Vom Zelt in den Wolkenkratzer: Das Haus der Kunst zeigt eine Installation der arabischen Künstlerin Monira Al Qadiri.

Perlen des Meeres und Perlen der Wüste

Monira Al Qadiri: »Holy Quarter«| 2020 | Installationsansicht Haus der Kunst, 2020 | © Maximilian Geuter

Sand, Licht und Steine. Monira Al Qadiri bedient keine Wüstenphantasien in ihrer Installation »Holy Quarter«. Vielmehr zeigt sie eindrucksvolle Aufnahmen einer Landschaft fern jeder Zivilisation. Mit »Holy Quarter« präsentiert das Haus der Kunst in der Südgalerie die Arbeit einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstlerinnen aus der Golfregion. Al Qadiri ist 1983 in Dakar, der Hauptstadt des Senegal, geboren. Ihre Eltern stammen aber aus Kuwait, wo sie aufwuchs. Im Alter von 16 Jahren zog es sie nach Tokio, wo sie das Fach Intermediale Kunst studierte und 2010 mit einer Promotion abschloss. Nach einigen Jahren in Beirut lebt die Künstlerin heute in Berlin. Mit einer mehrteiligen Werkgruppe von Glasskulpturen, einer Videoerzählung, Text und Musik ist Monira Al Qadiri eine beeindruckende künstlerische Auseinandersetzung mit globalen Fragestellungen gelungen. Aus einer östlichen Perspektive greift sie die Frage nach einer tragfähigen Zukunftsvision für die Menschheit auf.

Monira Al Quadiri – Kunst zwischen Erdölgeschäften und galaktischer Spiritualität

Über die große Leinwand flackern Bilder von Sanddünen und Steinformationen in der Wüste Rub al-Khali, dem »Leeren Viertel« zwischen Saudi-Arabien, Oman, Jemen und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ein einzelner Strauch ist in einem Meer von Sand zu sehen. Die Videoerzählung demonstriert, wie klein der Mensch angesichts von Naturgewalten ist. Die Filmaufnahmen, mithilfe einer Drohne im »Leeren Viertel«, der größten Sandwüste der Erde, entstanden, bilden eine Einheit mit den runden schwarzen Glasskulpturen. Ein wichtiger Anknüpfungspunkt für das intermediale Projekt ist die Geschichte des britischen Entdeckungsreisenden St. John Philby, der in den 1930er Jahren im »Leeren Viertel« auf der Suche nach den Ruinen einer antiken Stadt unterwegs war. 1932 entdeckte er als erster Europäer die Wabar-Krater, hielt sie aber für einen erloschenen Vulkan. Tatsächlich gilt Wabar als weltweit besterhaltener Meteoriten-Krater. Qadiri sieht in diesen Überresten des Meteoriten mehr als eine geologische Attraktion. In ihrer Installation wird Wabar zu einem fiktiven Wesen mit mythologischer Qualität, das aus dem All auf die Erde gefallen ist. In den eingespielten Audio-Sequenzen spricht Wabar Texte aus dem Tagebuch von St. John Philby, vermischt mit wissenschaftlichen Anmerkungen und religiöser Poesie.

»Aber die Erzählungen unserer Gesellschaften zerfallen.« (Monira Al Qadiri)

»Wenn man diese Steine, die von einem Meteoriten stammen, in die Hand nimmt, dann bekommt man unweigerlich ein spirituelles Gefühl für die unendliche Weite des Universums, mit dem wir verbunden sind«, erläutert Monira Al Qadiri. Dieses Gefühl der Ehrfurcht für den Kosmos wollte sie in ihrer Installation transportieren. Die Glasskulpturen erinnern mit ihrer Perlenform aber auch daran, dass es am Golf eine Zeit vor dem Erdöl gab. Damals war Perlentauchen im Meer noch die Lebensgrundlage der Bewohner. Monira Al Qadiri gehört zu einer jungen Generation arabischer Künstler, die sich mit den Folgen des Erdölzeitalters für ihre Gesellschaften auseinandersetzen. Denn der kulturelle Umbruch nach dem Beginn der Ölförderung war einschneidend. Noch al Qadiris Großvater arbeitete als Sänger auf einem Perlenfischerboot. Innerhalb nur einer Generation wurden sie vom Wüstenzelt in den Wolkenkratzer katapultiert. Al Qadiri vergleicht den Einbruch des Erdölzeitalters mit einer Invasion von Aliens aus dem Weltall. Über einem importierten westlichen Modell von Fortschritt seien die eigenen kulturellen Wurzeln komplett vergessen worden, sagt sie. Bis heute beruhen Wohlstand und Überkonsum in der Region auf dem Öl. Mit ihrer schwarzen Farbe verweisen die Glasskulpturen auf das alles bestimmende Öl. Ideen für eine postfossile Zukunft könne aber nur entwickeln, wer sich an die Zeit vor der Erdölförderung erinnert, ist die Künstlerin überzeugt. »Aber die Erzählungen unserer Gesellschaften zerfallen.« Die Lage im Nahen Osten hält sie für »schmerzhaft« und »tragisch«. Es gebe überhaupt keine Vision für die Zukunft. ||

MONIRA AL QADIRI . HOLY QUARTER
Haus der Kunst| Prinzregentenstr. 1 | bis 21. Juni | Mo–So 10–20 Uhr, Do bis 22 Uhr | »Dark Genesis«, Lecture-Performancevon Monira Al Qadiri: 7. Mai, 19 Uhr | Das Ticket gilt auch für Kapsel 11: »Zugzwang« der deutsch-vietnamesischen Künstlerin Sung Tieu

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