Die Münchener Biennale bietet der Krise die Stirn und organisiert das Festival unter dem Motto »The Point Of NEW Return« experimentell, dezentral, dynamisch.

Blick nach vorn

biennale

Manos Tsangaris und Daniel Ott | © smailovic

Die Zukunft hat schon einmal bessere Zeiten erlebt. Schon seit geraumer Zeit sorgen Klimawandel, Migration und neue Rechte für pessimistische Prognosen. Nun hat die Corona-Pandemie nicht nur, aber auch das Kulturleben lahmgelegt. In der aktuellen Situation beweisen Manos Tsangaris und Daniel Ott, die Programmmacher der Münchener Biennale, wie die unbeugsamen Gallier Mut und Köpfchen – anstatt die anstehenden Veranstaltungen einfach abzusagen, planen sie eine dynamische und dezentrale Version ihres Festivals für neues Musiktheater.

Tatsächlich pflegen die Avantgarden schon qua nomen einen positiven Zukunftsbezug: Mit Verve eilen die künstlerischen Vorreiter voraus und erforschen sozioästhetische Utopien. In diesem Kontext ist auch das Motto der Münchener Biennale für neues Musiktheater 2020 zu verstehen, der dritten Ausgabe unter Federführung von Manos Tsangaris und Daniel Ott, deren Themensetzung unter den gegenwärtigen Ereignissen fast prophetisch anmutet – »The Point of NEW return«: Obwohl »in diesen Tagen […] eine hoffnungsvolle Aussicht bezüglich der Zukunft unserer Weltgemeinschaft […] skeptisch bis mitleidsvoll beäugt« wird, beschwören die Programmmacher in ihrer Annotation des Festivals die positive Kraft der Künste; gerade wegen »der Erosion sämtlicher existierender Gesellschaftsverträge« imaginieren sie eine optimistische Zukunftsmusik. Während das »Kapitel Menschheit […] auf den letzten Seiten angekommen zu sein« scheint, glauben Ott und Tsangaris an »eine sehr besondere Fähigkeit des homo sapiens« – nämlich die »viele Jahrtausende umfassenden Errungenschaften im Bereich künstlerischen Erfindens« und messen insbesondere dem Musiktheater »gesellschaftspolitische Bedeutung« bei.

In der jetzigen Krise erfährt dieser Anspruch eine Aktualisierung. Manch ein »NEW Return« – ein Wendepunkt also, der zu Einkehr, Umkehr und vielleicht auch Rückkehr einlädt und Einsichten, Durchsichten, Vorsichten sowie Nachsichten einfordert – ergibt sich schneller als gedacht. Anstatt die Flinte in Hörweite der Corona-Pandemie ins Korn zu werfen, wollen Manos Tsangaris und Daniel Ott mit der Dynamisierung ihres Festivals Verantwortung übernehmen, für die Mitwirkenden der Münchener Biennale, aber auch für die Kunstform Musiktheater: »Dank der Stadt München können wir diese neue Situation produktiv angehen, unser Motto unter realen Bedingungen erproben und den Anspruch der Biennale als musikdramatisches Zukunftslabor unter Beweis stellen.« Die Münchener Biennale für neues Musiktheater findet also statt – aber anders als gewohnt, als örtlich und zeitlich flexibel gestaltetes »dynamisches Festival«.

Das bedeutet:

1. »Uraufführungen, die nicht im Mai 2020 in München herauskommen können, werden andernorts oder zu anderer Zeit Premiere haben.« Hier spielt der Biennale ihre dezen trale Anlage mit ihren verteilten Spielstätten und Produktionsformen in die Karten – wenn eine Produktion nicht im Mai in München stattfinden kann, machen eben Partnerinstitutionen wie das Staatstheater Braunschweig, die Oper Halle oder Wien Modern den Anfang.

2. »Wir planen, im Mai 2020 das Biennale-Programmbuch zu veröffentlichen, um das gesamte Festival konzeptuell vorzustellen.« Als ob die Festivalmacher die derzeitige Situation vorausgeahnt hätten, enthält das Programmbuch nichts Praktisches zu den Produktionen, sondern bildet mit Ausschnitten aus Partituren und Begleittexten sozusagen den konzeptuellen Rahmen der Münchener Biennale, es ist ein Dialog der Produktionen zwischen zwei Buchdeckeln.

3. »Thema und Geist sollen im ›Salon des Wunderns und der Sichten› als verbinden des Element über längere Zeit hinweg an verschiedenen Orten zugespitzt und immer auch live gestreamt werden.« Die diskursive Plattform der diesjährigen Münchener Biennale wird also zum Nervenpunkt des Festivals, bei dem nicht nur künstlerische Einsichten, sondern auch die aktuellen Ereignisse reflektiert werden.

4. »Auf künstlerischer Ebene werden neue Wege der Übersetzung gesucht.« So sollen einige Produktionen zunächst mit alternativen Mitteln realisiert werden – etwa als Hörspiel oder Videoversion – bevor sie später wie geplant auf der Bühne gezeigt werden, denn: »Grundsätzlich kann die Lösung kein einfacher Eins-zu-Eins-Stream sein – zum Musiktheater gehört leibliche Präsenz.«

Und auch mit Blick auf die Corona-Krise wagt Daniel Ott einen zukunftsoptimistischen Blick: »Wenn das entschlossene Handeln der Politik auch in der Klimakrise oder gegen Fremdenhass erfolgt, sehe ich positiv in die Zukunft.« Es müsse aber auch weitere ›New Returns› geben, fügt Manos Tsangaris hinzu: »Etwa im Kulturleben, das zeigt die momentane Situation, gilt es einiges zu überprüfen.« Dank der dynamischen Dezentralisierung des Festivals ist immerhin die Existenz der bei der Münchener Biennale für neues Musiktheater beteiligten Künstler*innen gesichert. ||

MÜNCHENER BIENNALE – FESTIVAL FÜR NEUES MUSIKTHEATER
In Progress| 15. – 29. Mai
verschiedene Zeiten | Tickets: in progress

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