Jan Struckmeier und Anne Kapsner sind beide um die dreißig und Münchner Regisseur*innen. Die Stücke, die sie im HochX und im Pathos zeigen, könnten dennoch unterschiedlicher nicht sein.

Jan Struckmeier & Anne Kapsner: Liebesfrust und Bauernkriege

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Jan Struckmeier | © Jean-Marc Turmes

Er bringt im September im HochX sein von der Stadt gefördertes Debüt heraus; sie zeigt im August eine »performative Suche« im Pathos, mit der sie ihr Regiestudium an der Frankfurter HfMDK abschließt. Sein Stück heißt »GÖTZIN 2020. Fragmente«, ihres »Nur die Liebe zählt, haben sie gesagt«. Und da stellt sich die Frage, was für Endzwanziger heute ungewöhnlicher und mutiger ist: Sich auf die Fährte Götz von Berlichingens zu begeben oder kopfüber in die Klischeefallen der heterosexuellen Liebe?

Jan Struckmeier ist 1991 in München geboren, wo er schon während seines Theaterwissenschaftsstudiums mehrere Bühnenprojekte realisiert hat. Das Label »Theater Tut Weh«, sagt er, habe er ad acta gelegt, nachdem es von einer Grundeinstellung zu einer leeren Hülle geworden sei. Anne Kapsner ist Jahrgang 1990, ebenfalls Münchnerin und Mitglied von zwei Kollektiven: Mit dem mädchen*theater – nomen est omen – hat sie
2017 in Frankfurt ein »OVARtorium« mit vielen Fake-Körperflüssigkeiten veranstaltet. Das Kollektiv Hain/Kapsner/Mahlow/Romanowski gibt es seit der Spielzeit 2017/18, wo es während einer Residenz am Künstlerhaus Mousonturm eine Schulbegehung für junges Publikum entwickelt hat.

Kapsner, die auch selbst performt, hat gerade eine Regieassistenz an den Münchner Kammerspielen begonnen. Wenn sie von ihren Projekten spricht, klingt das verspielt, aber nicht unbedarft. Die Begriffe Feminismus, Lust und Gender fallen. Was Jan Struckmeier per E-Mail schreibt, kreist so hartnäckig wie bedächtig um Geschichte, Gemeinschaft, Globalisierungsverlierer und die chorische Form. Sein Interesse an Götz von Berlichingen ist vier Jahre alt und begann sich im Garten des Klosters Amorbach zu regen: »Über diesen Ort wollte ich 1000 Jahre deutsche Geschichte erzählen, die diesen abgeschotteten Kosmos immer nur berührten. Bis zu dem Moment, als Götz von Berlichingen und die Bäuer*innen 1525 gewaltsam in ihn eindrangen.« Die Erzählung harrt noch ihrer Umsetzung, denn ab da hat sich die Figur des Götz vor sie geschoben als »die erste Person, die nach 1000 Jahren Mittelalter ihre Autobiografie schreibt beziehungsweise diktiert.«

Für sein Theaterprojekt bedient sich Struckmeier nicht des Stücks von Goethe, sondern des mittelhochdeutschen Originals, das »erst laut gelesen einen vertrauten Sound bekommt«. Er sei, verriet er kürzlich in Ruth Geiersbergers Gesprächsreihe »Kettenreaktion«, nicht musikalisch, aber ein »Soundmensch«. Über Einar Schleefs Sprechchöre hat er seinen Master gemacht und 2014, als er mit 19 Leuten »Die Pest« inszenierte, das chorische Arbeiten für sich entdeckt: »Ein guter Dialog ist so geschrieben, dass er zwei in sich geschlossene Welten aufeinanderprallen lässt«, erklärt Struckmeier. »Der Chor ist auf den ersten Blick homogen: Man spricht (meistens) einen Text zusammen, muss sich abstimmen. Gleichzeitig aber schwingt durchgehend eine Pluralität mit.« Die gibt es auch in »GÖTZIN«, wo sich Struckmeier auf die Bauern und Bäuerinnen konzentriert, »weil sie im Leben des historischen Götz von Berlichingen eine zentrale Rolle einnahmen« – und den Bogen ins Heute schlagen: »Dass Bäuer*innen zu den Waffen greifen, kann wieder Realität werden.« Ursprünglich sollte ein 82-jähriger Schauspieler den Monolog live vortragen, nun steht eine gut 30 Jahre jüngere Tänzerin auf der Bühne, die den Text vorab eingesprochen hat.

»Da sie keine Muttersprachlerin ist, wird er noch mehr zu Musik«, sagt der Regisseur, der kleine Zuschauergruppen zu thematisch unterschiedlichen »Slots« einlassen will, in die er die »Erzählung« Götz fragmentiert, die schon für so vieles stand: »Identifikationsfigur des aufkommenden Nationalismus, linker Bauernführer oder eine Art Hindenburg-Figur im Dritten Reich.« Im HochX werden sich die Zuschauer inmitten einer Videoinstallation frei im Raum bewegen. Das ursprünglich geplante gemeinsame Essen erlauben die Corona-Regeln nicht mehr.

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Anne Kapsner | © Sophie Wanninger

Wobei sich Anne Kapsner und Charlotte Mednansky im Pathos an einem Buffet »abarbeiten und bedienen« werden. Allerdings wird das Publikum auch hier nicht mit zugreifen können. Denn es liegen Torten und Erfahrungen auf diesem Buffet, Liebesbriefe und Erinnerungsfotos. Während des Shutdowns haben die beiden viel Zeit mit Reden verbracht über ihre Träume und die Desillusionierung, die einen mit Ende zwanzig packt. »Am Anfang waren wir«, sagt Anne Kapsner, »nur wir beide: wie wir uns unser Leben vorgestellt haben und wie es jetzt ist.«

Ihre »Entdeckungsreise« in den vergangenen Raum der Möglichkeiten fand online statt und dauerte pro Etappe meist drei bis fünf Stunden. Die Wegmarken: Beziehung, Freundschaft, Sex, die eigene Sozialisation und das Erschrecken vor den veralteten Rollenbildern in ihren Köpfen. Und dann die Erleichterung darüber, vieles davon bei Eva Illouz schwarz auf weiß geschrieben zu sehen. Wie sie szenisch und performativ mit ihren individuellen Erfahrungen und der allgemeingültigen Liebestragik umgehen, war zum Zeitpunkt unseres Gesprächs noch in der Experimentierphase. Wenn man Kapsner so erzählen hört, könnte das Ergebnis aber sehr lustig werden. ||

NUR DIE LIEBE ZÄHLT, HABEN SIE GESAGT
Pathos Theater | Dachauer Str. 110d |
7.–9. Aug. | 20.30 Uhr | Tickets: 0152 05345609

GÖTZIN 2020. FRAGMENTE
HochX | Entenbachstr. 37 | 19.–21. Sept. 15.25, 17.08, 18.45, 20.25 Uhr | Tickets: 089 90155102

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