heute überhaupt keine Filme mehr wie »Faustrecht der Freiheit« oder »Die Niklashauser Fart«, den ich sehr mag und erst in der Vorbereitung für »Enfant Terrible« zum ersten Mal sah. Parallel dazu ist seit den 1970er Jahren ein riesiger Fernsehmarkt entstanden: allerdings auf einem extrem niedrigen Niveau. Der verhält sich wie eine gigantische Krake, die sämtliche Sendeplätze für ein anderes Kino aufgefressen hat. Zusammen mit der damit einhergehenden Infantilisierung kannst du darin überhaupt keinen anspruchsvollen Fernsehfilm mehr drehen.

Wie ließen sich da die Zügel noch einmal herumreißen? Der deutsche Kinofilm spielt doch international überhaupt keine Rolle mehr. Immerhin wäre Ihr »Enfant Terrible« in der offiziellen Auswahl von Cannes gelaufen.
Ja, das haben wenigstens viele mitbekommen. Auch einige Produzenten in Frankreich. Und darüber freue ich mich natürlich. Aber das schlimmste in dieser Branche ist, dass du mit originären Ideen überhaupt nicht mehr durchkommst. Verrücktes, Spontanes, Originelles kann da seit 20 Jahren nicht mehr entstehen, weil die anderen zu blöd sind, um es überhaupt zu kapieren. Da brauchst du immer einen Aufhänger wie »Bombenhagel auf Dresden« oder so etwas, was ich total widerlich finde. Hier hat flächendeckend eine Gleichschaltung stattgefunden und zwar auf niedrigstem Niveau, was sich vom Unterhaltungslevel des fünfziger Jahre Kinos gar nicht so viel unterscheidet: Die Witze sind flach, die Handlung ist dämlich. Und viele Zuschauer gehen da aus Bequemlichkeit auch noch mit. Das ist der vollkommene Ausverkauf geistiger Kultur und bedeutet künstlerisch eine Totalpleite!

Hätte denn Fassbinder in Zeiten aktueller #MeToo-Debatten überhaupt so arbeiten können?
Nein, bestimmt nicht. Bei uns kann allerdings unter diesen Produktionsbedingungen überhaupt nichts mehr Gescheites entstehen. Ich bin da sehr pessimistisch und sehe nirgendwo Besserungen. Diesem geistig unterentwickelten Klima muss man im Grunde entfliehen. Ganz schlimm ist es auch, wenn in irgendwelchen Fernsehsendern plötzlich so »demokratische Entscheidungen« getroffen werden, dass jetzt alle Gender-, Hautfarben- und Frauenquoten differenziert zusammen sitzen müssen. Rein ideologisch sozusagen und nicht mehr künstlerisch. Dieses kreative Dilemma hat für mich die Kabarettistin Lisa Eckhart in letzter Zeit wunderbar auf den Punkt gebracht.

Muss radikale Kunst immer zündeln? Und wie weh sollen Filme tun? Fassbinder war dafür ein Paradebeispiel. Auch Sie haben zuletzt für Ihre Kunst viel Gegenwind geerntet. »Ich provozier ganz gern. Sonst rührt sich nämlich nichts« und »Ich gehör’ niemandem«, heißt es dazu paradigmatisch in »Enfant Terrible«.
Die Political Correctness darf sicher nicht der Maßstab sein, um Kunst zu machen. Aber das geht hier sowieso nirgendwo mehr durch. Für mich ist das wie Zensur. Das habe ich bei meinen letzten Filmfiguren erfahren, die sich antifeministisch äußerten oder auf Sexualpraktiken stehen, die eben nicht den Mainstream widerspiegeln, weil sie exzentrischer sind. Ein alter weißer Mann etwa, der sich als Filmfigur sarkastisch oder kontrovers zu der ganzen Scheiße um ihn herum äußert, ist nirgendwo mehr denkbar. So einen Film wirst du in Deutschland nie mehr im Fernsehen oder im Kino sehen. Denn die Zensur lehnt ihn ab. In Fassbinders Zeiten war einfach der Raum für Kunst und freie Ideen so unermesslich viel größer. Und deshalb fühle ich mich in meinem freien anarchischen Denken auch so extrem eingeschnürt: Da fehlt mir in diesem Land oft die Luft zum Atmen.

Ist »Enfant Terrible« dann im Subtext auch so etwas wie Ihre zynische Abrechnung mit dem Filmbetrieb in Deutschland?
Nein, das glaube ich nicht. Ich habe in dem Bereich noch nicht genug und werde da sicherlich auch noch weitermachen. Aber »Enfant Terrible« ist natürlich noch einmal so ein Punkfilm: Der ist laut, der ist rüpelhaft, der ist vollkommen despektierlich und in einem finanziellen Kartenhaus entstanden.

Spielt er deshalb auch in diesen demonstrativ künstlichen Kulissen oder ist das eher eine Hommage an Rolf Zehetbauers Ausstattung für »Querelle«? Sie zeichnen schließlich selbst für das Szenenbild verantwortlich.
Das ist ganz einfach: Anstatt mit sieben Millionen Euro musste ich ihn am Ende mit drei machen. Und wenn nicht der große Name Fassbinder darüber stünde, hätte ich ihn sowieso nie drehen können. Für das Szenenbild habe ich deshalb einfach Sprayer engagiert. Das ist für mich auch der Grund, warum »Enfant Terrible« gerade bei jüngeren Leuten so gut ankommt, weil man hier lernen kann wie es auch ginge. Fassbinder hatte das mit »Die Dritte Generation« und »In einem Jahr mit 13 Monden« selbst exemplarisch vorgemacht.

Und auch Sie haben Filme wie »Silvester Countdown« oder »Gentleman« mit extrem wenig Budget gemeistert. Trotzdem kennen viele gerade diese Fassbinder-Kernwerke kaum noch, weil sie nicht im RWF-Kanon mit »Berlin Alexanderplatz«, »Lola« oder »Die Ehe der Maria Braun« vorkommen.
Das sehen Sie genau richtig. »In einem Jahr mit 13 Monden«, »Die Niklashauser Fart« oder »Die Dritte Generation«: Das ist für mich Fassbinder pur. Ähnlich ging es mir beim Wiedersehen mit »Querelle«, den ich fast nicht mehr in Erinnerung hatte. Das ist doch ein grandioses Werk! Ich nenne sie »Filme für den Kopf« und »Zitat-Filme«. Das sind Fassbinder-Filme, die sich nicht anbiedern, die keine sentimentale Geschichte erzählen und immer abstrakt bleiben. Das sind hoch reflektierte, sehr anspruchsvolle Filme, die die Möglichkeiten utopistischer Gesellschaftsformen durchspielen und die für mich immer besser waren als viele Godard-Filme.

Unterhaltsam, gerade für Fassbinderianer, ist Ihr neuer Film, der wie eine abstrakte und ironische Stationenreise funktioniert, dennoch geworden. Das liegt vor allem an seiner grandiosen Besetzung bis ins kleinste Nebenrollen. Wollten Sie für die Hauptrolle von vornherein wieder Oliver Masucci besetzen?
Ja, ich schon. Nur die anderen nicht. Keiner wollte den Masucci haben! Da hieß es zuerst: Tom Schilling solle Fassbinder spielen. Das muss man sich mal vorstellen!? Ich habe mich da aber durchgesetzt, weil ich denen sofort gesagt habe: Entweder mit Masucci oder gar nicht.

ENFANT TERRIBLE
Deutschland 2020 | Regie:Oskar Roehler | Mit: Oliver Masucci, Hary Prinz, Katja Riemann | 134 Minuten
Kinostart: 1. Oktober

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