Der coronabedingte Shutdown trifft freie Künstler besonders hart, weil sie ökonomisch meist ohnehinschon am Limit operieren. Warum also nicht von ihnen lernen, wie das geht? Eine Serie: Numero 2 – Der Weltentänzer Stefan Maria Marb.

Stefan Maria Marb: Das innere Feuer nähren

Curtain Fig Tree (Würgefeigenbaum mit Luftwurzelvorhang) in den Atherton Tablelands (Australien)

Als Tänzer und Choreograf durchstreift Stefan Maria Marb weit voneinander entfernte Wahrnehmungswelten und lässt das Apollinische und das Dionysische in seinem Körper aufeinanderprallen. Im August letzten Jahres ist der Münchner in die äußere Welt aufgebrochen. »Nach dreißig Jahren ununterbrochener Arbeit wollte ich mal etwas völlig anderes machen und sehen.« Vor hatte er es schon länger. Aber erstens ist es nicht so einfach, sein Leben zu unterbrechen – und zweitens bekommt man als freischaffender Künstler nicht ohne weiteres eine Weltreise finanziert, selbst wenn man wie Marb auch ein Standbein als Tanztherapeut mit eigener Praxis und einen Lehrauftrag als Psychologe an einer Akademie für angehende Ergotherapeuten hat: alles arbeitsintensive und ehrenhafte Tätigkeiten, die nicht gerade als Goldgrube gelten.

Deshalb hat er sich für seinen Ausbruch aus dem Alltag auch noch etwas Geld geborgt. Mit dem hat der Mann, dessen letztes abendfüllendes Solo »Welten. Tänzer« hieß, fünf Länder bereist. Marb war in Russland, wo er in der transsibirischen Eisenbahn die Fähigkeit der Russen bewundern lernte, auf langen Strecken vom Fleck weg zu entspannen. Er war in Japan, wo der Butoh-Tanz seine Wurzeln hat und damit auch seine eigene Kunst. Er war in Taiwan, Australien und Neuseeland und sah unglaublich viel Schönes, aber auch »Busse, die an den entlegensten Ecken Tausende von Touristen ausspucken, die ihre Selfies machen und gleich wieder weg sind.«

Reisen, sagt er, »ist zu einfach«. – »War«, muss man inzwischen sagen. Denn nach einem halben Jahr hat auch ihn der Corona-Shutdown zur »Vollbremsung« gezwungen. Was er bis dahin »vom östlichen Teil unseres Planeten« gesehen hat, wollte er nicht sehen, um Erfahrungen weiterzuverarbeiten, sondern in erster Linie, um sie zu machen: »Ich habe mir die Frage anfangs schon gestellt, ob ich die Reiseeindrücke künstlerisch verwenden will, und hatte auch Ideen, wie etwa an speziellen Orten zu tanzen und eine Art Videotagebuch zu führen. Ich habe mich dann aber davon verabschiedet, weil ich ganz pur reisen wollte, sprich: die Landschaften und die Menschen offen, direkt und wie ein kleines Kind wahrnehmen – und ganz ohne eine Absicht. Denn damit ist man gleich wieder unter Stress, und davon hatte ich ja gerade genug.«

Doch ebenso wenig wie man sagen kann, dass die Arbeit als Dozent und Therapeut den mittellosen Künstler mit ernährt, lassen sich private von künstlerischen Eindrücken separieren. »Meine beruflichen Standbeine haben viel miteinander zu tun«, sagt Marb. »Meine Arbeit als Dozent scheint erst mal völlig anders, aber ich mache mit meinen Studenten auch Butoh, wenn es passt. Sie inspirieren mich auch – und sie kommen fleißig in meine Aufführungen.«

»Divine messengers«: Hirsche im Tempelbezirk von Nara | © Stefan Maria Marb

So sind auch beim absichtslosen, aber sehr aktiven Reisen durch die Welt zumindest viele wundervolle Natur- und Tierfotos entstanden, die man geistig schon an der Wand des Schwere Reiter hängen sieht, wie 2017 die Fotos von Ko Murobushi, Marbs wichtigstem Butoh-Lehrer. Und langsam, sagt er, kommen ihm auch wieder Ideen: »wenn auch sehr amorphe Ideen, denn irgendwie bin ich immer noch auf einer Reise«. Das ist okay und stimmig, denn sein Sabbatical endet offiziell erst im August. Darüber, Online-Butoh-Unterricht zu geben, hat er nachgedacht, sich
aber dagegen entschieden: »Ohne diesen intensiven Begegnungsmoment geht da zu viel verloren.«

