Jenseits von Bild und Skulptur: Das Haus der Kunst zeigt eine fulminante Retrospektive des Konzeptkunst-Pioniers Franz Erhard Walther.

Franz Erhard Walther: Handlung als Werk

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Franz Erhard Walther: »Versuch, eine Skulptur zu sein« | 1958 | Collection of The Franz Erhard Walther Foundation | Foto: Egon Halbleib, Franz Erhard Walther Foundation Archives, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

»Handstücke«, »Nähungen«, »Körperformen«, so sind Werkgruppen um 1963 betitelt, »Schreitbahnen« und »Schreitsockel« der 70er Jahre verweisen auf situationsbedingte Erfahrungen, und dann gibt es in der großen Retrospektive von Franz Erhard Walther im Haus der Kunst auch den mittlerweile legendären »1. Werksatz« zu sehen, eine 1963–1969 entstandene Reihe von 58 textilen Objekten, die Menschen Aktionen und Interaktionen im Raum ermöglichen, zum Handeln auffordern.

Einige wurden zur und nach der Eröffnung der Ausstellung am 5. März von Performern live demonstriert, was coronabedingt nicht mehr möglich ist. Obwohl es darunter Objekte gibt, die auf Distanz manövriert werden: »Sehkanal«, eine Stoffbahn, die von zwei Personen über den Kopf gezogen und viele Meter weit straff gespannt wird. Andere Objekte wiederum stellen Nähe her und ermöglichen eine Sensibilität für Veränderungen der Parameter im Raum, etwa wenn sich mehrere Menschen bei »Kurz vor der Dämmerung« hintereinander zu einer Schlange formieren. Der komplette »1. Werksatz« liegt in der Schau auf einer großen Podestfläche als Lager geordnet, in eigens gestaltete Hüllen verpackt. Der Betrachter kann sich seiner Vorstellungkraft bedienen und auch die Fotodokumentation von Tim Rautert mit allen Aktionsformen studieren.

Die Radikalität und Konsequenz solcher Aktivierungskunst-Arbeiten damals in Deutschland lässt sich von heute aus kaum ermessen. Wobei auch heute noch die Konsequenz der Formulierungen überzeugt – und das Grundkonzept dieser neuen Kunst, »dass der Betrachter zum Benutzer wird und der Einzelne Partner erhält, dass Dialoge entstehen oder rein visuelle Erlebnisse durch räumliche und zeitliche ergänzt werden«, wie es der Kunsthistoriker Götz Adriani schon 1973 in der ersten Werkmonographie formulierte.

Der 1939 in Fulda geborene Bäckerssohn besuchte die Werkkunstschule in Offenbach, wechselte an die Frankfurter Städelschule, wobei ihm seine Abwendung vom traditionellen Bild – er präsentierte die Rückseiten älterer Malereien als Werke – die Exmatrikulation eintrug. Auf der nächsten Station, in der Klasse von Karl Otto Götz an der Düsseldorfer Kunstakademie, beschäftigte er sich statt mit Themen und künstlerischen Handschriften eher mit Materialprozessen. Das zeigt in der Ausstellung »Luftkissen aus der Illustrierten-Werbung« (1963), eine Pop-Anzeigencollage, die mit dem Raster-Format und der Auspolsterung und dem »rohen« Material Papier auf Walthers spätere Prinzipen vorausweist.

Jedenfalls schockte das Bildobjekt die Besucher des Kunstkreises in Fulda. Walther verteilte und schichtete damals schon – zwischen Bild und Skulptur – dünne Papierbögen im Raum, bestrich Fleisch-Einwickelpapier mit Kleister, dessen Trocknung unkonrollierte Formen zeitigte, oder schloss Luft in zusammengeklebte Bögen ein.

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Installationsansicht »Franz Erhard Walther. Shifting Perspectives«, Haus der Kunst, 2020 | Foto: Maximilian Geuter, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

1963 schuf er die ersten textile Objekte, »Vier Körperformen«: organische, gewölbte Kissen mit geschwungenen Konturen. Die treten in Dialog mit dem Körper, wenn man sie etwa an Hals, Hüfte, Schulter anlegt, und das Konzept dahinter, erläuterte Walter zur Eröffnung, ist radikal: Der Mensch wird dabei zum Sockel der Skulptur. Spätere Arbeiten wiederum werden zum Sockel, zum Bezugsraum für den agierenden Menschen. Seine erste Ehefrau Johanna Walther war Textiltechnikerin; sie hat seine Werke genäht und tut das bis heute. Die Akademiekollegen in Düsseldorf machten eine Kissenschlacht mit seinen Arbeiten und Beuys, Richter und Polke rissen ihre Witze: Der Walther sattelt jetzt auf Schneider um. In New York, wo Walter ab 1967 ein paar Jahre lebte und sein »1. Werksatz« im MoMA gezeigt wurde, fühlte er sich besser verstanden. Der »Goldene Löwe« der Biennale 2017 als bester Künstler bestätigte seine Bedeutung bis heute.

Eine andere Grenzüberschreitung ist Walther ebenfalls stets aufs neue geglückt: die zwischen Malerei, Skulptur und Architektur. Wobei seine Werke die hohen, mächtigen Räume und das NS-Pathos im Haus der Kunst aufs Schönste verwandeln: mit Klarheit und humaner Haltung. Durch das warme Gelb, satte Bordeaux und leuchtende Rot etwa seiner »Raumelemente«, überlebensgroßen »Körperformen« und der Objekte und Stationen seiner »Wandformationen«. Denn von den unscheinbaren Tönen der Papier- und Stoffmaterialien wechselte er zur gesättigten Farbe, die seinen Arbeiten zusätzlich Kraft spendet. Deutlich wird das auch in den »Raumabnahmen«, das sind maßstabsgetreue textile Abformungen des Raums seiner ersten Ausstellung in Fulda (in einem Ziegelton) und seines Hamburger Ateliers (in Blau). Von 1971 bis 2005 war er Professor für Bildhauerei an der Hamburger Hochschule, und seine Schüler schwärmten von ihm, darunter Rebecca Horn, Martin Kippenberger, Santiago Sierra, und Tino Sehgal. Über sechs Jahrzehnte spannt sich sein Œuvre und Walthers Werk ist noch nicht zu Ende gedacht. Ein System sinnlicher Zeichen, das Ordnungen immer wieder neu finden lässt. ||

BFRANZ ERHARD WALTHER. SHIFTING PERSPECTIVES
Haus der Kunst | Prinzregentenstr. 1 | bis 29. November | Mo–So 10–20 Uhr, Do bis 22 Uhr (mit Mund-Nasen-Schutz) | Kuratorenführung mit Jana Baumann: 14. Juli, 18 Uhr (Anmeldung erforderlich) | Führungen: Sa/So, 16.30 Uhr (max. 10 Personen) | Der schöne Katalog (Hatje Cantz, 290 Seiten, 260 Abb.) kostet im Haus 49 Euro

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