Der Dokumentarfilmer Jörg Adolph (»Elternschule«) hat den Sachbuch-Bestseller »Das geheime Leben der Bäume« von Peter Wohlleben verfilmt. Entstanden ist eine Naturdoku der anderen Art.

Still aus »Das geheime Leben der Bäume« | © nautilusfilm

Herr Adolph, wenn sich Peter Wohlleben einen Baum aussuchen könnte, dann wäre er gerne eine Buche. Für welchen Baum würden Sie sich denn entscheiden?
Was Peter Wohlleben im Film über Buchen sagt, finde ich so einleuchtend, dass ich mich dem gerne anschließen möchte. Schon allein, weil Buchen so sozial sind, sind sie mir sehr sympathisch. Aber ich wäre auch gerne eine Pionierbaumart –vielleicht eine Birke …

Warum machen Sie eigentlich keine Spielfilme?
Ich bin von Herzen Dokumentarfilmer. Das habe ich gleich an der Filmhochschule gemerkt, als die erste Spielfilmübung anstand. Denn was ich da so inszeniert habe, hat mir nicht wirklich gefallen. Ich finde, einmal ganz platt ausgedrückt, dass das Leben mehr zu bieten hat und spannender ist als alles, was ich mir ausdenke. Und darum geht es doch beim Dokumentarfilm, sich auf die Wirklichkeit einzulassen und sich überraschen zu lassen. Außerdem mag ich es nicht, Menschen zu sagen, was sie tun sollen. Und beim Spielfilm warten alle auf die Anweisungen der Regie. Also ich bin eher ein teilnehmender, geduldiger Beobachter.

Sie nehmen sich sehr viel Zeit für die Personen, die Sie porträtieren. Diese vollumfänglich kennenzulernen scheint Ihnen sehr wichtig zu sein.
»Das geheime Leben der Bäume« schert am weitesten aus der Reihe der Dokumentarfilme aus, die ich in den vergangenen 20 Jahren gemacht habe. Hier war es mir sehr wichtig, möglichst viel Zeit mit Peter Wohlleben zu verbringen. Ich wollte ihn auf keinen Fall inszenieren, sondern wirklich das filmen, was ihn im Verlauf eines Jahres umtreibt. Deshalb gibt es hier auch keine zusätzlichen erklärenden Interviews, keinen extra Kommentar oder irgendwelche gestellten Szenen. Es ist vielmehr eine Reise ins Offene, die wir gemeinsam gemacht haben. Natürlich habe ich dabei versucht, der Direct-Cinema-Methode treu zu bleiben, und für die ist Zeit und Vertrauen der entscheidende Faktor.

Im Film sieht man Peter Wohlleben öfters im Wald, wie er sich selbst mit dem Smartphone filmt und kurze Erklärvideos dreht.
Social Media ist für viele Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, enorm wichtig. Und Peter hat diese Facebook-Videos für sich entdeckt. Er stellt jeden Morgen ein neues Video ins Netz. Er überlegt sich kurz ein Thema und dann legt er los: eine Einstellung, keine Wiederholung. Mir hat das so gut gefallen, dass ich es unbedingt zu einem Stilmittel des Films machen wollte. Wir haben dann viele von diesen Videos mit aufgenommen, und ich war zunehmend davon begeistert, vor allem von diesem verblüffenden Effekt, der entsteht, wenn man die gleiche Szene in einem Bild einmal als starre Totale und einmal als bewegte Nahaufnahme sieht.

© Jörg Adolph

Peter Wohlleben kommt nicht nur äußerst sympathisch rüber, er brilliert auch als mitreißender Erklärer und begeisternder Erzähler. Der ideale Protagonist für einen Filmemacher?
Ganz klar! Das war für mich der entscheidende Punkt, warum ich diesen Film machen wollte. Es lag erst einmal nicht so sehr an der Vorlage, denn ein Sachbuch zu verfilmen, kam mir auf den ersten Blick etwas seltsam vor. Es war wirklich die Begegnung mit Peter Wohlleben. Von Minute eins an dachte ich mir: »Das ist jemand, mit dem gehe ich jetzt sehr gerne ein Jahr auf die Reise.« Er ist so ein lauterer, energetischer Charakter, der zu 100 Prozent zu dem steht, was er sagt und was er tut. Bei ihm geht es immer um die Sache, um den Wald – der endlich als ein komplexes Ökosystem betrachtet werden soll und nicht mehr nur wie eine Holzfabrik behandelt werden darf – , und das hat mich von Anfang an begeistert.

