Ein Spitzengespräch mit Christian Stückl (Münchner Volkstheater) und Michael Stückl (Jazzclub Unterfahrt) über Kulturarbeit, nicht nur zu Corona-Zeiten.

Christian und Michael Stückl: Schon verrückt

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Schöne neue Kulturwelt: Sabine Leucht stellt viele Fragen …

Eigentlich muss man den Brüdern nur ein Mikrofon hinstellen und am Ende das Gesagte zwischen sehr, sehr vielen Lachern herausfiltern. Und etwas kürzen, damit die Seiten nicht vor Opulenz überlaufen. Christian Stückl, Jahrgang 1961, ist seit 18 Jahren Intendant des Münchner Volkstheaters und seit 1987 Oberspielleiter der Passionsspiele in Oberammergau. Sein Bruder Michael Stückl, vier Jahre jünger, ist Arzt und verdient sein Geld als ärztlicher Medizincontroller. Außerdem ist er seit mehr als 30 Jahren im Verein und Vorstand des Förderkreises Jazz und Malerei München e.V. aktiv, der den Jazzclub Unterfahrt betreibt, – und dessen Programmleiter.

Was haben ein Jazzclub und ein Stadttheater in diesen Tagen gemeinsam?
Christian Stückl: Dass man damit beschäftigt ist zu überlegen, wie man mit der Situation umgeht und welche Lösungen man für sie findet.

Das verordnete Nichtstun macht also richtig Arbeit?
Michael Stückl: Tatsächlich viel mehr als der tägliche Konzertbetrieb. Der ist eingespielt, das Team beschäftigt, die Maschinerie läuft. Im Moment machen wir ein bis zwei Mal die Woche Konzert-Livestreams ohne Publikum, und die Routine ist dahin. Die Unterfahrt hat seit einem Jahr den Slogan »it’s new every time!«, der sich eigentlich auf die Einmaligkeit jedes Live-Konzerterlebnisses bezieht. Jetzt kann man ihn eher so lesen, dass jeder Tag eine neue Herausforderung bringt.

Zum Beispiel für die Bläser. Jetzt müssen sie offiziell nur noch zwei Meter Abstand zum Publikum halten, anfangs waren es zwölf.
Michael Stückl: Und zwischenzeitlich drei. Unser Raum misst von Wand zu Wand 10 Meter 34, davon nimmt allein schon die Bühne drei Meter weg – und der Bläser steht ja vorne. Schon mit einer Abstandsregelung von drei Metern ist die Hälfte des Clubs nicht mehr mit Publikum zu belegen.
Christian Stückl: Dass die Luft durch ein Instrument 12 Meter nach vorne geblasen wird, ist überhaupt eine sehr kindische Vorstellung, die aber von den Unfallversicherern kam. Da kann der Staat wenig machen. Gerade bei einer Trompete ist ja der Weg der Luft im Instrument schon weit. Aber das hat die Studiebei den Bamberger Symphonikern ja inzwischen relativiert.

Ergeben sich dadurch für den Club neue Möglichkeiten?
Michael: In irgendeiner Form werden wir demnächst öffnen, öffnen müssen, aber unser Modell ist eigentlich, dass der Club immer brechend voll ist. Die Stimmung ist viel von dem, was die Unterfahrt ausmacht, und die werden wir noch eine ganze Weile nicht sinnvoll haben können. Wir haben ja ein sehr gemischtes Publikum – ganz ähnlich wie Christian. Ein paar Vereinsmitglieder über 85 haben sich jetzt abgemeldet, weil sie nicht mehr daran glauben, dass sie noch jemals in den Club kommen können angesichts der Risiken. Andererseits sind gerade auch einige ganz Junge dazugekommen. Deshalb experimentieren wir jetzt mit Videoübertragungen, damit wir, auch wenn wir wieder für Publikum öffnen, eine kombinierte Form der Konzertvermittlung anbieten können.

