Vom NS-Zentraldepot ins Bundespräsidialamt: Ein prominentes Spitzweg-Bild mit besonderer Geschichte wird bei Neumeister versteigert.

Fiat Justitia

Neumeister

Carl Spitzweg: »Justitia« | 1857 | Öl auf Leinwand | © Neumeister / Christian Mitko

Die Auktion bei Neumeister ist eine der ersten Versteigerungen, die wieder vor (freilich sorgsam angemeldetem) Publikum im Saale stattfindet – und als Highlight wird ein außergewöhnliches Gemälde von Carl Spitzweg angeboten. Sein vielleicht politischstes Bild, zugleich ein Werk mit bemerkenswerter Besitzergeschichte. Am 6. Mai um 18 Uhr wird »Das Auge des Gesetzes (Justitia)« aufgerufen, und man kann natürlich auch online oder telefonisch mitbieten.

Zuvor werden 200 Nummern Schmuck versteigert (5. Mai, ab 16 Uhr) sowie Kunstgewerbe (6. Mai, ab 16 Uhr), Graphik und Gemälde, darunter aus der Münchner Schule eine winterliche »Rückkehr von der Bärenjagd« von Heinrich Bürkel, zwei Werke Franz von Defreggers, ein Schauspielerinnenporträt Franz von Lenbachs, eine »Sommer«-Idylle mit zwei Akte von Julius Exter und ein kühnes Entenbild von Alexander Coester sowie sieben weitere Gemälde von Spitzweg.

Das symbolträchtige und vielschichtige »Justitia«-Bild des Münchner Apothekers und Malers entstand 1857 und blieb – von einer Ausstellung in Prag unverkauft retourniert – lange im Besitz des Künstlers. Die »Scene auf der Strasse« zeigt auf dem Sockel einer Treppen-Architektur eine steinerne Statue, die bekannte Allegorie des Rechtswesens: Das Schwert symbolisiert die strafende Gerechtigkeit und die Umsetzung des Rechts, die Augenbinde steht für die Gleichheit vor dem Gesetz ohne Ansehen der Person, die Waage für die Abwägung der Sachlage zwischen Recht und Unrecht. Bei Spitzweg ist die Statue demoliert: Ein Bruchriss lässt vermuten, dass sie vom Sockel gestürzt war, eine der Waagschalen fehlt und – seltsam – die Augenbinde ist verrutscht. Eine karikaturistische Kritik am Zustand des Justizwesen. Denn die 1848 proklamierten »Grundrechte des deutschen Volkes« waren in den 1850er Jahren durch konservative Einschränkung der Meinungsfreiheit sowie Bespitzelungen vielfach zurückgenommen worden.

Die Anschlagtafel am Gebäude steht für die behördliche Verwaltung – und der hinter der Hausecke versteckte Posten für die Polizeigewalt. Bewacht dieser Polizeidiener – in antiquierter Bürgerwehruniform, mit roter Nase und heruntergezogenen Mundwinkeln – das Amt oder die Statue? Hat er ein Auge für die üppigen Formen der Figur? Oder observiert er Passanten (wie den Betrachter des Bildes)? »Auf der Lauer«, »Fiat Justitia« und »Das Auge des Gesetzes«, so haben Kunsthistoriker später das Bild betitelt, das in Spitzwegs Verkaufsverzeichnis als »Justitia und Polizeydiener« firmierte. Da hatte sich schon die zweite »Justizgeschichte« des Bildes entwickelt.

1906 erwarb es Freiherr von Lanna für seine Sammlung, später kaufte es der Pole Leo Bendel, ein in Berlin lebender Generalvertreter in der Zigarettenindustrie, der das Bild 1937 an die Münchner Galerie Heinemann veräußern musste, um die Emigration des Ehepaars nach Wien zu finanzieren. Der als Jude verfolgte Bendel starb 1940 im KZ Buchenwald; ein Entschädigungsantrag der Witwe Else Bendel wurde 1954 zunächst nicht behandelt bzw. verfiel nach ihrem Tod 1957, ein Antrag auf Anerkennung NS-bedingter Vermögensverluste wurde abgelehnt.

Gleich 1938 hatte die Galerie Heinemann das Gemälde an Hitlers Kunstagentin Maria Almas-Dietrich für das geplante Führermuseum in Linz verkauft, und es wurde 1943 im NS-Zentraldepot im Salzbergwerk Altaussee eingelagert. Landete im Central Collecting Point der Alliierten in München, wurde dem Bayerischen Staat übergeben und ging in Bundesbesitz über. 1961 wurde es ans Bundespräsidialamt überwiesen, wo es die Amtsräume von acht Bundespräsidenten schmückte, von Heinrich Lübke bis Horst Köhler. 2006 stellten die Erben Restitutionsansprüche, die schließlich 2019 zur Rückgabe des Werkes führten. Dass es nun bei Neumeister versteigert wird, hat mit der Spitzweg-Pflege des Auktionshauses zu tun, aber auch mit dessen Expertise in Provenienzforschung und Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Was Provenienzfragen und die – späte – Restitutionspraxis betrifft, gelten laut »Lost Art«-Datenbank heute noch 100.000 Kunstgegenstände als vermisst, und 34.000 Werke in öffentlichem Besitz haben eine verdächtige Provenienz. ||

AUKTION BEI NEUMEISTER
Neben Schmuck (5. Mai, ab 16 Uhr), Kunsthandwerk, Alten Meistern und Malerei des 19. Jahrhunderts (6. Mai, ab 16 Uhr) wird ein prominentes Spitzweg-Bild mit spezieller Geschichte versteigert. Online-Führung mit dem Experten Dr. Rainer Schuster, Katalog sowie Auktion live online am 5./6. Mai

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