In ihrem letzten Film fasst Agnès Varda ihr sechs Jahrzehnte umfassendes Schaffen zusammen.

Kinovisionärin Agnes Varda. Sie starb im vergangenen Jahr im Alter von 90 Jahren | © Film Kino Text

Ihr filmisches Grundprogramm scheint heute aus der Zeit gefallen, doch lechzt das Kino in Wahrheit nach einer anderen Form; nach einer, wie sie Agnès Varda bereits in jungen Jahren als Filmemacherin in Paris beschrieb: als utopisches Kino, das sich verwirkliche, wenn man sich den Menschen zuwende, sie mit Empathie und Liebe filme, schlicht weil man sie außergewöhnlich findet. »Nichts ist banal«, sagt daher auch Varda in »Varda par Agnès«, dem letzten vor ihrem Tod im vergangenen Jahr verwirklichtem Film, der sich einerseits als Abschluss- und Überblicksdokument ihres Schaffens verstehen lässt, andererseits aber viel mehr noch als finale cineastische Masterclass, auf einer Bühne vor Publikum, dem sie ihre Kinovision vermittelt. Nicht von der Kanzel herab, auch nicht als oberlehrerhaft alte Filmweise, sondern als eine bis zu ihrem Lebensabend neugierig Gebliebene, deren Projekt sich bis zuletzt als ein Kino im Zeichen des Geteiltseins verstand und damit als dialogisches Format.

Angefangen von ihrem 1968 gedrehten »Black Panthers«, in dem sie auch den feministischen Wurzeln der schwarzen Bürgerrechtsbewegung nachspürt, über »Réponse de femmes: Notre corps, notre sexe«, der verstärkt die feministische Revolte im Kampf gegen die vorherrschende Körperpolitik in den dokumentarischen Fokus rückt. Ein Kino der Solidarität kündigt sich hier an, eines, das seine Vollendung 1985 mit »Vagabond« finden sollte. Männliche Herumtreiber, Drifter und Anhalter kannte die Leinwand bis dahin viele, eine weibliche Landstreicherin noch nicht. Die damals 17-jährige Schauspielerin Sandrine Bonnaire schuf mit ihrer Mona eine Filmikone. Varda psychologisiert die Figur des Straßenmädchens nicht, sondern zeigt schlicht ihr Handeln, das sich gegen die Gesellschaft und die Repression richtet.

Natürlich sind da noch ihre bekanntesten Filme »Cléo de 5 à 7« etwa, Vardas cineastische Zeitstudie, »Jacquot des Nantes«, ihr Liebesgedicht an Jaques Demy, sowie »Le Bonheur«, das nicht nur vom vergangenen Glück eines viel zu kurzen Sommers handelt, sondern von viel mehr noch. Dieses »Mehr« bringt »Varda par Agnès« in seiner Zusammenschau grandios auf den Punkt. Im Kino gehe es nicht darum, die Zeit anzuhalten, hält Varda an einer Stelle des Films fest, sondern darum, die Zeit beim Vergehen zu begleiten. ||

VARDA PAR AGNÈS
Dokumentarfilm | Frankreich 2019 | Regie, Buch, Montage: Agnès Varda | 116 Minuten | Kinostart: 6. Februar
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