Daraus kann sich ja fast eine eigene Kunstform entwickeln.
Christian: Dabei werde ich nicht mithelfen. Das bin nicht ich. Ich finde es gruselig, wenn das Haus leer ist. Ich bin schon
froh, wenn ihr zwei da seid.

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… die Michael und Christian Stückl enthusiastisch und mit dem Humor der Überzeugungstäter beantworten, derweil im Saal des Volkstheaters die Reihen abmontiert werden | Fotos: Ralf Dombrowski

Die Volkstheater-Pressekonferenz Anfang Mai war für mich das beherzteste Bekenntnis zum Spiel- und zum Begegnungsort Theater überhaupt. Und im Nachhinein fast prophetisch, weil vieles von dem, was ihr damals umsetzen wolltet, jetzt Regelwerk ist. Wie ist es danach weitergegangen?
Christian: Eigentlich haben es alle goutiert, dass man was probiert. Ich bin zum Kultusminister Sibler gegangen und der hat gesagt: Deine Idee darfst du im Moment noch nicht umsetzen, aber wenn du Mitte Juni wieder loslegst, wird es wahrscheinlich erlaubt sein. Und so ist es gekommen. Wir haben ausgemessen, dass wir 110 Leute in unseren Zuschauerraum reinbringen, und 100 sind jetzt erlaubt.

Eine Idee war, den Sommerurlaub vorzuziehen und dafür schon im Sommer statt im Herbst in die neue Spielzeit zu starten. Ihr seid seit Mitte Juni wieder im Haus. Läuft alles so wie gedacht?
Christian: Das Schließen war relativ leicht, das Öffnen ist viel schwieriger. Man kann ja nicht einfach losspielen. Wir haben unsere Stücke durchgeschaut und nur »Felix Krull« und »Warten auf Godot« gehorchen den Abstandsregeln, »Amsterdam« könnte man vielleicht uminszenieren. Aber da sind wir schon am Ende. Deshalb proben wir jetzt bis Mitte August fünf coronataugliche Produktionen neu und zeigen sie ab 24. Juli im Wochentakt.

Welche? Noam Brusilovskys »Gehörlosen-Hörspiel« stand ja schon kurz vor der Uraufführung?
Christian: Ja, das war fertig geprobt und wird im September unsere sechste Premiere. Noam muss nur von der kleinen Bühne auf die große Bühne umziehen und sich bühnenbildtechnisch mit dem neuen Raum arrangieren. Ansonsten mache ich »Goldberg-Variationen« von Tabori, Mirjam Loibl Kafkas »Der Bau«, Simon Solberg »Indien« von Josef Hader, Sapir »Das hässliche Universum« von Laura Naumann und Abdullah Karaca macht einen Ingeborg-Bachmann-Text, der »Probleme Probleme« heißt.

Passend!
Christian: Ja, wir haben gemerkt, dass wir gar nicht auf gleichzeitige Proben vorbereitet sind und haben Räume von anderen Theatern angemietet, die dann in Urlaub sind. Wir müssen unsere Teams komplett auseinanderhalten, damit die anderen weiterproben können, wenn in einem Team ein Coronafall auftritt. Das sind riesige Herausforderungen.

Vor allem für hitzigere Temperamente.
Christian: Also ich kann das gar nicht. Ich laufe als Regisseur gerne auf die Bühne, pack den Schauspieler am Krawattl und zieh ihn umeinand. Ich werde mich neu erfinden müssen als Regisseur auf Distanz.

Sind die Regelungen und Verordnungen für euch immer nachvollziehbar?
Christian: Manches ist verrückt. Gestern sehe ich in den Nachrichten, dass die Flixbusse wieder fahren dürfen. Wir bauen im Theater
jede zweite Sitzreihe und zudem noch drei von vier Sitzen aus. Da fühlt man sich total verloren und steigt dann in einen vollgepackten Flixbus nach Hamburg ein.
Michael: Ich habe auch schon darüber nachgedacht, wo es jetzt heißt, dass im Flugzeug wegen der Luftzirkulation das Ansteckungsrisiko so gering sei: Vielleicht sollte man Jazzkonzerte in ausrangierten Flugzeugen machen.

