Ein Gespräch mit Falk Richter über seine Zusammenarbeit mit der Choreografin Anouk van Dijk, ihr gemeinsames Tanztheaterstück »Touch« und seine neue Rolle in München.

Falk Richter: »Es macht ja was mit einem, wenn man nicht mehr berührt wird«

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Falk Richter | © Esra Rotthoff

Seinen ersten großen Erfolg hatte Falk Richter (Jahrgang 1969) als Autor von Stücken wie »Gott ist ein DJ« und »Electronic City«. In den letzten Jahren hat er an vielen großen Häusern inszeniert, darunter etliche interdisziplinäre Stückentwicklungen. Für seine Inszenierung von Elfriede Jelineks »Am Königsweg« kürte ihn »Theater heute« 2018 zum Regisseur des Jahres. Nun kommt Falk Richter als Hausregisseur an die Münchner Kammerspiele.

Falk Richter, Sie haben sich zuletzt viel mit dem Wiedererstarken rechtsradikaler Tendenzen, toxischer Männlichkeit und der Spaltung Europas beschäftigt. Was sind aktuell die großen Fragen für einen Künstler, der sich als Chronist der Gesellschaft versteht?
Im Moment geht es vor allem darum, intellektuell, emotional und auch ästhetisch zu begreifen, was eigentlich gerade passiert: mit jedem Einzelnen und der Gesellschaft. Dass es ein Einschnitt ist, spüren wir ja alle, aber wir können ihn noch nicht richtig benennen. Es spukt noch immer der Mythos herum, dass wir wieder zurückkehren zu normal, aber das können wir, glaube ich, vergessen.

Wie wirkt sich die aktuelle Situation auf das Tanztheaterstück aus, das Sie gerade proben?
Niemand darf andere berühren, es darf nicht laut gesprochen werden – und sobald sich jemand freier und intensiver bewegt, muss er sechs Meter Abstand zu den anderen halten. Das sind klare Einschränkungen, die aber auch interessant sind, beinahe wie eine Metapher für eine berührungslose Gesellschaft. Ich habe in den letzten Jahren so viel über Einzelkämpfer, Disconnected-Sein und monadische Existenzen gearbeitet, und jetzt ist es unsere Arbeitsrealität.

Worum geht es konkret in »Touch«?
Auch da hat uns die Realität eingeholt. Vor Corona wollten wir eine Situation in der nahen Zukunft erschaffen, aus der man auf unsere Zeit zurückblickt: Wie haben wir soziale Beziehungen organisiert? Was lief falsch? Dafür gab es Arbeitstitel wie »The Future« und »Where Are We Now?«. Und dann war die Zukunft plötzlich da, aus der wir jetzt auf weiter zurückliegende historische Einschnitte zurückschauen wie die
Französische Revolution, die Kolonialgeschichte oder unser rastloses, zerstörerisches Leben direkt vor Ausbruch des Virus. Solche Ausnahmezustände verändern eine Gesellschaft langfristig. Auch der Krieg gegen den Terror wurde ja nie offiziell beendet, alle Ausnahmegesetze, die kurz nach dem 11. September 2001 erlassen wurden, gelten noch heute. Die Erfahrung der sozialen Distanz, die besondere Wachsamkeit im alltäglichen Umgang miteinander, die gesellschaftliche Angst als Grundzustand werden den Inhalt des Abends prägen.

Hat diese Erfahrung, die ja eine gemeinsame ist, bei den Proben auch etwas entfesselt?
Wir mussten innerhalb von drei Wochen komplett umdenken. Unser Bühnenbild war schon fertig, konnte aber unter CoronaBedingungen von den technischen Abteilungen für den Repertoirebetrieb nicht schnell genug aufgebaut werden. Und dann hat sich dieses Gefühl eingestellt: Vergessen wir alles Geplante und machen einfach! Das war auch befreiend. Wir kamen alle aus dem Lockdown, hatten wochenlang höchstens den Partner gesehen und waren ein paar Tage lang unglaublich happy, miteinander arbeiten zu können. Wir filmen immer alle Proben mit und haben gerade heute gesehen, dass gleich am dritten Tag eine ganz tolle Impro entstanden ist.

Steckt in dem Titel »Touch« auch ein Quäntchen Trotz: Im Sinne von »Jetzt erst recht«?
Ich sehe es als Herausforderungen an, trotz aller Beschränkungen ein Höchstmaß an Sinnlichkeit zu entwickeln und das Theater als Ort des Rausches, der Nähe und der Kommunikation zu behaupten. Dennoch wird der Abend sicher in weiten Teilen sehr kontrolliert und achtsam wirken, weil wir das ja auch tatsächlich sein müssen.

