Mit ihrer formal wie inhaltlich unkonventionellen Dokumentation »800 Mal einsam – Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz« setzt Anna Hepp der Ikone des Jungen Deutschen Films ein ebenso würdiges wie visuell bestechendes Denkmal.

»Filmemachen ist Heimat«

 

Freiraum durch Bilder: Anstatt auf starre Doku-Konventionen setzt Filmemacherin Anna Hepp auf ein Filmkonzept, bei dem die künstlerischen Mittel miteinander im Einklang sind. Im Bild ist sie neben Edgar Reitz im berühmten Essener Kino Lichtburg zu sehen. | © deja-vu film

Er war 1962 einer der 26 Unter zeichner des legendären Oberhausener Manifests, gehörte somit zu den Wegbereitern des Jungen Deutschen Films, jenen Regisseuren also, die »Papas Kino« für tot erklärten und damit die soziopolitische Wende deutscher Filmkultur nach dem Zweiten Weltkrieg einleiteten. Bekannt wurden indes zunächst andere, Wim Wenders etwa und Werner Herzog, Alexander Kluge und Rainer Werner Fassbinder. Reitz dagegen musste auf nationale wie internationale Anerkennung sehr lange warten, auf dem Weg dorthin zahlreiche Rückschläge verkraften. Erst Anfang der 1980er Jahre schaffte der am 1. November 1932 im Hunsrückstädtchen Morbach geborene Filmemacher seinen Durchbruch, mit der stark autobiografisch gefärbten, elfteiligen Fernsehserie »Heimat«, der er 1988 »Die Zweite Heimat« und 2003 »Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende« folgen ließ. Weitere zehn Jahre später brachte ihm der Mitte des 19. Jahrhunderts angesiedelte Film »Heimat – Chronik einer Sehnsucht«, in dem er sich erneut mit den Ereignissen in einem Dorf im Hunsrück auseinandersetzte, den Deutschen Filmpreis für die beste Regie und das beste Drehbuch ein.

Jetzt hat die aus dem nordrhein-westfälischen Marl stammende Regisseurin Anna Hepp, die an der Kunstschule für Medien Köln studierte, den renommierten Filmemacher porträtiert und eine Annäherung an den als nicht leicht zugänglich berüchtigten Menschen versucht. »800 Mal einsam – Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz« nennt sie ihre Dokumentation, die sich mit ihren sorgfältig komponierten, visuell ansprechenden Schwarz-Weiß-Bildern (eine Reverenz an Reitz, der oft und gern in S/W drehte) sowie Zeitraffern und extremen Detailaufnahmen selbst wie ein kleines Kunstwerk anfühlt. Dabei war sie sich indes der Gefahr bewusst, dadurch den Fokus auf den zu Porträtierenden verlieren zu können: »Das ist eine Gratwanderung. Aber ich habe alle Komponenten gleich ernst und wichtig genommen, versucht, alles auf gleiche Augenhöhe zu bringen.« Im Gegensatz zu vergleichbaren, eher konventionellen Dokumentationen verzichtet Hepp bis auf wenige Ausnahmen auf Filmausschnitte aus dem Œuvre des Künstlers und auf Originaltöne von Weggefährten, Freunden oder Kollegen, die sich zu Reitz äußern.

Reitz: »Meine Filme sagen: Das ist das Leben«

Für die Filmemacherin eine ganz bewusste Entscheidung: »Für mich geht es auch um die Frage, wie sich Handwerk und Kunst in Einklang miteinander bringen lassen und sich gegenseitig bereichern. Ein guter Film sollte in meinen Augen komplett auf Filmzitate verzichten und einen eigenen Blick kreieren können. Außer, es ist ein Film wie ›Beuys‹, der genau auf dem Konzept beruht, ausschließlich aus Filmzitaten gestaltet zu werden. Das Medium Film ist für mich ein wunderbares Ausdrucksmittel weit über die Grenzen des Abbildbaren hinaus.«

