Arbeiten 2020 ff.: Der Architekt Florian Bengertsammelt Homeoffice-Grundrisse, und designfunktion verleiht die entsprechenden Möbel.

Digital Biedermeier – macht Homeoffice Querulanten zubraven Bürgern?

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Ein Klassiker als Schreibplatz: der USM Haller Sideboard Sekretär | © designfunktion

Homeoffice trifft jeden, und das dort, wo es am meisten wehtut: in den eigenen vier Wänden. Die Architekturgalerie München lanciert das Thema mit einer radikal subjektiven Ausstellung und einem spontanen Online-Symposium an die Spitze des internationalen Architekturdiskurses. Samir Ayoub von designfunktion arbeitet akribisch daran, das perfekte »New Homeoffice« mit minimalem Raumbedarf zu realisieren.

Ein Grundriss, der sich immer schneller ausbreitet – wie ein Virus

Ein Mann liegt auf dem Teppich mit ausgestreckten Gliedern, wie die Umrisslinien des Opfers einer Tatortszene. Im Nebenzimmer versuchen zwei Figuren auf dem Boden zwischen Arbeitstisch und Couch ein Puzzle zusammenzusetzen. Im Bad steht ein Laptop auf dem Waschbecken, Bewegungspfeile signalisieren, wie die junge Frau mal am Rechner, mal auf dem Sofa, mal am Küchentisch sitzt – alles auf engstem Raum. Einige Zimmer weiter kauert ein Mann auf der Bettkante neben seinem Hund, der nicht weniger traurig scheint. Die nüchtern nur in zwei Strichstärken mit schwarzer Linie auf weißem Grund gezeichneten Szenen füllen die gesamte Hauptwand der Architekturgalerie München. Sie sind nicht das fiktive Werk eines weltentrückten Künstlers, sondern zeigen 2,30 hoch und 9,30 m lang als Architekturgrundriss im Maßstab 1:33 die reale Homeoffice-Situation von über 800 Kreativbüros aus aller Welt. Die Idee zu dieser Momentaufnahme der Coronakrise hatte Florian Bengert, der sich seit Jahren experimentell mit Architekturtheorie auseinandersetzt, bei Marc Frohn an der HFT Stuttgart als wissenschaftlicher Mitarbeiter lehrt und bei Georg Vrachliotis am KIT promoviert.

Solidarische Superstructure

»Es war als ganz kleines Projekt auf Instagram gedacht«, erklärt mir Bengert durch den Mundschutz, den wir beide tragen, obwohl wir die einzigen Besucher im Ausstellungsraum sind. Dann zeigt er auf das Zimmer ganz oben links in der Ecke der Zeichnung. »Das ist der Grundriss meines eigenen Homeoffices, das ich mit meiner Freundin teile. Auf Instagram habe ich in einem open call unter #nonstopoffice befreundete Kreativateliers aufgefordert, ihre eigene Situation aufzuzeichnen und mir zu schicken.« Zu seiner Überraschung sind jeden Tag mehr Zeichnungen aus aller Welt eingetroffen und mit der Hilfe von drei Freunden begann er, die beengten Zimmergrundrisse zu einer einzigen Collage zusammenzufügen, die zeigt: Alle haben momentan weltweit die gleichen Raumnöte. Am rechten Bildrand der »Superstructure Homeoffice« ist die Struktur unfertig ausgefranst – offen, um weitere Mini-Wohn-Arbeitswelten anzudocken.

In anderen Ländern ist die Ausgangssperre während des Lockdown noch viel extremer gehandhabt worden als in Deutschland. Das geht vielen Heimarbeitern an die Nerven. »Bei dieser globalen emotionalen Aufgeladenheit hoffen wir, dass das Medium der ruhigen technischen Zeichnung Distanz schafft und wie ein Kunstprojekt viele Deutungsebenen erschließt, ohne penetrant zu werden«, sagt Bengert.

Zoom-Symposium: Die Teilnehmer im Homeoffice werden Teil der Ausstellung

Weil rigorose Abstandsregeln ein Symposium vor Ort vereitelten, lud Nicola Borgmann, die Leiterin der Architekturgalerie, am 19. Mai zum Expertenaustausch via Videokonferenz. Tatsächlich funktionierte das überraschend gut: Die virtuell versammelten Architekten, Kuratoren und Journalisten begeisterten sich spontan für den konzeptuellen Ansatz und überlegten gemeinsam, wie man das Projekt weiterentwickeln könnte: Sollte man die Collage besser in einem digitalen Format präsentieren oder gar als dreidimensionaler begehbarer Raum in einem eigenen Pavillon auf der ins nächste Jahr verschobenen Architekturbiennale in Venedig ? Die Vielfalt der angebotenen Interpretationen durch die Fachleute zeigen sein Potential: Es sei ein Atlas eines bisher unerforschten Gebäudetyps, es zeige die Fehlentwicklung des Wohnungsbaus: »Erst durch Corona merken die Leute, dass anstelle großzügiger Wohnküchen ein abtrennbares Arbeitszimmer sehr sinnvoll gewesen wäre«, so ein Kommentar. Jahrzehntelang haben Firmen wie Google versucht, Wohnatmosphäre in ihre Bürolandschaften zu bringen, jetzt zieht Büroatmosphäre in die Wohnungen ein – und tatsächlich erinnert die Collage entfernt an ein Google-Büro. Noch interessanter als die Debatte waren die lebendigen Porträts der Symposiumsteilnehmer, die als bewegtes Videobild ihr eigenes Homeoffice im Hintergrund des Videochats als Beitrag zur Ausstellung beisteuerten, sorgfältig inszeniert oder eng und zugeräumt wie die Grundrisse auf den Zeichnungen.

