Kübra Gümüsay zeigt, wie Worte gesellschaftliche Realität prägen, und weist Auswege aus diskriminierenden Diskursen.

Heraus aus dem Sprachkäfig

Kübra Gümüsay

Kübra Gümüsay © Paula Winkler

Was war zuerst da, die Sprache oder unsere Wahrnehmung? Diese Frage steht am Anfang von Kübra Gümüsays Essay »Sprache und Sein«. Ausgangspunkt ihrer weitreichenden Reflexionen über unsere Alltagssprache(n) und deren politische Implikationen ist das türkische Wort »yakamoz«. Anschaulich schildert die Autorin, wie sie es in einer Sommernacht in einer türkischen Kleinstadt zum ersten Mal hört, am Hafen sitzend, aus dem Mund ihrer Tante, die zum Mond aufblickt: »Sieh nur, wie stark dieser ›yakamoz‹ leuchtet!« Gümüsay, die zu dem Zeitpunkt kein außergewöhnliches Leuchten wahrnimmt, fragt: »Wo denn?«, als ihre Eltern sich schließlich einschalten. Ihnen zufolge beschreibt das Wort ›yakamoz‹ nämlich die Reflexion des Mondes auf dem Wasser. »Und jetzt sah auch ich das helle Leuchten vor mir in der Dunkelheit. ›Yakamoz‹.«

Gümüsay wehrt sich gegen das »Benanntsein«

Mit diesem Beispiel verweist Gümüsay auf den Grundzusammenhang von sprachlichen Artikulationen und den mit ihnen einhergehenden Wahrnehmungsfähigkeiten und hält fest: »Sprache verändert unsere Wahrnehmung. Weil ich das Wort kenne, nehme ich wahr, was es benennt.« Die Hypothese mag, kognitionswissenschaftlich-sprachphilosophisch betrachtet, ausbaufähig sein, sie zeigt aber, welch weitreichende Folgen sich für den Zusammenhang Sprache und gesellschaftliches/politisches Handeln ergeben. Denn, so Gümüsay, Herrschaft und Hegemonie einer gesellschaftlichen Gruppe über eine andere zeige sich vor allem anhand der gebrauchten Sprache. Mit der konkreten Folge, dass diese Sprache eine Realität forme, eine Verhärtung, die später kaum mehr hinterfragt werde.

Besonders betroffen hiervon seien ethnische Minderheiten, die in einer weißen Mehrheitsgesellschaft wie der unseren unter dogmatischen Kategorisierungen litten. Gümüsay spricht an der Stelle freilich auch von sich selbst als kopftuchtragende gläubige Muslimin, die in der Öffentlichkeit unter starren Zuordnungen zu leiden habe. Denn häufig werde sie eben nicht gleichwertig als Journalistin und Wissenschaftlerin wahrgenommen, sondern lediglich als Frau mit Kopftuch, die gegenüber der Mehrheitsgesellschaft und ihren neugierigen Fragen stets auskunftswillig zu sein habe. Gegen diese soziale »Inspektion« sowie gegen ein bloßes »Benanntsein« wehrt sich Gümüsay vehement, besonders wenn es um die stets wiederkehrende Frage ihrer Herkunft geht. Aber woher kommst du wirklich?, wird die gebürtige Hamburgerin immer wieder gefragt. Es sind eben jene sprachlichen Taubheiten der Mehrheitsgesellschaft, die zu benennen Gümüsay ein treffsicheres Gespür beweist.

Kübra Gümüsay bei Hanser

Wobei wir bereits mitten drin wären im gesellschaftlichen Konflikt, der meist auf empörter Anklage benachteiligter Gruppen einerseits und einem – oftmals nicht weniger empörten – Verteidigungsreflex der Mehrheitsgesellschaft beruht. Empörung, so Gümüsay, sei zwar zur Veränderung repressiver sozialer Strukturen notwendig, sie sei aber bei Weitem kein Selbstzweck. Häufig führten die darauf einsetzenden Reflexe im Diskurs zu gesellschaftlicher Stagnation. Einem ausschließlich identitätspolitisch betriebenen Gesellschaftsprojekt stellt Kübra Gümüsay somit ein individualperspektivisches an die Seite. Und dies auf wohltuende Weise. So sieht sie auch im viel kritisierten Begriff »alter weißer Mann« eine durchaus emanzipatorische Perspektive, nämlich in dem Sinne, dass nun zum ersten Mal Vertreter der Mehrheitsgesellschaft spüren, was es heißt, eben nicht als Individuum, sondern ausschließlich als Angehöriger einer bestimmten Kategorie wahrgenommen zu werden – eine heilsame Erfahrung, ebenso heilsam wie die Lektüre von Kübra Gümüsays bemerkenswertem, wenngleich sprachwissenschaftlich an mancher Stelle zu kurz geratenem Essay. ||

KÜBRA GÜMÜSAY: SPRACHE UND SEIN
Hanser, 2020 | 208 Seiten | 18 Euro

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