Das Theater besetzt das Netz mit neuen interaktiven Formaten.

Theater im Netz: Digitaler Vorstellungsraum

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Wohin mit dem Leben, wenn alles geschlossen hat? Büro, Schule und Freizeit finden momentan geballt an zwei Orten statt: zu Hause oder online. Ähnlich ergeht es unserem Kulturleben: Alles, was noch stattfinden kann, kommt entweder »aus der Konserve«, wie es so schön heißt, oder muss improvisiert werden. Das macht etwas mit uns, mit dem Alltag, aber auch mit dem kulturellen Leben. Das Netz wird da für viele zum Zufluchtsort, nicht nur als eskapistische Utopie, sondern auch als künstlerisches Experimentierfeld und Gedankenraum. Sei es das allgegenwärtige Corona-Tagebuch, eine beinahe überhandnehmende Zahl an zu Hause gezüchteten Sauerteigkulturen oder Judi Denchs Auftritte im TikTok-Account ihres Enkels: Digitale Angebote sind nicht nur Zeitvertreib, sondern können auch neue Formate und Ausdrucksformen generieren.

Das ist unter anderem auch in jenen performativen Kultursparten zu bemerken, die normalerweise auf eine Livesituation angewiesen sind: Musik, Tanz und Theater. Wenn keine Pandemie herrscht, begegnen hier Künstler und Publikum einander und treffen sich an einem dafür vorgesehenen Ort. In dieser Hinsicht ist erst mal nichts mehr, wie es war, und das wird noch für einige Zeit so bleiben. Theater- und Konzerthäuser sind vorerst geschlossen, Vorstellungen können nur online stattfinden. Gerade deshalb ist es jedoch lohnend, sich näher anzusehen, was genau hier ins Netz verlagert wurde und wie die Leerstelle des gewohnten Theaterraumes neu besetzt wird. Denn auch hier ist sicherlich Potenzial für eine Weiterentwicklung von bereits vorhandenen Ansätzen da. Theater, das ist ja ein ganzer Komplex aus künstlerischen, sozialen, kommunikativen und emotionalen Vorgängen, die sich aktuell rasant zueinander verschieben.

Aufgezeichnete Inszenierungen sind nur der Anfang

Sowohl die Performer als auch das Publikum sind einzeln vor ihre Computerbildschirme und -kameras verbannt. Bühnen und Zuschauerraum sind plötzlich voneinander getrennt. Da ist einiges an Überbrückungsleistung zu bewältigen. Das Theater passt sich hier quasi als »work in progress« an, adaptiert Codes und Techniken anderer Kunstformen und lernt schnell dazu – und das Publikum kann nicht nur live dabei sein, sondern diesen Wandel teilweise aktiv mitgestalten. Aufgezeichnete Inszenierungen waren der Anfang, können aber nur bedingt Ersatz bieten. Deshalb entwickelten sich schnell Konferenzplattformen wie Zoom oder Jitsi zu einer neuen Bühnenform. Das ihnen typische Kachelmosaik kann als gestalterisches Mittel eingesetzt werden. Die Band Thao & The Get Down Stay Down etwa ging Anfang April viral: Für ihren Song »Phenom« entwickelten die Künstler ein Musikvideo, in dem neun Personen jeweils vor der eigenen Webkamera eine Kachel besetzen und eine aufeinander abgestimmte Choreografie performen. Zunächst jeder für sich, mit der Zeit scheinen die Bewegungen der einzelnen Personen ineinanderzufließen oder die oberste Figur in einen der unteren Bildabschnitte zu »fallen«. Das erinnert an Musikvideos, wie sie etwa der amerikanische Late-Night-Host Jimmy Fallon regelmäßig produziert, wenn er beispielsweise den Cast der »Star Wars«-Filme die berühmte Titelmelodie a cappella singen lässt: Auch hier scheinen die einzeln eingekastelten Performer miteinander zu kommunizieren. Aus einzelnen, zweidimensionalen Spieloberflächen wird so ein multidimensional bespielbarer digitaler Theaterraum.

Digitale Anbauten an das Stammhaus

Dieses Kachelformat wird nun von den Ensembles in Livecam-Performances verwendet, um Repertoirestücke zu adaptieren oder Lesungen zu inszenieren. Die Technik steckt sicherlich erst in den Kinderschuhen, doch die Musikvideos zeigen, welche Möglichkeiten auch für das Theater hier gegeben sind. Die Kammerspiele München eröffneten sogar die virtuelle Kammer 4 als digitale Verlängerung der drei physischen Bühnen. Diese scheinbar kleine Geste des digitalen Anbaus an das Stammhaus tippt jedoch einen Diskurs an, der sich in der kurzen Zeit seit der Theaterschließung rasant entwickelt hat: Wie kann der Theaterraum digital gezeigt, genutzt, verlängert oder gar ersetzt werden? Welche Möglichkeiten und Probleme ergeben sich an den Schnittstellen zwischen realem und digitalem Raum?

