Corneliu Porumboius dekonstruiert in »La Gomera« lustvoll das Film-Noir-Genre.

Cristi (Vlad Ivanov) lässt sich in »La Gomera« auf allzu zwielichtige Deals ein| © Alamode Film

Solidarität unter Ganoven? Eigentlich undenkbar, erst recht nicht, wenn kurz zuvor die kriminelle Geldwäschemaschine ordentlich angeschmissen wurde und nun besonders große Scheine im Spiel sind. Trotzdem lässt sich der obskure Polizist Cristi, den die osteuropäische Allzweckschauspielwaffe Vlad Ivanov (»4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage«/»Sunset«) gewohnt einsilbig verkörpert, zu Beginn von Corneliu Porumboius flott inszeniertem Cannes-Hit »La Gomera« genau auf jenen seltsamen Deal ein. Um ihren Partner, den Matratzenfabrikanten Zsolt (Sabin Tambrea), aus dem Knast in Bukarest zu befreien, rekrutiert die überbordend schöne Femme fatale Gilda (Catrinel Marlon) kurzerhand den schweigsamen Staatsdiener für den nächsten Coup. Auf der titelgebenden Kanareninsel soll sich Cristi mit der lokalen Pfeifsprache »El Silbo« vertraut machen, damit Zsolts Befreiungsaktion gelingen kann und Gilda um 30 Millionen Euro Schwarzgeld reicher wird. Ist das Ganze nun ein Hitchcockscher MacGuffin, eine Hommage an das klassische »Heist-Movie« oder pure Drehbuchspinnerei?

Nachdem der rumänische Filmfestivalliebling Corneliu Porumboiu (»Der Schatz«/»12:08 – Jenseits von Bukarest«) bereits mit seinem irrwitzig-abwegigen »Police, adjective« (2009) das Polizeifilmgenre auf ebenso kluge wie hintersinnige Weise demontiert hatte, hat er sich nun für »La Gomera – Verpfiffen und verraten« deutlich breitenwirksamer den Film noir vorgenommen. Er dekonstruiert ihn geradezu mit sprechenden Namen, auffälligen Filmzitaten, die von »Die Spur des Falken« bis zu »Notorious« und »Psycho« reichen, und verquirlt dessen Restbestände mit Porumboius eigenen Metathemen Kommunikation und Überwachung, die sich leitmotivisch durch sein bisheriges Œuvre ziehen. Zusammen mit Billy Wilders wichtigster Regieregel im Kopf (»Du sollst nicht langweilen, du sollst nicht langweilen und du sollst nicht langweilen!«), einer großen Portion staubtrockenen Humors und in mannigfaltiger Bildsprache (Kamera: Tudor Mircea), die Westernkonventionen genauso wie Imagefilm-Ästhetiken zitiert, gehört dieser extravagante Neo-Noir-Heistfilm sicherlich zu den ungewöhnlichsten Kinostarts des Jahres. In weitgehend kurzweiligen 100 Minuten schlingert Porumboius eigensinniger Metafilm mal wundersam leichtfüßig, dann wieder durchaus waghalsig und zugleich durchgängig voller Minihommagen steckend in diversen Kapiteln durch seinen eigenen Kosmos wie durch die Genese des Kinos. Dabei werden lustvoll Kehlen durchtrennt oder Filmemacher erschossen, es wird der Liebe zur Oper gefrönt oder es werden immer noch kuriosere Drehbuchköder ausgelegt, bis zum fulminanten Showdown in den »Gardens by the Bay«: dem 101 Hektar großen Parkgelände Singapurs, das künstlich aufgeschüttet wurde und wie aus einer psychotronischen Galaxis zu kommen scheint. So beständig wie Corneliu Porumboiu im Soundtrack zwischen Ute Lemper, hehrer Opernkunst und Iggy Pop mäandert, so wenig lässt sich sein Film auf einen Nenner bringen: Gut so. Nein, pfeif drauf! ||

LA GOMERA – VERPFIFFEN UND VERRATEN
Rumänien/Frankreich/Deutschland 2019 | Regie: Corneliu Porumboiu | Mit: Vlad Ivanov, Sabin Tambrea, Catrinel Marlon
98 Minuten | Kinostart: 13. Februar
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