Mit ihrem Filmtagebuch »Für Sama« zwingt die Syrerin Waad al-Kateab zum Hinsehen.

Im Zentrum des Sturms

Für Sama Still

Waad al-Kateab filmt seit dem Beginn der syrischen Revolution in ihrer Heimatstadt Aleppo. Der Film »Für Sama« ist ihrer Tochter gewidmet | © Filmperlen

Im syrischen Bürgerkrieg, der seit 2011 anhält, galt die Stadt Aleppo lange als Zentrum des Widerstands gegen die Regierung um Baschar al-Assad. Doch der Druck auf die Rebellen stieg und resultierte 2016 in einer monatelangen Belagerung, die sämtliche Versorgungswege in die Stadt hinein kappte. Es folgte eine humanitäre Katastrophe, bei der die Weltöffentlichkeit wegschaute. Die syrische Journalistin Waad al-Kateab jedoch zwang zum Hinschauen. Sie filmte seit dem Beginn der Revolution in Aleppo und zeigte, wie dort unter dem Beschuss der Regierungstruppen aus dem alltäglichen Leben eine jeden Tag neu kalibrierte Behelfs- und Notsituation wurde. Sie lieferte Beiträge an den britischen Nachrichtensender Channel 4. Ihre Berichterstattung wurde mit vielen Preisen bedacht.

Mit »Für Sama« zeigt al-Kateab nun dieselbe Zeit aus ihrer persönlichen Perspektive, als an ihre Tochter Sama gerichtetes Tagebuch. Mit ihrem Freundeskreis gründet al-Kateab ein provisorisches Krankenhaus, heiratet inmitten des Krieges ihren Jugendfreund Hamza, einen der Ärzte, und bekommt ihre Tochter Sama im selbst eingerichteten Notfallkrankenhaus. Das wird während der Belagerung zum Rettungsanker der Rebellen, denn es ist auf keiner Karte verzeichnet und kann nicht gezielt bombardiert werden.

Viele Familien bleiben, um ihren Kindern ein Vorbild zu sein (…). »Für Sama« ist ein Erklärungsversuch an all diese Kinder.

Zu den mit Handkamera gefilmten Bildern erzählt al Kateab von den Erlebnissen im Krankenhaus, spricht rückblickend über Sorgen und Nöte, die sie sich erst nachträglich eingestehen kann, und versucht zu erklären, weshalb auch sie bis zuletzt in Aleppo bleibt und das Leben ihrer Familie aufs Spiel setzt. Das ist nicht immer einfach nachzuvollziehen, doch der Idealismus dieses Kollektivs ist ansteckend. Wegen ihm ist dies trotz der allgegenwärtigen Gewalt eine Geschichte voller Hoffnung.

Al-Kateabs Kamera gibt den Menschen hinter dem abstrakten Begriff der Rebellen ein Gesicht: Es sind ganz normale Leute, die ihren Lebensmittelpunkt nicht zurücklassen wollen. Denn Aleppo ist Heimat, und die gibt man nicht leichtfertig auf. Viele Familien bleiben, um ihren Kindern ein Vorbild zu sein – für die eigenen Überzeugungen müsse man eintreten und dürfe vor der Verantwortung nicht weglaufen. »Für Sama« ist ein Erklärungsversuch an all diese Kinder. Wie schwer die Entscheidung ihnen gefallen sein muss, kann man sich nurvage vorstellen, denn aus den Trümmern werden viele Kinder gezogen, verstört, verletzt und nicht selten tot.

Deutscher Trailer zu »Für Sama«

Man möchte wegschauen, wenn al-Kateab mit der Kameradraufhält und zeigt, wie zwei Jungs ihren kleinen Bruder hereinschleppen. Die Verzweiflung schwappt über sie hinweg, alsklar wird, dass er tot ist. Man möchte auch wegschauen, wenn man sieht, unter welch lebensunwürdigen Bedingungen dieverbliebenen Familien in Aleppo leben müssen. Welche langfristigen Auswirkungen es hat, den Krieg so lange am eigenen Leib zu erleben, zeigen die fast unsichtbaren Dinge: Als die Krankenhausgemeinschaft wieder einmal im Keller Schutz vor einem Flugzeugangriff sucht, zucken die Erwachsenen bei jedem Bombeneinschlag zusammen – Sama jedoch nicht. Für das Kleinkind gehört Kriegslärm zur alltäglichen Geräuschkulisse. Das resignierte Unverständnis ob der Gleichgültigkeit des Westens steht ihnen allen ins Gesicht geschrieben und lässt Scham aufkommen. Doch genau das ist es, was es auszuhalten gilt, und macht »Für Sama« zu einem so wichtigen Zeitdokument. Der Film ist eine Mahnung hinzusehen, wenn Katastrophen wie diese sich auch nur ansatzweise andeuten, und zu helfen.

Waad al-Kateab lebt mit ihrer Familie mittlerweile in London, wo ihr Edward Watts von Channel 4 half, aus den vielen Stunden Material einen Film zu schneiden. Sie wurde für ihren Film mit einer Vielzahl von Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Golden Eye in Cannes, dem Europäischen Filmpreis und einem BAFTA Award. ||

FÜR SAMA
Dokumentarfilm | Großbritannien, Syrien 2019 | Regie: Waad al-Kateab, Edward Watts | Mit: Waad al-Kateab, Hamza al-Kateab
100 Minuten | Kinostart: 5. März 2020

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