Macht die Krise auch kreativ?
Christian: Also, ich hatte in der Krise wieder mehr Ideen beim Kochen. Und man kommt ein bisschen aus seinem durchgetakteten Trott raus. Aber de facto ist es ein Verlust: Wir verlieren den Kontakt zum Publikum, zu den Schauspielern und zueinander.

Dazu kommen die Reiseeinschränkungen, die die Arbeit mit Gästen verunmöglichen. Was bedeutet das für die Unterfahrt?
Michael: Da wir ja viele Gäste haben, normalerweise 60 Prozent internationale, etwa 30 Prozent allein aus Amerika, kann man gar nichts planen. Die Termine, die wir auf den Herbst verschoben haben, werden wohl bald ins nächste Jahr wandern. Vielleicht wird mit europäischen Musikern langsam wieder etwas gehen. Aber das, was wir eigentlich wollen: den zeitgenössischen Jazz aus der ganzen Welt bei uns präsentieren, das geht im Moment nicht.
Christian: Und das ist schon ein Verlust. Die Kunst lebt ja vom Austausch.

Und von der Nähe.
Michael: Ja, die tollsten Erlebnisse bei uns waren Künstler, die sonst in Riesenhallen spielen, wo sie diesen direkten Kontakt zum Publikum nicht haben. Ich denke an Monty Alexander, der eigentlich Philharmonien füllt. Ich habe selten einen glücklicheren Musiker bei uns im Club gesehen als ihn. Es ist einfach was anderes, wenn der Laden voll ist. Deshalb habe ich damit angefangen, Konzerte zu machen, und nie mehr damit aufgehört.

Das war in Oberammergau Anfang der Achtzigerjahre, wo ein 16-Jähriger die Chuzpe hatte, Jazzgrößen in den Gemeindesaal einzuladen, in dem der große Bruder seine ersten Inszenierungen gemacht hat.
Christian: Ich habe in der Rose, dem Wirtshaus unserer Eltern, Theater gemacht und Michael Konzerte. Später dann im Pfarrsaal, weil der größer war. Das war schon lustig mit uns: Wir hatten früher ein gemeinsames Schlafzimmer und einen sehr unterschiedlichen Musikgeschmack. Ich habe immer Bach aufgelegt. Wir hatten mal verabredet, dass der seine Musik auflegen darf, der als Erster aufwacht. Ich glaube, manchmal waren wir um vier Uhr wach.
Michael: Im völligen Tiefschlaf ging plötzlich Christians Arm raus, hat den Arm vom Plattenspieler genommen und losgelassen. Furchtbar sah das aus!

Im Sommer soll es draußen im Volkstheater-Garten Konzerte geben. Werdet ihr da zusammenarbeiten?
Christian: Die Verantwortlichen für den Musikbereich sind der Herr Mayet und die Frau Demuschewski. Da müssen sich die mal zusammenhocken. Wir haben da keinerlei Berührungsängste mehr.

Wie habt ihr beide den zweiten Ausfall der Passionsspiele nach 1920 verkraftet, in die ihr ja unterschiedlich stark involviert gewesen seid?
Christian: Du hast es verkraftet, glaub ich!
Michael: Stimmt. Obwohl es hart war; ich habe das erste Mal in meinem Leben eine Kündigung bekommen.
Christian: Wir haben tatsächlich 2000 Schauspielern betriebsbedingt kündigen müssen. Die haben alle einen Arbeitsvertrag. Und was meine inneren Verluste betrifft: Ich inszeniere jetzt »Goldberg-Variationen«. Es wird also bald eine Kreuzigung hier im Volkstheater-Garten geben.