New Work wird New Homeoffice

»Homeoffice wird die Büroarbeit in Zukunft nachhaltig verändern. Aus der momentanen Krise wird aber eine neue vielfältigere Welt entstehen, da bin ich sehr optimistisch«, meint Samir Ayoub, Geschäftsführer bei designfunktion. Bei seinen Beratungen und Planungen für Investoren und Bauherren stellt er ein gravierendes Umdenken fest. »Natürlich ist Corona längst in der Immobilienbranche angekommen: Büroflächen werden aufgrund des hohen Homeoffice Anteils 20 Prozent knapper kalkuliert, die Nachfrage wird selektiver und ältere Bürogebäude, die in den vergangenen Jahren nicht an neue agile Arbeitsformen angepasst wurden und seit längerer Zeit leer stehen, werden früher oder später auch zu Hotels oder Wohnungen umgenutzt.« Die aktuelle Entwicklung stelle das bisherige Konzept des New Work aber nicht auf den Kopf, ganz im Gegenteil. Sie wirkt als Beschleuniger von Umstrukturierungsprozessen und macht es um eine Variante vielfältiger: Beim New Work sucht der Mitarbeiter, der morgens ins Büro kommt, je nach der Tätigkeit, die er ausüben möchte, einen von vielen unterschiedlich gestalteten Orten im Multispace aus und steuert ihn an. Mit dem Homeoffice kommt noch eine Option dazu: Welche Tätigkeiten kann ich daheim effizienter erledigen und zu welchen gehe ich ins Büro? Vorausgesetzt, die Kinder sind nicht zu Hause, sind dort fokussierte Einzelarbeit oder Videocalls meist ungestörter zu erledigen als in einem Großraumbüro. »Es gibt Workspaces wie Murals, mit denen Mitarbeiter virtuell Post-Its auf ein Whiteboard kleben können, ohne im selben Raum zu sein. Vor Corona hätte sich niemand vorstellen können, dass so etwas von den Mitarbeitern angenommen wird, jetzt ist es ganz selbstverständlich.«

Samir Ayoub, Geschäftsführer von designfunktion | © designfunktion

Doch wie sieht Ayoub die Arbeitsplatz-Situation in den Wohnungen zuhause? »Es ist schon enttäuschend, dass wir in den letzten Jahrzehnten die Büros nach und nach mit ergonomischen Möbeln ausgestattet haben, wie höhenverstellbare Schreibtische und Stühle, und nun arbeitet die ganze Welt vornübergebeugt auf einem viel zu niedrigen Hocker am Küchentisch, meist nur am Laptop ohne Maus, externen Bildschirm und Tastatur. Um vor Ort möglichst schnell Abhilfe zu schaffen, vermieten wir hochwertige flexible Büromöbel, quasi als Erste Hilfe für einen funktionalen Arbeitsplatz. Es geht dabei nicht darum, ein Arbeitszimmer in der Wohnung auszustatten, dazu ist oft schlichtweg kein Platz. Die Lösung liegt in multifunktionalen, technisch hochinstallierten und ergonomischen Raummöbeln, die vielleicht morgens vom Vater für die Videokonferenz und nachmittags von den Kindern zum Gamen genutzt werden können, in die von der Esstischseite Geschirr geräumt wird und die die Arbeit auch einmal komplett aus dem Leben verschwinden lassen können. Wenn solche Multitalente funktionieren, werden Firmen auch bereit sein, sie ihren Mitarbeitern für zu Hause kostenlos zur Verfügung zu stellen. Dann haben wir wirklich ein New Homeoffice.«

Zu gefällig designte Raummöbel für reibungslos funktionierende digitale Heimarbeit könnten jedoch zu einem digitalen Biedermeier verführen: einer Konflikt-Flucht ins Netflix-Idyll, mit totaler Kontrolle durch permanente Aufzeichnung jedweder zwischenmenschlichen Kommunikation. Während das Homeoffice boomt, verschwinden durch den Lockdown die eigentlichen Brutstätten kreativen Austauschs: die verrauchten Bars, gemütlichen Cafés und Kneipen zum Businesslunch. Was passiert eigentlich mit den tausenden Kaffeemaschinen in leerstehenden Bürotürmen, an denen sich Mitarbeiter jahrzehntelang spontan getroffen und unbeobachtet the next big thing für den Erfolg ihrer Firma ausgeklügelt haben? ||

SUPERSTRUCTURE HOMEOFFICE
Architekturgalerie München | Türkenstr. 30
bis 13. Juni 2020 | Mo bis Fr 9.30–19, Sa 9.30–18 Uhr
#nostophomeoffice

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