Für »Das geheime Leben der Bäume« hat auch der Naturfilmer Jan Haft (»Das grüne Wunder«) einige Bilder beigesteuert. Wie viel von ihm steckt in Ihrem Film?
Von den 96 Minuten Film sind 27 Minuten Bilder zu sehen, die Jan Haft für uns gedreht hat. Die Konzeption des Films besteht ja aus zwei Teilen, es ist also ein Hybrid. Das eine ist die reine dokumentarische Beobachtung, das andere sind die von Peter Wohlleben vorgelesenen Passagen des Sachbuchs mit einer künstlerischen Bildebene von Jan Haft. Weitere Bilder zu diesem Naturfilmteil steuerten die Lichtkünstler Friedrich van Schoor und Tarek Mawad bei, die wunderschöne Projektionen im Wald realisiert haben.

Was ist das Besondere an Naturdokumentationen?
Der Naturfilm kommt mir als Format ungeheuer starr vor. Hier steht im Vorfeld bereits alles fest: wie es aussehen soll, was erzählt werden muss, wie die Musik klingt und auch wie der Text gesprochen wird. Man weiß genau, was man bekommt. Produktionen wie »Terra X« oder jene, die auf dem Naturfilmsendeplatz der ARD um 20.15 Uhr gezeigt werden, verfügen über ordentliche Budgets, besonders im Vergleich zum tendenziell unterfinanzierten Dokumentarfilm. Mir persönlich sind es im Naturfilm oft zu sehr durchgeskriptete Konzepte, die vor lauter Schönheit, Formalien und Effekten erstarrt sind. Das ist vergleichbar mit einer reich verzierten dreistöckigen Hochzeitstorte: Die mag nett anzusehen sein, aber es steckt wenig Nährwert darin.

Und was unterscheidet Ihren Film von anderen Naturdokumentationen?
Ich wollte dem Naturfilmgenre ein wenig dokumentarisches Leben hinzufügen und eine überzeugende Kombination aus beobachtendem Dokumentarfilm und den großen Bildern des Naturfilms hinbekommen. Zudem besitzen unsere Bilder nicht nur eine Erklärfunktion, es gibt mehr Freiheitsgrade zwischen Bild und Ton, die Musik ist durch und durch eigenständig, ebenso die Bildmontage. Und mir war es auch wichtig, dass Peter Wohlleben seine Texte selbst liest und diese nicht von einem professionellen Sprecher zu den Bildern »dramatisch hingeraunt« werden. Das sind letztlich kleine ästhetische Entscheidungen, die aber für mich wichtige Variationen sind und in der Summe einen großen Unterschied in der Wirkung der Naturfilmteile machen.

Jetzt geht es darum, auch an der Kinokasse Erfolg zu haben.
Natürlich will so ein Film im Kino auch Zuschauer haben, vielleicht nicht ganz so viele, wie es Leser des Buches gibt, aber es dürfen auch nicht nur zwei Prozent davon sein. Es gibt pro Jahr drei oder vier Dokumentarfilme in Deutschland, die nennenswerte Zuschauerzahlen im Kino schreiben. Und ich hoffe sehr, dass dieser Film dabei sein wird. Aber weil Peter Wohlleben so populär, leidenschaftlich engagiert und mitreißend ist, könnte das durchaus passieren.

Kommunizieren Sie eigentlich inzwischen mit Bäumen?
Ach, da halte ich es gerne wieder mit Peter Wohlleben: Bäume kommunizieren untereinander, aber wir Menschen sind viel zu schnell für die Bäume, als dass wir in der Lage wären, mit ihnen in Kontakt zu treten. Da müsste man schon einen Baum tagelang umarmen, bis da etwas von ihm zurückkommen könnte. Ich habe mir aber auf jeden Fall durch den Film einen ganz anderen Blick auf den Wald angeeignet. ||

DAS GEHEIME LEBEN DER BÄUME
Dokumentarfilm
Deutschland 2019
Buch & Regie: Jörg Adolph
Mit: Peter Wohlleben Länge: 96 Minuten
Kinostart: 23. Januar
Trailer