Die Tänzerin Maria Baranova sucht die Herausforderung. Ein Porträt.

Maria Baranova und Osiel Gouneo in »Der Nussknacker«| © S. Gherciu

Tänzer! Sie sind die Farben einer Choreografie. Wie auch könnten wir zum 50. Mal klassische Meisterwerke anschauen, ob nun von Petipa oder den nachfolgenden Koryphäen John Cranko und John Neumeier, um nur ein paar Namen zu nennen, wenn nicht immer wieder andere Protagonisten solche choreografischen Monumente neu zum Leuchten bringen würden. Dabei haben wir das große Glück, dass diese ganz speziellen Künstler sich nicht scheuen, die Mühen der Wanderarbeit auf sich zu nehmen. Und das spätestens seit dem 18. Jahrhundert. Beispiel par excellence: der Mailänder Tänzer und Choreograf Filippo Taglioni, der ständig unterwegs war zwischen Wien, München, Stuttgart und Mailand, Paris, Stockholm, Berlin und St. Petersburg, auch für mehrjährige Engagements.

Und dies zum Teil mit Frau und seinen Tänzerkindern, der berühmten Marie Taglioni, Sohn Paul und dessen Tochter, Marie der Jüngeren. Eine Erholungstour waren diese ständigen Ortswechsel damals nicht. Mit den modernen Transportmöglichkeiten, einer digital vernetzten Welt, nicht zuletzt dank personell viel besser ausgestatteter Ballettdirektionen ist das Länder- und Theater-Hopping doch erheblich leichter geworden, wenn auch immer noch anstrengend genug. Von irgendwelchen Unannehmlichkeiten ließe sich Maria Baranova, Prototyp der aktuellen selbstbestimmten Tänzergeneration, aber ohnehin nicht von einer künstlerischen Selbstverwirklichung abhalten. Seit Saisonbeginn 2019/20 ist sie Erste Solistin im Bayerischen Staatsballett: eine wahre Tanznomadin, wie ihre Laufbahn verrät. Das »Weiterziehen« hat die 1992 in Finnland geborene Tochter ukrainischer Eltern wohl schon in den Genen mitbekommen. Der Fußballchampion-Papa war in Helsinki gefragt. Und so erhält Baranova am Helsinki Dance Institute ihre Tanzausbildung.

2008 nimmt sie am Prix-de-Lausanne-Wettbewerb teil. Hamburgs Ballettchef und Jurymitglied John Neumeier bietet ihr ein zweijähriges Stipendium in seiner Schule an, engagiert sie jedoch schon 2009, nach nur sechs Ausbildungsmonaten, in sein Ensemble. 2011 folgt sie dem Ruf von Kenneth Greve nach Helsinki, der die erst 19-Jährige in seinem Finnischen Nationalballett gleich zur Ersten Solistin macht. 2015 reizt sie der Sprung in die USA zum Boston Ballet. Und jetzt München.

Was für ein Parcours! Gesäumt von Wettbewerbsmedaillen, vielen Rollen und wichtigen Erfahrungen – künstlerische vor allem bei John Neumeier. »Ja, sein Verständnis von Tanz, seine Vision!«, blickt Baranova zurück. »In der Ausbildung geht es ja grundlegend um die körperliche, die technische Leistung, bei Neumeier jedoch zuerst um die Emotion, dann erst um Schritte. Er kann förmlich durch inen hindurchsehen. Als junges Ensemblemitglied erschrickt man, fühlt sich aus seiner Komfortzone geworfen und ist gleichzeitig fasziniert. Er ist ein Genie.« Dass sie 2011 zum Finnischen Nationalballett wechselte, könnte Neumeier, dessen Arbeit auch auf dem langjährigen Einsatz seiner Tänzer beruht, durchaus enttäuscht haben. »Mit 17, 18 ist man noch sehr jung. Und das Leben in solch einem prominenten Ensemble ist hart«, erklärt Baranova ihre damalige Entscheidung. »Es gibt, und ja auch nur zu verständlich, immer Eifersüchteleien. Ich selbst fühlte mich unter Druck, besonders wenn ich unerwartet für eine erkrankte Solistin einspringen musste, also zum Beispiel für die Hauptrolle in ›Manon Lescaut‹‹ nur etwa sechs Tage hatte. Außerdem fühlte ich mich in Deutschland einsam.«

Aber auch Helsinki lässt sie hinter sich, nachdem sie das zwischen Petipa-Klassik und Kylián-Moderne breit gefächerte Repertoire getanzt hat. 2015 geht es ab nach Boston. »Die USA, das ist wirklich eine ganz andere, eine irre beschleunigte Welt«, sagt sie. »Die Theater werden nicht wie hier staatlich subventioniert. Als Tänzer hat man jeweils nur einen 40-Wochen-Vertrag, muss in der engagementfreien Zeit eigenständig über die Runden kommen. Die Probenzeit ist durchwegs extrem kurz, und ein Ballettabend wird etwa 45 Mal ensuite getanzt.« Man könnte das Knochenjob nennen. Aber Baranova meint nur: »Dann hat man die Choreografie irgendwann hundertprozentig im Körper.« Sie sucht die Herausforderung, und die ja jeweils auch mit Erfolg. Die Zeit bei Neumeier habe sie stark gemacht, gibt sie anerkennend zu, es sei eine Lebensschule gewesen. Boston war das sichtlich auch.

Und nun das Bayerische Staatsballett mit seiner reichen Palette von Handlungsklassikern, in denen eine Ballerina über die Technik hinaus ihre darstellerischen Fähigkeiten ausloten und entwickeln kann. Und Technik, zugeschliffen in russischer Schule, hat sie. Man schaue sich auf YouTube Maria Baranova als Medora in Ivan Liškas »Corsaire« nach Petipa an (eine Aufführung in Helsinki). Von ihrer Statur her ist sie filigran, aber stählern auf Spitze bei dennoch weich fließenden Ports de bras. Ihr Brio konnte sie in München noch gar nicht austanzen. Bis jetzt hatte sie hier vier Debüts: Kitty in Christian Spucks »Anna Karenina«, Phrygia in Juri Grigorowitschs »Spartacus«, Swanilda in Roland Petits »Coppélia« und Marie in John Neumeiers »Nussknacker«. Man hat sie also in jugendlichen Partien gesehen, verspielt, komödiantisch, kokett, auch als eine lyrisch verhaltene Phrygia. Die großen dramatischen Rollen, für die sie wohl nach München kam, liegen noch vor ihr: die Tatjana in John Crankos »Onegin«, die Marguerite in John Neumeiers »Kameliendame« und Anna Karenina bei Christian Spuck.

Baranovas Laufbahn bis jetzt verrät ihre Aufbruchsenergie, ihre Willensstärke. Im Gespräch erkennt man in ihr einen ernsthaften, sehr überlegten Menschen. In Bezug auf ihre Hamburger Zeit, also ihr allererstes Engagement, sagt sie: »Ich habe mir damals so sehr eine Unterstützung gewünscht.« Bleibt zu hoffen, dass sie auf dem Weg ins dramatische Fach hier eine solche helfende Hand findet. Und vielleicht sieht man sie ja im März/April in Ray Barras »Schwanensee«. ||

BAYERISCHES STAATSBALLETT
Nationaltheater| »Die Kameliendame«: 5./14. Feb., 1./3. März| »Schwanensee«: 25./30. März, 4./5. April| »Coppélia«: 8./14. April
Achtung: Die Besetzung wird erst kurzfristig bekanntgegeben