München ist auch eine Stadt der Plattenfirmen. Dirk Wagner hat sich umgehört,wie sie in unübersichtlichen Zeiten ihre Künstler unterstützen.

Plattenfirmen in München: The Show Must …

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© Gutfeeling Records

»Jamaika steht für Reggae, Kuba für Salsa und Ghana für Highlife«, erklärt der Gitarrist Dominic Quarchie in der BR-Sendung »Capriccio« den in den 1920ern aufgekommenen Musikstil Highlife, den seine aus Ghana stammende Band Santrofi erfolgreich wiederbelebt. Obwohl die Band damit schon auf großen Festivals von WOMAD bis Roskilde brillierte, erschien erst heuer ihr Debütalbum »Alewa« auf dem Münchner Label Outhere Records. Natürlich hätte eine entsprechende Europatournee zum Release die nötige Werbung besorgt. Doch sowohl die Tour als auch bereits verabredete Interviews vor Ort fielen der Pandemie zum Opfer. Gleichzeitig, so betont Jay Rutledge von Outhere Records, waren die Schallplattenläden geschlossen und auch die Kollegen, die für den Vertrieb seiner Tonträger in den verschiedenen Ländern zuständig sind, waren nicht immer erreichbar: »Da haben wir viel Geld für einen Promoter in Frankreich ausgegeben, nur das Album selbst war erst vier Wochen später dort zu kriegen.«

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»Alewa« von Santrofi © Outhere Records

Umso mehr freute ihn, dass die Sendereihe »Capriccio« an ihrem Vorhaben festhielt, Santrofi vorzustellen. Nur konnte der Fernsehjournalist Andreas Krieger die Band dafür nicht wie verabredet auf dem Africa Festival in Würzburg treffen. Stattdessen setzte er sich mit ihr via Internet in Verbindung, um mit den Musikern nicht nur Fragen zu besprechen, sondern auch das Bildmaterial, das die Band nun selbst in Ghana besorgen musste: »Ich erklärte vorab sehr genau, welche Motive ich brauchte. Etwa eine Einstellung vor dem Meer. Und dann schickten sie mir das gewünschte Material übers Internet. Kleine Filmfitzelchen im unteren Gigabereich«, sagt Krieger. »Für mich war das jedes Mal wie Geschenkeauspacken.« Deutlich länger als sonst hätte er an diesem Beitrag gearbeitet. Aber das Ergebnis beweist, so Krieger: »Es gibt keine Ausreden mehr dafür, nicht vom hinterletzten Winkel der Erde zu berichten«, zumal sein auch auf Youtube zu sehender »Capriccio«-Beitrag »Santrofi: High Life Musik aus Ghana« den ursprünglich geplanten Konzertbericht aus Würzburg bildreich übertrifft.

Ein solches werbewirksames Engagement war für das Label Outhere Records allerdings nur eine rühmliche Ausnahme. Dass zudem Bestellungen aus dem Ausland coronabedingt nicht bedient werden konnten, weil zum Beispiel keine Lieferungen nach USA möglich waren, ist ein weiteres Problem, wie auch Daniel Kappla vom Münchner Label Gutfeeling betont. Zwischenzeitlich habe sogar der Onlinehändler Amazon keine Vinylschallplatten mehr angenommen, erzählt Kappla weiter, dessen Label vorwiegend Vinyl anbietet. Ansonsten gibt es die Alben bei Gutfeeling auch als Downloads. Nur sei selbst deren Verkauf über die Jahre zurückgegangen. »Mit Corona haben wir da noch einen deutlichen Sprung gespürt. Mittlerweile nutzen die meisten Menschen nur noch Streaming-Angebote, die den Künstlern selbst gerade mal Pfennigbeträge einbringen«, resümiert Kappla. Tonträger würden dagegen hauptsächlich auf Konzerten verkauft, die aktuell aber ausfielen.