Überhaupt will er »die Füße lieber noch etwas stillhalten und das innere Feuer nähren.« Auf diese japanische, nur innerlich ruhige Weise: »Keep calm and stay wild«, sagt er. Dennoch ist sein täglicher Zeitplan streng, womit er manchmal hadert. Ohne aber geht es auch nicht in diesen strukturlosen Zeiten. Morgens und nachmittags schreibt er an einem Buch über Butoh, frischt Vorlesungsskripte auf und gibt manchmal auch tanztherapeutische Einzelstunden. Ein Muss sind körperlich aktive Pausen – vor allem, nachdem Stefan Maria Marb nach einer Nach-Weltreisen-Wohnungsrenovierung von einem Hexenschuss lahmgelegt worden ist. Das war die zweite Vollbremsung in Folge. »Wenn ich beweglich bin, geht das Schreiben besser von der Hand und ich habe auch mehr Ideen«, sagt er. Und das Beweglichsein geht bei ihm auch bei geschlossenen Studios – zum Beispiel im Wald.

Das Interesse für die Natur ist eine Konstante in seinem Leben: »Bei meinen Outdoor-Workshops«, erzählt er, »enden regelmäßig alle gemeinsam in einer Schlammgrube auf dem Gelände einer Ziegelfirma hinter Fürstenfeldbruck. Eine hochspannende Landschaft ist das; voller Löcher, in denen die Erde zehn Meter tief ausgebuddelt ist und die Erdschichten offen vor einem liegen.« Wie eine Narbe, ein fragiles Stück »verwundete Natur, in der wilde Feldhasen leben und Greifvögel ihre Nester bauen« und die für ihn viel mit Butoh zu tun hat. Die äußerlich ruhig wirkende Wildheit, die in dieser Tanzform steckt, ist ihm auch unterwegs in verschiedenen Gestalten begegnet. Mal als »verrückte Zahmheit der Rehe und Hirsche im berühmten Tempelbezirk von Nara in Japan, die sich dort friedlich unters Volk mischten«. Mal als »wilde Scheu« bei Delphinen, Wombats, Pademelons und Kängurus.

In Australien hat sich Marb für zweieinhalb Wochen in ein buddhistisches Retreat zurückgezogen: »Dort habe ich immer in einem Zelt meditiert und um mich herum hat eine große Kängurufamilie friedlich geäst. Die haben sich schnell an mich gewöhnt und ich mich an sie.« Noch viele Wochen später ist er fasziniert von diesen »ganz eigenen Tieren, die sich auf ihren Hinterbeinen aufrichten wie wir Menschen und sich am Rücken kratzen«. Diese Bereitschaft, sich faszinieren zu lassen, trieb ihn auf seiner Weltreise wie beim Tanzen an: »Ich bin immer auf der Suche und muss für etwas brennen, sonst lass ich’s wieder. Das ist so eine Art innerer Reisemotor. Die Frage: Was kommt jetzt?« Als Tänzer kommt der 57-Jährige inzwischen öfter an seine körperlichen Grenzen. Und sofort schaltet sich die Neugier wieder ein: »Wie etwas ausdrücken, wenn akrobatische Aktionen und schnelle Bewegungen wie vor zwanzig Jahren nicht mehr möglich sind? Dabei findet eine innere Metamorphose statt, eine Verwandlung – und das finde ich sehr spannend.« Butohtänzer können diese Verwandlungen theoretisch endlos betreiben. Für sie ist das höhere Alter ein Gewinn. Nur die inneren Bilder dürfen nicht versiegen. Doch auch deren Produktion hat die derzeitige unfreiwillige Retreat-Situation eher angekurbelt: »Ich träume viel mehr als früher«, sagt Marb. Dream on, Weltentänzer, dream on! ||

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