Auch wenn die Form kontrolliert wirkt, liegt inhaltlich nicht die Farce nahe? Gerade weil man im Theater mit manchen absurden Einschränkungen zu kämpfen hat, die im Alltag längst nicht mehr gelten?
Tatsächlich geht es erstaunlich emotional und berührend zu. Es kann sich noch ändern, aber im Moment liegt eine gewisse Trauer über den Proben, die von den Körpern der Menschen ausgeht, die sich eine andere Art von Leben wünschen. Es macht ja was mit einem, wenn man nicht mehr berührt wird. Viele neue Schauspieler ziehen gerade erst nach München. Die Tänzerinnen kommen als Gäste aus Schweden, Italien, Frankreich, Litauen, Taiwan und dem Libanon. Sie sind jetzt ganz neu als Gruppe zusammen, dürfen sich aber nicht nahe kommen.

Was kommt dabei für eine Ästhetik heraus, was ist überhaupt möglich?
Grundsätzlich alles Solistische, alles Zarte, Leise, Vorsichtige. Wir sind bis zur Sommerpause in der Ausprobierphase und haben viel mit Plexiglas, Handschuhen und Schutzanzügen experimentiert. Im Herbst sehen wir dann weiter. Wir haben auch starke Bühnen-, Kostüm- und Videokünstler mit an Bord. Ob es die große Eröffnungsinszenierung wird, wie wir mal gehofft hatten, wird man sehen. Aber auf keinen Fall wollen wir 30-Prozent-Theater machen.

Sie arbeiten seit 1999 immer wieder mit der Choreografin Anouk van Dijk zusammen. Was reizt Sie an der Arbeit mit ihr und mit gemischten Ensembles?
Die Mehrdimensionalität der Ausdrucksmittel, dass Tanz in Bereiche reingeht, wo die Textsprache nicht hingelangt, dass energetische Zustände anders ausgedrückt werden können. Anouk hat ja eine eigene Technik entwickelt, die »Countertechnik«, wo es zu jeder Bewegung eine sie ausbalancierende Gegenbewegung geben muss. So denken wir oft das Bühnengeschehen als Ganzes.

Was wird sich für Sie als Hausregisseur der Münchner Kammerspiele gegenüber Ihrer Zeit am Hamburger Schauspielhaus ändern?
Während ich in Hamburg nur ständiger Regisseur war, bin ich hier als Teil der Leitung in alle Gespräche über die künstlerische Ausrichtung involviert. Wir sind ein sehr großes Leitungsteam mit einer Dramaturgin aus Syrien, einem Autor aus dem Iran und einer Regisseurin, die vom Schweizer Theater HORA kommt und mit Schauspielern mit kognitiven Beeinträchtigungen arbeitet. Aus diesem sehr diversen Team kommen viele verschiedene Impulse. Außerdem habe ich eine Professur für Performing Arts in Kopenhagen und freue mich darauf, meine Arbeit dort mit der Otto Falckenberg Schule hier zu verbinden, die wir internationaler ausrichten wollen.

Welche Chancen stecken für Sie in einem ebenfalls sehr diversen Ensemble?
In meinem Schauspielcast für »Touch« mischen sich Diskurse und Arbeitsweisen des ehemaligen Lilienthal-Ensembles mit denen neuer Schauspielerinnen aus Karlsruhe oder dem Hamburger Schauspielhaus unter Karin Beier. Und wir haben Erwin Aljuki‹ dabei, der die Glasknochenkrankheit hat. Mit ihm zu arbeiten ist für mich und auch für viele Tänzerinnen und Tänzer neu und extrem spannend. Er wird auch in »Heldenplatz« spielen, neben Thomas Hauser, Annette Paulmann, Wiebke Puls und Edgar Selge.

Mit einer Menge alter Münchner Bekannter. Dagegen ist Thomas Bernhards »Heldenplatz« das einzige ältere Theaterstück im Spielplan der ersten Mundel-Spielzeit. Wie kommt es, dass Sie nach so vielen Stückentwicklungen wieder ein fremdes Stück inszenieren?
Barbara Mundel hat mich gefragt, ob mir ein Regisseur dafür einfällt, und ich habe gesagt: Ja, ich! Weil sich Bernhard hier genau mit dem Moment auseinandersetzt, an dem eine rechtsnationale, antisemitisch aufgeladene Stimmung kippt und gefährdete Gruppen entweder dagegen aufbegehren, das Land verlassen oder aus Verzweiflung Selbstmord begehen. Diese Gefährdung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen gibt es heute in Deutschland wieder. Und niemand schützt sie, da die Polizei wieder Teil des Problems geworden ist und Politiker tatenlos zusehen, wie Morddrohungen ausgesprochen und Attentate verübt werden. Da ist Bernhard leider sehr aktuell.

Zwingt ein derart diverses Ensemble einen Regisseur wie Sie nicht geradezu, mit den entsprechenden Schauspielerbiografien zu arbeiten?
Das ist vielleicht ein Thema für ein zweites Gespräch. Nach dem Väter-und-Söhne-Stück »In My Room« am Maxim Gorki Theater, das sehr biografisch war, interessiere ich mich gerade wieder für »Fabulationen«, wie Donna Haraway das nennt: offene Geschichten, die Fakten, Fiktionen, Autobiografisches, Fantastisches und Spekulatives miteinander verbinden. ||

TOUCH
Kammerspiele | noch keine Termine | Tickets: kasse.mk@muenchen.de
Website von Falk Richter

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