Der Münchner Musiker David Mayonga, alias Roger Rekless, hat ein Buch über seine Jugend und den Alltagsrassismus geschrieben, der ihn immer begleitet.

David Mayonga | © Philipp Wulk

David Mayonga ist ein Tausendsassa. Der gebürtige Münchner ist studierter Pädagoge und Kunsthistoriker, als Roger Rekless in der Hip-Hop-Szene unterwegs, Sänger der Crossoverband GWLT und er ist Moderator beim Bayerischen Rundfunk. Im vergangenen September hat er den Deutschen Radiopreis erhalten. Was er macht, macht er richtig.

Nun hat er ein Buch geschrieben. Der Titel verweist auf seine allererste Begegnung mit Rassismus. An seinem allerersten Kindergartentag rief ihm ein anderes Kind beim Bilden des Stuhlkreises entsetzt entgegen: »Ein Neger darf nicht neben mir sitzen.« Der Spruch saß – das Konzept des Rassismus für Dreijährige in einer Watschen. »All das, was mich zum Menschen macht, all das wird ausradiert von dem Wort Neger«, kontert Mayonga heute.

Mayongas Vater ist Nigerianer, weshalb er auch heute noch regelmäßig gefragt wird, woher er denn »wirklich« komme. Alltagsrassismus begleitet ihn seit diesem Tag im Kindergarten. Man möchte meinen, dass es ihm reicht, sich ständig erklären, vorverurteilen lassen und für seine Hautfarbe rechtfertigen zu müssen. Doch nicht obwohl, sondern gerade weil er so viele Erfahrungen mit Rassismus gemacht hat, will Mayonga mit seinem Buch einen Dialog anstoßen.

Seine Kindheit und Jugend in Markt Schwaben sind nur der Ausgangspunkt dieser Überlegungen. Woher kommt Rassismus und was bedeutet das heute für das Zusammenleben in Deutschland? Das Buch funktioniert wie ein Mash-up: aus Begriffsklärungen, Biografi schem und Gastbeiträgen von befreundeten Künstlern wie dem Hamburger Rapper Samy Deluxe oder dem in Berlin lebenden Comedian Shahak Shapira. Damit gelingt David Mayonga eine umfassende Perspektivierung, die viele Anknüpfungspunkte anbietet und somit ein sehr breites Publikum abholt. Wer sich mit dem Thema Rassismus noch nicht auseinandergesetzt hat, bekommt die wichtigsten Infos und Daten an die Hand. Wer sich schon eingelesen hat, blättert eben zu den biografischen Notizen oder Gastbeiträgen.

David Mayonga kommt nicht nur aus Markt Schwaben, sondern eben auch aus dem Hip-Hop und dem Radio, also von der gesprochenen Sprache. Das merkt man seinem Buch an. Nicht nur die Struktur ist eher die eines Albums mit Remixen, Gastauftritten und Loops, auch sein Duktus ist erfrischend. Mayonga sagt selbst, er wollte keine Autobiografie oder einen Ratgeber schreiben, sondern ein Angebot zum Austausch und zum Verstehen machen – und das funktioniert natürlich im direkten Gespräch viel besser als in verklausulierter Schriftsprache. Dazu passt der manchmal umgangssprachliche Ton, man meint den Autor direkt erzählen zu hören. In den biografischen Einwürfen hat er ein immenses Gespür für die Atmosphäre der geschilderten Situationen – ein wichtiges Gegengewicht zu den Begriffsdefinitionen und historischen Einordnungen.

Sein Besuch bei einem Infoabend der Münchner AfD liest sich wie eine Horrorsatire aus Dunkeldeutschland, und man müsste lachen, wäre es nicht einfach nur zum Fürchten. Dieses holzvertäfelte Wirtshaus, in dem die Gerichte 8,80 Euro kosten. Der Deutschland-Sombrero an der Wand. Die Wirtin, die dem einzigen Schwarzen im Raum ungefragt ein Cola-Weizen hinstellt – im Wirtshausslang auch Neger genannt. Die besorgten Bürger im Wollpulli, die es mehr schlecht als recht hinbekommen, sich bürgerlich zu geben. Das Unbehagen, das in Mayonga aufsteigt und jeden Moment in Panik umschlagen kann – deutlicher kann es nicht werden, aber so deutlich muss man mittlerweile werden, um zu zeigen, dass Rassismus uns alle angeht. ||

DAVID MAYONGA MIT NILS FRENZEL: EIN NEGER DARF NICHT NEBEN MIR SITZEN. EINE DEUTSCHE GESCHICHTE
Komplett-Media, 2019 | 280 Seiten
18 Euro