Kein Stream kann das Erlebnis des Kinos ersetzen. Das gilt auch für das Filmmuseum München. Trotzdem ist es schön, dassauch von hier ein wechselndes Onlineprogramm geboten wird. Wir sprachen mit dem Leiter Stefan Drößler über die Gedankendahinter und wie die Arbeit des Filmmuseums während und nach der Schließung aussieht.

Das »Prinzip Kino« in der Krisenzeit

Filmmuseum-Leiter Stefan Drößler | © privat

Herr Drößler, gab es denn schon länger Überlegungen, eine verstärkte Onlinepräsenz desFilmmuseums aufzubauen?
Unsere Aufgabe ist es primär, Kino zu machen und das Prinzip Kino aufrechtzuerhalten: zusammen mit anderen in einem dunklen Raum zu sitzen und sich konzentriert einen Film anzusehen. Was wir jetzt online machen, ist in erster Linie Kino-Ersatz. Das machen wir auch sehr deutlich, indem wir vor jedem Film unseren Kinosaal zeigen, der sich mit dem Gongschlag verdunkelt.

Können Sie schon sagen, wie das Angebot angenommen wird?
Da wir das erst seit Kurzem machen, müssen wir alles noch in Ruhe auswerten. Interessant, wenn auch wenig überraschend ist aber, dass die Aufmerksamkeitsspanne der Nutzer viel niedriger als im Kino ist. Gerade einmal fünf bis zehn Prozent sehen sich einen Stream bis zum Schluss an. Andererseits nutzt die Hälfte der Besucher auch das Begleitmaterial, das wir hochladen. So eine enge Verquickung kann man im Kino nicht herstellen. Wir werden schauen, was wir von den Erfahrungen, die wir nun machen, auch in Zukunft nutzen können.

Wird denn das reguläre Programm des Filmmuseums nun auch online stattfinden?
Nein, das geht schon wegen unterschiedlicher Lizenzen und Urheberrechte nicht. Viele Filme müssten zudem erst digitalisiert werden. Außerdem hätten die Stummfilme keine Musik, da die ja live im Kino aufgeführt wird. Es gibt viele Gründe, warum wir unser Programm nicht eins zu eins ins Internet stellen können. Deswegen bieten wir als »Filmmuseum München Online« ein ganz eigenes Programm an, das in dieser Form im Kino wiederum nicht stattfinden könnte.

Etwa die Retrospektive des Avantgarderegisseurs Klaus Wyborny.
Wyborny verfügt nicht nur selbst über die Rechte an seinen Filmen, sondern sie liegen in der Sammlung des Filmmuseums auch bereits digitalisiert vor. Dazu gibt es noch umfassendes Begleitmaterial wie Texte, Links zu anderen Websites und Videos von Lectures und Vorträgen. Mit unserer zweiten Reihe präsentieren wir unsere Restaurierungsarbeiten (die nach wie vor weitergehen). Während wir im Kino die Stummfilme meist mit improvisierten Livemusikbegleitungen zeigen, sind sie nun mit neu aufgenommenen Musikaufnahmen zusehen. Damit unterstützen wir die Künstler, die zurzeit ja nicht auftreten können.

Würden Sie sagen, dass die Coronakrise Sie nicht ganz so hart getroffen hat wie andere Kinos?
Natürlich trifft es das Filmmuseum auch hart, wenn lange vorbereitete Filmreihen mit eingeladenen Gästen abgesagt werden müssen und alle Arbeit umsonst war. Aber klar, als öffentlich finanzierte Einrichtung ist das Filmmuseum wirtschaftlich nicht vollkommen abhängig von Eintritts-, Popcorn- und Werbeeinnahmen wie andere Kinos.

Theoretisch können Sie ja auch bei der Wiedereröffnung mit dem Programm an der Stelle weitermachen, an der Sie aufgehört haben.
Unser Programm wird über Monate hinaus im Voraus geplant. Wir werden bei der Wiedereröffnung einfach wieder einsetzen und die bereits angekündigten Termine aufrechterhalten. Es ist natürlich dumm, wenn man die ersten drei Filme einer Retrospektive sieht, dann wird das Kino geschlossen, und nach der Öffnung sieht man dann nur noch die letzten zwei Filme des Filmemachers. Aber wir haben ja die Möglichkeit, die ausgefallenen Filme später nachzuholen, auch wenn ich es normalerweise vorziehe, Gesamtwerke in ihrer chronologischen Entwicklung vorzustellen.

Bietet es sich nicht an, DVD-Veröffentlichungen der Edition Filmmuseum vorzuziehen?
Wir selbst haben jetzt natürlich mehr Zeit, uns auf die Herausgabe der DVDs stärker zu konzentrieren. Aber da arbeiten wir mit verschiedenen Studios zusammen, die Einschränkungen unterliegen, und müssen Verzögerungen bei Arbeitsprozessen und Transportwegen einkalkulieren. Einige Projekte stehen jetzt allerdings schon in den Startlöchern, sodass sie im Sommer erscheinen können. Beim Onlinekino kommt es uns zugute, dass wir über eine eigene Filmsammlung und Rechte an restaurierten Filmen verfügen. Aber natürlich kann das alles wirkliches Kino nicht ersetzen, das immer auch ein sozialer Ort ist, zu dem die Begegnung mit anderen, der direkte Austausch von Eindrücken und Gedanken gehört. Auf unserer Onlineplattform verteilen die Leute Likes, aber kaum jemand nutzt die dort angebotene Möglichkeit für weitergehende Kommentare oder Diskussionen. ||

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