Patrik Svensson legt mit dem »Evangelium der Aale« ein so wundersames wie wunderbares literarisches Debüt vor.

Patrik Svensson: Ein rätselhaftes, dich schlängelndes Wunder

Für den schwedischen Schriftsteller Patrik Svensson ist eine Frage, die Wissenschaftler seit mehr als 2000 Jahren umtreibt, eine zutiefst persönliche. Gestellt haben sie viele, Antworten auf sie gefunden nur wenige. Die Rede ist von der Frage nach Herkunft und Ursprung der Aale – die Aalfrage, wie nicht nur Patrik Svensson sie nennt. Für den Autor selbst ist Anguilla anguilla, der europäische Aal, mehr als nur Gegenstand streng wissenschaftlicher Anschauung. Sein Vater hatte ihn als Jungen mitgenommen zum Aalfang, die Bootsausflüge der beiden wurden zum festen Ritual. Ihr Fang schließlich landete auf den Tellern der Familie. Als Abendmahl ließen sie sich die schlangenförmigen Leiber munden. In kulinarischer Hinsicht werfen sich hinsichtlich des Aals kaum tiefschürfende Existenzfragen auf. Wenngleich er in vielen Regionen der Welt als exklusive Delikatesse betrachtet wird, läuft es bei ihm schlussendlich auf Räuchern, Kochen oder Braten hinaus. Den Jungen Patrik Svensson trieben aber schon in Kindheitstagen nicht nur die küchentechnischen Aspekte des Wurmförmigen um.

Am Aal beißt sich die Wissenschaft die Zähne aus
Abendländische Denker wie Aristoteles oder Sigmund Freud widmeten sich den Tieren ausgiebig. Denn betrachtet man die sich windenden Leiber des Meeres-, Fluss- und Seenbewohners genau, fällt auf, dass der Aal über keine äußeren Geschlechtsmerkmale verfügt. Der Naturforscher Aristoteles entwickelte daher die Theorie, der Aal sei ein Zwitterwesen und werde aus dem Nichts, im Schlamm geboren. Eine gewagte Hypothese und eine Genese, die, nimmt man sie ernst, freilich auch allerhand metaphysische Implikationen mit sich bringt. Im frühen 20. Jahrhundert wollte der junge Sigmund Freud die aristotelische Idee einer »creatio ex nihilo« der »Bestie« Aal aufnehmen und widerlegen. Der Alte hatte sie ihm quasi als Fehdehandschuh – so die Sicht des 19-jährigen angehenden Nervenarztes – über alle Zeiten hinweg, vor die Füße geworfen. Versehen mit einem Studienauftrag, schickte er sich im norditalienischen Triest an, die Testikel des männlichen Aals zu entdecken. Um es kurz zu machen: Freud scheiterte bei seinem Unterfangen. Anstatt der Sexualität der phallusförmigen Kreaturen auf die Spur zu kommen, stieß der spätere Begründer der Psychoanalyse lediglich auf seine eigene. »Die Biester sind sehr schöne Biester«, schrieb Freud von Triest aus seinem Jugendfreund Eduard Silberstein und bezog sich damit nicht auf seinen vorgesehenen Untersuchungsgegenstand, sondern auf die ansehnlichen Triesterinnen, die Freud zusehends in ihren Bann zogen.

So manches Geheimnis ist heute geklärt
Tatsächlich wissen wir heute, so klärt uns der Autor Patrik Svensson auf, ein wenig mehr über das Geheimnis der Aale. Der Grund, warum Generationen von Forschern sein Wesen verkannten, ist, dass der Aal verschiedene voneinander abgegrenzte Entwicklungsstadien durchläuft. Nur in seiner letzten Metamorphose, wenn er sich zum sogenannten »Blankaal« entwickelt hat, zeigt der Fisch deutliche Geschlechtsunterschiede. Zuvor offenbart er sich in verschiedener Gestalt: zunächst alsfederleicht im Wasser schwebende Weidenblattlarve, dann als Glasaal, schließlich entwickelt er sich zum Gelb- oder Steigaal. So viel steht mittlerweile fest. In einer Hinsicht wirft das Tier allerdings bis heute Rätsel auf. Tief in den Gewässern der Sargassosee, dem Geburtsort aller Aale, verbirgt es sich bis heute. Das Meeresgebiet im Atlantik ist nämlich zugleich Brutstätte und Bestimmungsort der Aale, denn zur Eiablage und zum Sterben kehren sie immer dorthin zurück. In den Untiefen dieser See ist es uns bis heute nicht gelungen, die Tiere bei der Paarung oder ihrer Eiablage zu beobachten.

