Die Münchnerin Sandra Hoffmann hat ihr erstes Jugendbuch geschrieben, über das Wagnis zu leben.

Endlich leben

sandra hoffmann

Der Tod ist ein sattsam bekannter Protagonist der Kinder- und Jugendliteratur. Weil er zum Leben dazugehört? Weil Sterben die Endlichkeit des Lebens beweist und somit dessen Kostbarkeit? Auch Sandra Hoffmann nimmt sich des Themas an, sie tut es auf ungewöhnliche Weise. Bildreich und zugleich unausgesprochen deutet sie mehr an, als dass sie erzählt, schreibt sich heran an ihren Stoff, als kreise sie ein, was geschehen ist, was geschehen kann und vielleicht nie geschehen wird.

Im Zentrum ihres Buchs stehen Ona und Pe. Sie hat ihre Mutter verloren, er seinen Bruder. Sie wissen beide, dass Leben Wunden zufügen kann. Sie erkennen sich an ihren Narben, zumindest auf den zweiten Blick. Vorsichtig lassen sie sich aufeinander ein, verlieben sich, tastend, beinah kopfig. Sie nehmen Anlauf von Wort zu Wort, wo das Leben herzklopfende Unbekümmertheit bereits ausgetrieben hat.

Die Schmerzgrenze ist also hoch beziehungsweise ziemlich niedrig. Worte wiegen schwerer als sonst, manchmal fragt Ona auch einfach zu viel. Missverständnisse greifen schneller. Folgerichtig lässt Sandra Hoffmann Sätze in der Luft hängen, als müssten auch sie sich entlanghangeln an Abgründen, von denen die Leser*innen erst nach und nach erfahren. Oder als seien die Sätze das Hochseil für den Balanceakt Leben.

Und so mag Ona das, was sie »Pe-Sätze« nennt. Sie mag, wie er »oke« sagt. Es kommt auf die Details an in diesem stillen, sachten Roman, der Verlust auf Vertrauen loslässt und Liebe und Leben aufs Loslassen und Sich-Einlassen. Wie in Wellenbewegungen.

Und da ist ja auch noch das Meer. Da ist die Leidenschaft fürs Surfen. Da sind der Sommer, die Sonne, der Sand und der Wind in den Haaren, und nicht zuletzt ist da Kriedel, der Buchhändler am Ort, ihr erwachsener Freund, der 30 Jahre älter ist als Ona und Pe, aber Vergleichbares erlebt. Auch Kriedel liebt das Surfen. Auch er hat mit dem Leben noch eine Rechnung offen. Das führt die drei auf eine Reise im Käfer an die Küste, die wie so oft zu einer Reise zu sich selbst wird. Um ihre Liebe müssen und wollen sie alle kämpfen.

Ein Jugendbuch? Kein Jugendbuch? Ganz sicher ein Buch, das eine Möglichkeit ausformuliert, was es heißen kann, endlich zu leben. ||

SANDRA HOFFMANN: DAS LEBEN SPIELT HIER
Hanser, 2019 | 176 Seiten | 15 Euro | ab 13 Jahre

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