Die geplante Veröffentlichung des ersten Longplayers der japanisch-deutschen Band Sasebo aus München hat Gutfeeling darum beispielsweise auf den Herbst verschoben: »Ob dann wieder reguläre Konzerte stattfinden können oder mit welchen Einschränkungen wir dann zu kämpfen haben, bleibt abzuwarten«. Immerhin hätte es während des Lockdowns regelrechte Solidaritätsbestellungen gegeben von besonders treuen Fans. Der große Absatz der jüngsten Publikationen von Leonie Singt und G Rag/Zelig Implosion Deluxxe fiel mit deren Konzerten allerdings aus: »Ein paar Gigs gab es zwar schon. Etwa in Biergärten. Aber nur im Münchner Raum. Also keine richtige Tournee«, sagt Kappla und gibt zu bedenken: »Aber wie oft kann eine Band in derselben Stadt spielen? Da stellt sich schnell eine Übersättigung ein.« Um ihren Künstlern dennoch Auftrittsmöglichkeiten zu sichern, wirken an anderer Stelle die Münchner Labels Echokammer und Trikont auch bei Freiluftprogrammen wie am Grünspitz in Giesing mit, wo den Sommer über jedes Wochenende Konzerte stattfinden. Denn solche Konzerte seien nicht nur der eigentliche Verkaufsort von Tonträgern, so Günter Hablik von Trikont, sondern überhaupt die vorrangige Einnahmequelle.

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»Tears and Teeth« von Inga | © Trikont

»Eigentlich macht Corona nur eine Krise sichtbar, die in der Musikindustrie schon lange vorherrscht«, sagt Hablik und erklärt, dass auch Trikont nur überleben konnte, weil das Label mittlerweile auch für das Booking seiner Künstler zuständig ist. Wenn aber nun auch das zweite Standbein wegfällt, hängen viele sprichwörtlich in der Luft. Umso mehr freute es da natürlich seinen Kollegen Stefan Winter von Winter & Winter und von der Neue Klangkunst gGmbH, dass die Aufführung seiner vierjährigen Arbeit mit Fumio Yasudas Komposition »Die neunte Welle – Ode an die Natur (Klangkunst nach Ludwig van Beethoven)« auf dem Spring Festival in Tokio nicht coronabedingt abgesagt, sondern mit großem Aufwand fürs Internet produziert wurde. Es ist ein Schritt in neue Richtungen und Stefan Winter weiß das zu schätzen: »Ich glaube, dies ist eine der ersten Internetproduktionen, seit Corona die Hände zum Würgegriff ausstreckt. Unser großer Dank gilt dem Spring Festival in Tokio. Anstatt abzusagen, haben sie das Budget erhöht und das Unmögliche möglich gemacht.« Bis zum 3. September ist darum trotz weiterer Widrigkeiten, die auch noch kurzfristige Umbesetzungen nötig machten, bei www.tokyo-harusai.com der kostenlose On-Demand-Stream einer Produktion zu sehen, von der Stefan Winter behauptet: »Ich  denke, diese meine Arbeit legt den Finger an den Puls der Zeit. Ich wäre sehr glücklich, falls viele dieses Werk entdecken können.«

Ansonsten scheint die konzertfreie oder zumindest eventarme Zeit auch eine hübsche Gelegenheit zu sein, umso mehr wieder das Format Schallplatte oder Album zu genießen. Etwa das klangverspielte Überraschungsdebüt »Tears And Teeth« der in München lebenden Künstlerin Inga, das jüngst bei Trikont erschien. Oder die Auseinandersetzung der Jazzrausch Bigband mit Beethoven bei Act Music. Oder überhaupt die zahlreichen Klassikveröffentlichungen, die beispielsweise Naxos Deutschland oder Orfeo trotz Corona veröffentlichten. Denn schließlich musste auch die Klassik neue digitale Wege gehen, wie Matthias Lutzweiler, Geschäftsführer von Orfeo und Naxos Deutschland, erklärt: »Natürlich hat der Wegfall von CD- und Blu-RayVerkäufen durch den Wegfall von Konzerten und Opernaufführungen durchaus erhebliche Auswirkungen, aber die von uns im März getroffene Entscheidung, keine Verschiebung wichtiger Veröffentlichungen in Zeiten der Corona-Maßnahmen vorzunehmen, hat uns geholfen, auch und gerade in der Krise viel präsenter auf dem Plattenmarkt zu sein.« Die Show geht weiter, auch für die, die von München aus dafür sorgen, dass die Musik, die vor Ort gemacht wird, in der Welt gehört wird. ||

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