Tier- und Menschenbild im Wandel
Patrik Svensson zeigt sich in seinem »Evangelium der Aale«, das genremäßig zu gleichen Teilen der wissenschaftlichen Belletristik wie des persönlichen Essays angehört, fasziniert von diesem Lebenskreislauf, an dessen Ende stets die Frage nach dem eigenen Ursprung steht – völlig egal, ob als Fisch oder als Mensch. Die Betrachtung von Tieren hat sich in der Geistesgeschichte entschieden gewandelt. Die Einschätzung des Philosophen René Descartes, dass es sich bei unseren Mitkreaturen um seelenlose Geschöpfe handle, die im Grunde nichts anders seien, als gefühl- und bewusstseinslose Apparate, zeitigte gravierende Folgen im Umgang mit ihnen. Eine ungeheure Ausbeutungs- und Unterwerfungsgeschichte knüpft an die Vorstellung »niederer« Lebensformen, die sich heute nicht einmal in den Schauerbildern von Schlacht- und Massentierbetrieben ausreichend erschöpft.

Nun aber, im frühen 21. Jahrhundert deutet sich, so Svenssons Befund, ein Wandel dieser althergebrachten Sichtweise einer menschlichen Ausnahmestellung innerhalb der Schöpfung an. »Alle Kriterien, die wir im Lauf der Geschichte angestellt haben, um den Menschen vom Tier zu unterscheiden – Bewusstsein, Persönlichkeit, das Benutzen von Werkzeug, eine Vorstellung von Zukunft, abstraktes Denken, Problemlösung, Sprache, Spiel, Kultur, die Fähigkeit, Trauer oder Verlust zu empfinden, Furcht oder Liebe, all diese Kriterien haben sich, jeweils für sich genommen, als zumindest diskussionswürdig, oft unzureichend und manchmal völlig falsch erwiesen.«

Svenssons Aale treten daher auch nicht als Sinnbild oder bloße Spiegel menschlicher Existenzfragen auf. Anhand der Arbeiten der zu Unrecht etwas in Vergessenheit geratenen Naturschriftstellerin Rachel Carson (»Under the Sea-Wind«, »The Silent Spring«) erzählt er viel mehr von der Eigenwertigkeit der Kreatur in einem Schöpfungsreigen, dessen Bestandteil auch der Mensch ist.

Die von Svensson viel zitierte Carson widmete sich in ihrem schriftstellerischen Schaffen mitunter auch dem Aal. Zu ihren literarischen Eigenheiten gehörte es, ganze Erzählungen aus Sicht von Tieren zu schildern, nicht des Anthropomorphismus halber und um sie auf diese Weise zu vermenschlichen, sondern um zu vermitteln, dass auch das tierische Erleben Bewusstsein von etwas ist. Dass der Schriftstellerin das ohne Sentimentalität gelingt, macht die Bücher der 1907 Geborenen auch heute noch überaus lesenswert.

Es heißt, für alle Dinge des Lebens gebe es eine besondere Zeit. Eine Zeit geboren zu werden, eine, um zu leben, und auch eine zum Sterben. Momentan ist es der Klimawandel und auch die hemmungslose Verschmutzung der Meere, die das empfindliche Gleichgewicht des Aals so sehr beeinträchtigen, dass er am Rande des Aussterbens steht. Patrick Svensson erinnert uns mit seinem irrwitzig spannend zu lesenden Buch daran, dass es auch eine Zeit gibt, um zu kämpfen. Das Abwenden der drohenden Katastrophe ist nämlich etwas, das zur Abwechslung wirklich in der Hand des Menschen liegt. ||

PATRIK SVENSSON: DAS EVANGELIUM DER AALE
Aus dem Schwedischen von Hanna Granz
Hanser, 2020 | 256 Seiten | 22 Euro

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