Die Künstlerin Ilana Lewitan hat eine eindrucksvolle Installation zum Thema Ausgrenzung und Diskriminierung entwickelt. Unter dem Titel »Adam, wo bist Du«? ist die raumfüllende Arbeit jetzt im Museum Ägyptischer Kunst in München zu sehen.

Ilana Lewitan: Der Mensch zwischen den Stühlen

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Ilana Lewitan: »Adam, wo bist du?«, 2019/2020 – Detail aus der Rauminstallation, diverse Verbandskästen © Ilana Lewitan

Man muss schon geschickt sein, um im Spiel zu bleiben. Kinder lernen das ganz schnell bei der »Reise nach Jerusalem«: Wer nicht zum Sitzen kommt, fliegt raus. Im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst erfährt dieser scheinbar so amüsante »Tanz um den Sessel« jetzt eine fatale Variante, denn über die Farbe der Eintrittskarte ist der Platz bereits zugewiesen. Wer Pech hat, landet auf dem Boden, weil etwa die Sitzfläche fehlt, ein Bein gebrochen ist oder der Stuhl unerreichbar hoch auf einer Stange thront. Fast wie für den Schiedsrichter beim Tennis, nur eben ohne Leiter. Ilana Lewitan hat sich diese frappierend einfache und zugleich so vielsagende Möbelsammlung einfallen lassen.

Dazuzugehören kann von vielen Faktoren abhängen – oder eben der pure Zufall sein. Der wilde Stuhlmix ist Teil ihrer raumfüllenden Installation »Adam, wo bist Du?«, in der sie einer ganz zentralen Frage nachgeht: »Was wäre, wenn Jesus 1938 gelebt hätte?« Man kann sich das leicht ausmalen, zumindest in Deutschland, und die Münchner Künstlerin gibt auch gleich selbst die überdeutliche Antwort.

Ein zum Plakat vergrößerter »Schutzhaftbefehl« der Geheimen Staatspolizei ist auf einen gewissen »Jehoshua Israel ben Joseph« ausgestellt, »geboren am 24. 12.1908 in Nazareth, von Beruf Handwerker und Wanderprediger, ledig, staatenlos, Jude, wohnhaft in München und obdachlos«. Die Religion allein hätte für eine Festnahme genügt – und in der Folge das Todesurteil. Tatsächlich fällt der Blick auch gleich ans andere Ende des Ausstellungssaals, wo die Hülle eines über drei Meter hohen Korpus in Gestalt eines KZ-Häftlingsanzugs samt gelbem David-Stern vor einem Kreuz schwebt.

Die Gaskammer, die unendlichen Qualen, die Verhöre, die Foltermethoden der Nazis – vieles wird hier angetippt. Und obgleich dieser Schlusspunkt der Installation allzu demonstrativ daherkommt, berührt er. Ilana Lewitan hat es bei diesen univoken Bildern freilich nicht belassen, das macht dann auch wieder die Qualität der Arbeit aus. Denn zum einen wird die Figur Jesus von Nazareth gerade von jüdischer Seite eindringlich beleuchtet. Und hier formuliert die vor einem Jahr verstorbene ungarische Intellektuelle Ágnes Heller die vielleicht überzeugendsten Argumente für diese künstlerische Auseinandersetzung mit dem Gekreuzigten: Jesus, sagt sie, würde in allen Welten, zu allen Zeiten, zum Tode verurteilt werden. Natürlich während des Nazismus gleich zu Anbeginn, noch vor der »Weißen Rose«. Weil er eine »rebellische und reine Natur« gewesen sei, und mehr noch »ein radikal guter, radikal freundschaftlicher Mensch«. Zum anderen weitet Ilana Lewitan das Thema der Ausgrenzung über den konkreten Fall Jesus und den Antisemitismus hinaus aus.

An verschiedenen Hörstationen kommen Menschen zu Wort, die sich erst ihren Platz und ihr »Sein« erkämpfen mussten und immer noch müssen. Etwa ein junger Geflüchteter aus dem Iran, der in München eine Lehre macht und dessen Freund an der Grenze zwischen Syrien und der Türkei erschossen wurde. Oder eine Fotografin, die als Mann geboren wurde, sich jedoch immer schon als Frau gefühlt hat. Ilana Lewitan, die als Malerin farbintensiver, rätselhafter Bilder bekannt wurde, will vermitteln, wie es sich anfühlt, wenn man ausgeschlossen wird. Und von der Nationalität bis zum Geschlecht kann da einiges den Ausschlag geben. Manchmal genügt es, zur falschen Zeit zu leben. Zwischen dem Ende des
NS-Terrorregimes und ihrer Geburt liegen keine 16 Jahre, Lewitan kam in der ehemaligen »Hauptstadt der Bewegung« als Tochter von zwei Überlebenden der Schoah zur Welt.

»Die tragischen Erfahrungen der Eltern prägen bis heute meine Gefühlswelt«, sagt die Künstlerin. Und selbstredend auch ihr Schaffen. Für die Münchnerin ist das Haus der alt-ägyptischen Kultur mitten im Kunstareal der ideale Ort für diese Installation, die durch die dräuenden Klänge des Komponisten Philippe Cohen Solal (u. a. mit Omer Meir Wellber am Akkordeon) noch einmal eine weitere Spannung erfährt. In diesem Viertel hatte sich die NSDAP ausgebreitet und ihren unheimlichen Machtapparat eingerichtet. Der Platz, auf dem das Museum heute steht, war für einen Kanzleibau der Partei vorgesehen, und die unterirdische Bunkeranlage wurde bereits während des Krieges fertiggestellt und musste für den Bau des Museums abgebrochen werden. Entsprechend hat Direktorin Sylvia Schoske für dezidierte Interventionen in die ständige Sammlung plädiert. Und die Kultur am Nil mit ihren jahrtausendealten Objekten bietet wiederum ein gutes Terrain für Ilana Lewitans Einwürfe. Ob sie sich nun in eine Kennkarte aus dem Dritten Reich oder einen israelischen Pass aus den 1970er-Jahren kopiert. Oder ob sie selbst in sehr unterschiedliche Identitäten schlüpft und sich im Stil von Cindy Sherman mal als Muslimin, mal als schwarzes Rasta-Girl oder als blauäugige Wasserstoff-Blonde abbildet. Neben den eingangs erwähnten Stühlen sind das sicher die eindrucksvollsten Denkanstöße. ||

»ADAM, WO BIST DU?«
Staatliches Museum Ägyptischer Kunst
Gabelsbergerstraße 35 | bis 10. Januar
Di 10–20, Mi–So/Fei 10–18 Uhr | Der reich bebilderte Katalog hat 106 Seiten

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