Zum 150. Geburtstag des Bildhauers Ernst Barlach erscheint die kommentierte Neuausgabe seiner Briefe.

Lebensnotwendige Kommunikation

An Charitas Lindemann, 18.02.1905. Faksimile aus der kritischen Ausgabe der Briefe. © Ernst Barlach Haus, Hamburg

Ernst Barlachs Skulpturen graben sich ins Gedächtnis. Wer einmal das im Hamburger Jenischpark gelegene Ernst-Barlach-Haus besucht oder die häufi g für Kirchen geschaffenen Werke gesehen hat, weiß das. Etwa den berühmten »Schwebenden Engel«, oder die ungeheure Kraft des Ausdrucks des aus Eichenholz gefertigten »Schwertziehers« von 1911, der mit nach oben gerecktem Kopf breitbeinig dasteht.

Barlach wählte als Motive Bettler und Berserker, Greise und Hexen, Lachende und Lesende, und egal wie einsam, verträumt, traurig oder arm die Dargestellten sind: Immer scheinen sie in sich zu ruhen, ummantelt zu sein von Würde und Menschlichkeit. Ummantelt im doppelten Sinne, zeigt Barlach doch seine Figuren fast nie nackt, sondern stets in Gewändern und Umhängen. Sie sind autonome Individuen im besten Sinne des Wortes. Welche Kunstauffassung den 1870 in Wedel Geborenen leitet, drückt er in einem Brief aus, den er 1911 an Wilhelm Radenberg schrieb. »So habe ich doch alle bestimmenden Anregungen aus der Natur«, heißt es dort und weiter: »Die Natur hat Feierlichkeit und Behagen, Groteskes und Humor oft in einem Objekt und einer Linie. Wenn Sie hier meinen Empfindungen mißtrauen, bitte ich Sie z. B. die Bleistiftskizze in dem russischen Skizzenbuch – die ›fette Bettlerin‹ mit der daraus gewordenen Skulptur zu vergleichen. Ich habe nichts verändert, von dem was ich sah, ich sah es eben so, weil ich das Widrige, das Komische und (ich sage es dreist) das Göttliche zugleich sah.«

Barlach, ein Mann klarer Worte

Ernst Barlach war eine Mehrfachbegabung, arbeitete als Bildhauer, schuf Grafiken und verfasste Dramen. Er erzählte sein Leben selbst und führte Tagebuch, doch so nah wie durch die kritische Ausgabe seiner Briefe in vier Bänden, die pünktlich zum 150. Geburtstag am 2. Januar erschien, ist man dem Künstler vielleicht noch nie gekommen. Auch wenn sämtliche Gegenbriefe nicht mehr erhalten sind. Mehr als 500 der rund 2200 von Holger Helbig, Karoline Lemke, Paul Onasch und Henri Seel herausgegebenen und mit Anmerkungen versehenen Briefe waren bislang unveröffentlicht.

Briefe zu schreiben, verstand Barlach »nicht als Kunst«, sondern als »lebensnotwendige Kommunikation«, heißt es in dem instruktiven Nachwort der Herausgeber. Daran schließt sich ein umfangreicher wissenschaftlicher Apparat an, was die Edition für die BarlachForschung unverzichtbar machen dürfte. Doch die Bände, mit Fotografien, Postkarten sowie Abbildungen einzelner Werke auch optisch ansprechend aufgemacht, sind auch eine Einladung an den interessierten Laien. Dieser wird wohl hierhin und dorthin blättern; sich kurzzeitig festlesen, dann weiterschweifen und so die unterschiedlichen Facetten des zu keiner Zeit Kompromisse eingehenden Künstlers kennenlernen. Den jungen Mann, der sich Friedrich Düsel gegenüber als leidenschaftlicher Leser von Wildwestromantik zu erkennen gibt und bereits früh über ein Talent zur Beobachtung verfügt. Fast möchte man ihn einen Malte Laurids Brigge avant la lettre nennen, wenn er Düsel im Frühjahr 1895 aus Paris mitteilt: »Lieber Friedrich – nun laufe ich hier jeden Tag auf dem Pflaster und schmeiße meine Augen nach rechts und links.«

Nach 1933: Barlach wird »einsilbig«

Gute zehn Jahre später begegnet er Barlach als Vater im Kampf um das Sorgerecht für seinen Sohn Klaus; zu jener Zeit entstehen auch die ersten Holzskulpturen, was ihm die Bemerkung an Charitas und Georg Lindemann »Ich haue jetzt in Holz« entlockt. Häufig tauscht er sich mit Paul Cassirer aus, seinem Verleger. Er ist ein Mann klarer Worte. Emil Nolde schreibt er Weihnachten 1910: »Sie wissen, daß ich zu Ihrer Malerei kein Verhältnis habe, ich weiß mit Ihren Farben nichts anzufangen.«

Die Briefe sind Kunst- und Kulturgeschichte in einem. Auch Barlach war zunächst vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs begeistert – »Für mein Empfinden ist es eine Erlösung von den ewigen Ich-Sorgen des Individuums« –, ehe sich seine Einstellung wandelt, er nur mehr das Leid sieht. Nach dem Krieg schafft er Kriegerdenkmäler, die nur Trauer ausdrücken, ohne den Soldatentod als heroisches Opfer fürs Vaterland zu verklären. Diese Haltung stößt schon während der Weimarer Republik in konservativen Kreisen auf Ablehnung. Mit der Machtergreifung der Nazis wird Barlach »einsilbig«, der Verdacht, man überwache ihn, wird zum ständigen Begleiter. Seinem Bruder Hans schreibt er am 2. Mai 1933: »Das Wasser wird mir abgegraben, Niemand ist es gewesen und Niemand bekennt sich dazu … Die hündische Feigheit dieser Zeit und Herrlichkeit bringt es dazu, daß man bis über die Ohren rot wird bei dem Gedanken, daß man ein Deutscher ist.« 1937 beschlagnahmen die Nazis Hunderte seiner Werke, er erhält Ausstellungsverbot. Wenige Monate vor seinem Tod Ende Oktober 1938 schreibt der gesundheitlich Angeschlagene an Hans: »Die durchgängige Politisierung zieht die Anerkennung der reinsten Amoral nach sich, schließlich haut jeder den Andern über den Schädel und erklärt: ich fühle politisch.« ||

ERNST BARLACH: DIE BRIEFE. KRITISCHE AUSGABE IN VIER BÄNDEN
Hg. von Holger Helbig, Karoline Lemke, Paul Onasch, Henri Seel | Suhrkamp, 2020
2916 Seiten | 98 Euro

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