Wie lange verkraftet ein eher kleiner Club wie die Unterfahrt die Schließung finanziell?
Michael: Wir bekommen Spielstättenförderung von der Stadt – natürlich in einer anderen Dimension als das Volkstheater, es ist aber einigermaßen sicher für die festen Mitarbeiter. Und der Verein hat mittlerweile 1450 Mitglieder, deren Beiträge die Grundkosten tragen. Das hilft, aber die Künstler sind schlimm dran. Wir haben jedenfalls niemandem abgesagt. Wer gekommen wäre, hätte gespielt – auch ohne Publikum. So haben wir es auch mit Münchner und regionalen Künstlern gemacht: Wer spielen wollte, hat einen Livestream-Gig bekommen und die seit ein paar Jahren übliche Grundgage, plus Spenden von den Zuschauern im Internet.

Das ist ja schön, dann sollte man das öfter machen.
Michael: Deshalb denk ich auch über eine Hybridlösung nach. Jazzclubs mit täglichem Programm unserer Ausrichtung gibt es vielleicht fünf in Europa. Also würde es Sinn machen, mit Aufzeichnungen auch weiterhin ein internationales Publikum anzusprechen. Bei unseren Streams sind meistens 200 bis 500 Leute zugeschaltet.

Du selbst machst das ganze Nachdenken, Organisieren und Programmieren ehrenamtlich?
Michael: Ich habe das über dreißig Jahre lang ehrenamtlich gemacht, seit Februar bekomme ich ein Honorar. 2008, bei unserem 30-jährigen Jubiläum, hat man mich gefragt, was ich mir wünsche, und da hab ich gesagt: dass ich den Tontechniker irgendwann bezahlen kann.

Der Stadt brechen gerade ihre Einnahmen weg. Ich habe unlängst Matthias Lilienthal getroffen, der ausgerechnet hat, dass die 6,5 Prozent Einsparungen, die das Kulturreferat auf die einzelnen Kulturbereiche umlegen muss, plus die auch noch im nächsten Jahr zu erwartenden Einnahmeausfälle durch weniger Publikum seiner Nachfolgerin an den Kammerspielen einen Spielbetrieb faktisch unmöglich machen. Beim Volkstheater stehen auch noch der Neubau und die Aufstockung des Personals an. Christian, wie siehst du in die Zukunft?
Christian: Das neue Haus wird so viel größer, dass wir ursprünglich 50 zusätzliche Mitarbeiter genehmigt bekommen haben. Jetzt meint der Kämmerer, dass nur 20 Prozent der genehmigten neuen Stellen auch besetzt werden dürfen. Als Intendant sage ich: Man muss sich auf Zusagen verlassen können und mit nur zehn neuen Leuten können wir den Laden nicht führen. Und trotzdem: Wenn wir subventionierten Institutionen klagen und sagen, es ist keine Kunst mehr möglich, finde ich das übertrieben. Die dritte in unserer Familie ist unsere Schwester, die ein Wirtshaus hat, und da war der Einschnitt durch die Krise auch extrem hart. Wir sind ja nicht alleine. Da draußen sind so viele, die nicht durch Subventionen abgesichert sind. Wir müssen meiner Meinung nach viel mehr Angst davor haben, dass die kulturelle Vielfalt verloren – und die freie Szene kaputtgeht. Das ist mir ganz wichtig, dass die auch noch Geld bekommt. Natürlich müssen wir uns dagegen wehren – und da stehe ich hinter Lilienthals Aussage – dass bei der Kultur, – ganz egal wo, – als Erstes gespart wird. Da gibt es wirklich was zu verteidigen, und das müssen wir auch tun. Aber wir brauchen auch untereinander mehr Solidarität und weniger Klagen. Also: Zufrieden sein und schauen, dass die anderen auch noch leben können! ||

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