Die neue Graphic Novel »Vatermilch« des Münchner Zeichners Uli Oesterle begibt sich auf die Suche nach seinem eigenen Vater, der viele Jahre auf der Straße lebte.

»Vatermilch«: Ohne Obdach, aber mit Champagner

Vatermilch

Uli Oesterles Comic spielt auf zwei Zeitebenen, …

Vor dem ältesten Kiosk Münchens schwingt sich Uli Oesterle von seinem Fahrrad. Hier, am Ostufer der Isar, an der Wittelsbacherbrücke, trinkt der Comickünstler und Illustrator gerne mal ein Bier. Oder trifft sich mit Freunden. »Der Kiosk liegt auf der Hälfte meiner Radstrecke«, sagt er. Mit seiner Familie lebt Oesterle in Obergiesing, und mit acht Kollegen teilt er sich ein Atelier in Schwabing. Der 54-Jährige zeichnet und schreibt nahezu alles: schräge Comics, hochwertige Graphic Novels, bunte Wimmelbilder, riesige Puzzles und innovative Illustrationen. Seine Bücher erscheinen in sechs Sprachen.

Die Wittelsbacherbrücke taucht in Oesterles Graphic Novels regelmäßig auf. In seinem neuen Werk »Vatermilch« ebenso wie im preisgekrönten Band »Hector Umbra« von 2003. »Das Thema Obdachlosigkeit hat mich schon immer beschäftigt. Und die Wittelsbacherbrücke bietet ja traditionell vielen Menschen eine Wohnung. Ich mag das hier«, sagt Oesterle, während er zu den drei Bögen blickt, die das Hochwasserbett und die Isar überbrücken. Der Vater des gelernten Grafikers war ein schwerer Alkoholiker, der das Geld der Familie in Kneipen und beim Glücksspiel verschleuderte. Als Oesterle sieben Jahre alt war, machte er sich aus dem Staub. Wie sich herausstellte, lebte er in einer WG mit zwei anderen Trinkern und immer wieder allein auf der Straße. 2010 starb er, mittellos, in einem Heim. »Noch immer liegt vieles aus dem Leben meines Vaters im Dunkeln, und kaum jemand meiner Verwandten wusste damals, was mit ihm los war«, meint Oesterle. Offenbar litt er unter einer Gedächtnisstörung, dem Korsakow-Syndrom, wie viele Alkoholkranke.

In seiner neuen Graphic Novel hat der Sohn seinen Vater wieder zum Leben erweckt. Uli Oesterle erfand die Figur des »Rufus Himmelstoss«, einen charmanten, feschen Hallodri, der sich 1975 durch die Hotspots der Schwabinger Schickeria tanzt. »Ich wollte meinen Vater nicht eins zu eins abbilden, sondern einen Charakter, der mir gut aus der Feder läuft. Außerdem wollte ich ihm die Gelegenheit geben, ein besserer Mensch zu sein«, sagt Oesterle. Himmelstoss fährt einen Sportflitzer, trinkt Champagner, verführt Frauen, verspielt sein Geld, vernachlässigt seine Familie und stürzt schließlich ab. Als er pleite seinen Schlafsack unter der Wittelsbacherbrücke ausrollt, schicken ihn die dort lebenden Obdachlosen wieder weg. Der blasierte Lebemann passt nicht zu ihnen, und er ist nicht bereit sich anzupassen. Am Ende von »Vatermilch« scheint auch Rufus Himmelstoss am Ende zu sein – doch es gibt offenbar noch viel zu erfahren über diesen schillernden, tragischen Charakter: Die Erzählung ist auf vier Bände angelegt.

Erst die Geschichte, dann die Illustrationen. Nach diesem Muster arbeitet Oesterle bei all seinen Projekten. »Das Schreiben ist eine unglaubliche Quälerei. Aber ich kann nicht anders; ich muss meine Figuren und die Umgebung erst in Worte fassen, damit ich sie im nächsten Schritt sichtbar machen kann.« Uli Oesterle mag eingerissene und gebrochene Kanten, »es soll rau aussehen, und das Gebrochene der Charaktere fließt in die Schwarzflächen.« In »Vatermilch« sieht man die 1970er Jahre des Rufus Himmelstoss in warmem Grau mit Gelb-Orange, wohingegen die Gegenwartsebene (2005) in einem starken Violett eingefangen wird. In letzterer bewegt sich in der Graphic Novel auch Victor, der Sohn des Alkoholikers. »Der ist mir schon sehr ähnlich«, gibt Uli Oesterle zu.

… die sich farblich voneinander absetzen | © Uli Oesterle, Carlsen Verlag, 2020

Victor ist Illustrator, hadert mit den Genen seines Vaters und sinniert über die Vereinbarkeit von Familie und Kunst. Wenn er es zu Hause nicht mehr aushält, fl üchtet er ins Atelier, das FBI, »Federal Bureau of Illustration«. Humor gehört zu Oesterles Geschichten genauso wie die Abgründe des Lebens, eingefangen in düsteren Farben und schrägen Perspektiven. Und, sehr typisch für Oesterle, die Musik: »Papa was a rolling stone« ist der Song in »Vatermilch«, und im legendären Schwabinger »Yellow Submarine« dröhnt »Kung Fu Fighting« aus den Boxen. In Oesterles Werk »Hector Umbra« wummern dauernd die Bässe – ein DJ ist verschwunden. Sein Kumpel, ein Maler, sucht ihn und gerät dabei auf einen albtraumartigen Trip durch die Münchner Kneipen- und Clubszene.

Im Alter von drei Jahren zog der in Karlsruhe geborene Uli Oesterle mit seinen Eltern nach München. Nun, nicht ganz: eigentlich landete er zunächst in Germering. Der schmucklose Vorort taucht in »Vatermilch« auf, so wie viele andere reale Plätze Münchens. Oesterles Geschichten sind tief in der Stadt verankert, die ihn 2018 mit dem Schwabinger Kunstpreis auszeichnete. Übrigens: Schon mit zehn wollte der Illustrator Zeichentrickfilmzeichner werden, und in gewisser Weise hat er das ja auch geschafft: Seine Werke wirken bisweilen wie kunstvoll hergestellte Filme. Mit Figuren, die so was von lebendig sind, sogar im Liegen. Manchmal scheinen sie vom Rand der Seiten ins reale Leben zu springen, getrieben vom Wunsch, sich selbst zu fi nden. Oder den obdachlosen Vater. ||

ULI OESTERLE: VATERMILCH
Band 1: Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss
Carlsen, 2020 | 128 Seiten | 20 Euro

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