Beim diesjährigen Berliner Theatertreffen wurde im begleitenden Diskursprogram »UnBoxing Stages – digitale Praxis im Theater« genau darüber diskutiert, und es wurde schnell deutlich, dass das weit über das Mitschneiden von für die Bühne konzipierten Inszenierungen hinausgehen muss. Die Regisseurin Anne Lenk, die mit ihrer Inszenierung von Molières »Der Menschenfeind« zu den Theatertagen eingeladen war, machte auf eine wichtige räumliche Diskrepanz aufmerksam: Der reale Theaterraum hört ja nicht am Bühnenrand auf, sondern schließt den Zuschauerraum mit ein. Das Publikum ist zwar meist nicht Teil der Inszenierung, aber durchaus Teil des Rezeptionsprozesses. Das muss mitgedacht werden, wenn über die Erweiterung des Theaterraums in das Digitale diskutiert wird. Die Bildregie von Nahaufnahmen und Schnitten kann in Videoaufzeichnungen durch die Veränderung von Blickkonzepten das gesamte Bedeutungsgefüge einer Inszenierung stören. Die unveränderte Übertragung des physischen in den digitalen Raum ist schwierig, das wird hier nochmals deutlich.

Die Rolle des Publikums

Ein Schlüssel für die Übersetzungs- und Transformationsleistung ist sicherlich die Einbeziehung des Publikums. Der digitale Raum funkioniert höchstgradig interaktiv – mehr als das klassische Theater, das im Normalfall ja eine noch erkennbare Sender-Empfänger-Struktur aufweist. Das Theater hat hier aber sicherlich einen quasi genetischen Vorteil gegenüber beispielsweise dem Film, weil das interaktive Moment bereits angelegt ist. Die Schauspielerin Gro Swantje Kohlhof von den Münchner Kammerspielen entwickelte mit der »Hogwarts-Exkursion« ein eigenes serielles Performanceformat. Einmal die Woche erzählt und performt sie in einer Livekonferenz die »Harry Potter«-Bücher und bezieht dabei das zugeschaltete Publikum ein: Nach ihrer Performance chattet sie mit den Zuschauern über das gemeinsam erlebte »Abenteuer« – ein Modell, das sicherlich auch noch ausbaufähig ist, aber bereits in die richtige Richtung weist.

Der Regisseur Christopher Rüping hat im Rahmen des Theatertreffens erneut darauf hingewiesen, dass Feedback ein nicht zu unterschätzendes Moment für das Theater sei. Der kognitive und informative Anteil des Theatererlebnisses ist relativ einfach übertragbar, doch die Atmosphäre, die sich zwischen Bühnen- und Zuschauerraum aufbaut, müsse aktiv gestaltet werden. Online gelten mit Likes und Herzchen viel interaktivere Codes, die das Theater sich momentan so einfach wie noch nie zunutze machen kann. Rüping experimentiert hierfür mit Chat-Formaten, die teils als Rahmung für Streams dienen, teils als Kommentar für gemeinsame Watch-Partys. Er adaptierte auch seinen 2013 für das Schauspiel Frankfurt inszenierten »Dekalog« nach Krzysztof Kieslowski für das Theatertreffen in eine zehnteilige Liveperformance und stellte hinter jede Folge ein digitales Abstimmungstool für das Publikum. Digitale Live-Theaterformate wie dieses nähern sich momentan rasant an Multiplattform-Narrative wie etwa die 2015 von der Britin Nosa Eke entwickelte Serie »The Grind« an, die ausschließlich auf sozialen Plattformen stattfand und sich deren technische wie künstlerische Eigenheiten zunutze machte und für eine Publikumsinteraktion nutzte.

So zerfasert die Adaptionsversuche aktuell wirken mögen, nach beinahe drei Monaten Theaterentzug scheint sich jedoch die Tendenz herauszukristallisieren, dass interaktive Formate auch in Zukunft einen Mehrwert generieren können. Jetzt wäre tatsächlich der Moment, in dem sich unabhängig voneinander gewachsene Ausdrucksformen wie Theater, Social Media, serielles und filmisches Erzählen sowie Musikvideos auf dem krisenbedingt entfesselten Experimentierfeld des World Wide Web scheinbar mühelos miteinander vernetzen und voneinander profitieren können. ||

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