In »800 Mal einsam – Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz« werden keine Zahlen, Daten und Fakten heruntergebetet, Hepp reiht auch nicht einen Interviewausschnitt an den anderen, schafft vielmehr immer wieder Freiraum durch atmosphärische, mit sphärischen Klängen unterlegte Bilder, die dem Betrachter Zeit geben, das Gehörte wirken zu lassen, etwa Reitz-Zitate wie »Film ist wie ein Magnetfeld, alles richtet sich danach aus«, »Die Welt ist ein Produkt der Fantasie« oder »Meine Filme sagen: Das ist das Leben«. Darüber hinaus spricht Reitz auch über große Niederlagen, wie das durch eine »Spiegel«-Kritik ausgelöste wirtschaftliche Debakel von »Der Schneider von Ulm«, nach dem sich der Regisseur »finanziell ruiniert und moralisch am Boden« sah. Und an anderer Stelle spart er auch nicht mit harscher Kritik, wenn er etwa den WDR beschuldigt, er habe seine öffentlich-rechtliche Pflicht, Talente zu fördern, nicht erfüllt. Während des Gesprächs sitzt oder geht Anna Hepp aufmerksam neben ihm, zum Beispiel im Kino (gedreht wurde in der beeindruckend-palastartigen Lichtburg in Essen) oder bei einem Waldspaziergang. Durch dieses Nebeneinander gibt es allerdings so gut wie keinen Augenkontakt, es entsteht eine merkwürdige Distanz zwischen Interviewerin und Interviewtem. Auch das eine ganz bewusste Entscheidung, so Hepp: »Es sollten keine klassischen Interviewsituationen entstehen, eher ein Gespräch der Generationen gestaltet werden, ein Zuhören, ein gemeinsames Nachdenken, ein Lehrer-Schüler-Verhältnis: ein der Erfahrene spricht, die Unerfahrene, Neugierige hört zu.«

Maximilian Sippenauers Text zur Edgar Reitz-Retrospektive in Nürnberg 2018

Die ausgebildete Fotografin, Jahrgang 1977, arbeitet bei ihrem Reitz-Porträt noch mit einem weiteren Stilmittel, das eher ungewöhnlich für eine Dokumentation ist: Sie bindet das Filmteam ein, man sieht also die Tonfrau mit ihrer Angel, die Beleuchter mit ihren Lampen, und auch den Kameramann, der sich sogar aktiv in das Gespräch einschaltet und selbst Fragen an den Regisseur richtet. Genau dieses Filmemachen sichtbar zu machen war, so Hepp, »von Anfang an wichtig für mein Porträt über Edgar Reitz, der für das Filmemachen steht. Darin liegt seine Leidenschaft, sein ganzes Tun konzentriert sich auf das Machen, weniger auf seine Person. Das wollte ich natürlich zeigen, stellvertretend. Das bringt uns zusammen: die Liebe und die Leidenschaft für das Filmen. Das ist für mich ein wichtiger Aspekt, wenn man als Filmemacherin einen Film über einen Filmemacher dreht. Darüber hinaus wollte ich ›spielen‹, experimentieren, etwas ausprobieren, um bei einer Länge von 84 Minuten Kontraste zu schaffen und Abwechslung, Unerwartetes zu gestalten.« Genau das ist Anna Hepp überwiegend gut gelungen. Eine Ehre wurde ihrem Werk schon zuteil, es lief 2019 im Programm der Internationalen Filmfestspiele von Venedig, jenem Festival, auf dem Reitz einst mit seiner »Heimat«-Trilogie seine größten Triumphe feierte. Jetzt kommt »800 Mal einsam – Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz« regulär in die deutschen Kinos. Und obwohl Hepp zugibt, dass Reitz, der manchmal so Unbequeme, es ihr nicht leicht gemacht hat (»Das hat mich herausgefordert und daran konnte ich mich weiterentwickeln«), könnte sie sich durchaus vorstellen, auch zukünftig weitere Filmemacher des Neuen Deutschen Films zu porträtieren. Denn, so die Regisseurin abschließend, »Filmemachen ist für mich Heimat. Das Tun mehr als das fertige Produkt.« ||

800 MAL EINSAM – EIN TAG MIT DEM FILMEMACHER EDGAR REITZ
Dokumentarfilm | Deutschland 2019 | Produktion, Regie & Idee: Anna Hepp | Mit: Edgar Reitz & Anna Hepp | Länge: 84 Minuten
Kinostart: 5. März
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