Zora Neale Hurston schreibt die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven, und Maya Angelou schildert in ihrer Autobiografie eine afroamerikanische Jugend.

Maya Angelou / Zora Neale Hurston: Black Lives

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Das Erzählen der eigenen Geschichte nimmt in der afroamerikanischen Literatur eine wichtige Rolle ein, denn diese Selbsterzählung der »black experience« ist immer auch ein Akt der Emanzipation. Die Schriftstellerin Zora Neale Hurston, die in den 20er Jahren Teil der ersten afroamerikanischen Kunst- und Literaturbewegung, der »Harlem Renaissance«, war, macht genau dies. Vor ihrer Karriere als Schriftstellerin arbeitete die Anthropologin als Journalistin, ein wenig bekannter Umstand. Umso aufsehenerregender, dass 2018 in den USA ihre Reportage »Barracoon« erschien, in der sie 1927 ihren Besuch bei Oluale Kossola dokumetierte. Kossola war 1860 mit dem letzten Sklavenschiff aus Westafrika in die USA verschleppt worden und lebte nach dem Bürgerkrieg als Farmer in »Africatown«, Alabama. 1931 fertiggestellt, wurde das Buch nie veröffentlicht, weil der Verlag sprachliche Glättungen vornehmen wollte. Hurston jedoch bestand auf der Wiedergabe von Kossolas ganz eigenem Idiom, einer Mischung aus Englisch und seiner Muttersprache. Hurston fügt Ossolas Bericht behutsam Details aus ihrer Begegnung ein, um seinen Charakter zu verdeutlichen. Sprache und persönliche Geschichte werden hier zu einer Widerstandshaltung gegen ein Leben in der aufgezwungenen Diaspora. Hurstons Buch ist gerade deshalb so wichtig, weil es ihre Arbeitsweise offenlegt, aber dennoch der mündlichen Erzählung Raum gibt, um so den Menschen Kossola von seinem Schicksal abzuheben.

In gewisser Weise schließt Hurstons Bericht eine Leerstelle: zwischen historischen Dokumenten des Sklavenhandels einerseits, in denen es, wie sie selbst sagt, immer um Seeabenteuer und Piraterie der Weißen geht, nie jedoch um die Stimme der Afrikaner, und den Romanen jener Autoren und Autorinnen der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre andererseits. Viele von ihnen erzählen von Angehörigen, die noch in Sklaverei leben mussten, in Hurstons Roman »Vor ihren Augen sahen sie Gott« aus dem Jahr 1937 ist es die Großmutter der Protagonistin. Deren Emanzipation vom Rassismus, jedoch auch vom Patriarchat, macht den Roman zu einem feministischen Manifest.

Diesen Topos greift die Schriftstellerin Maya Angelou 30 Jahre später wieder auf. Die enge Vertraute von James Baldwin wurde 1969 mit dem ersten Teil ihrer Memoiren zu einer der wichtigsten Stimmen der afroamerikanischen Literatur. In »Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt« berichtet sie von der Kindheit im Kramerladen der Großmutter, die täglich die Baumwollpflücker mit Proviant versorgte. Autobiografie und literarische Überhöhung gehen bei Angelou Hand in Hand, wenn sie übergreifende Verbindungslinien in ihrem Leben aufweist. Etwa wenn sie die Euphorie der Community, als Joe Louis den Weißen Primo Carnera im Boxkampf besiegt, später mit der eigenen Rage konterkariert, die sie empfand, als die weißen Schulleiter nur die Sportler ihrer afroamerikanischen Schule loben – als gäbe es keine andere Zukunft für sie. Literatur und Poesie, das macht sie deutlich, wurden ihr zu Lebensrettern, die der Achtjährigen nach einem Trauma aus Gewalt und Schuld nicht nur die Sprache zurückgaben, sondern auch ihre Stimme. ||

MAYA ANGELOU: ICH WEISS, WARUM DER GEFANGENE VOGEL SINGT
Aus dem Amerikanischen von Harry Oberländer
Suhrkamp, 2018
321 Seiten 12 Euro

ZORA NEALE HURSTON: BARRACOON. DIE GESCHICHTE DES LETZTEN AMERIKANISCHEN SKLAVEN
Aus dem Amerikanischen von Hans-Ulrich Möhring
Penguin, 2020
224 Seiten | 20 Euro

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