Das Verkehrszentrum des Deutschen Museums auf der Münchner Theresienhöhe zeigt unter dem Titel »Der bewegte Mensch« Fotos von Roger Fritz.

Papamobil mit Polizei-Eskorte: Johannes Paul II. und der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Joseph Ratzinger | © Roger Fritz1980

Freilich fühlt man sich in eine andere Zeit versetzt. Wenn man die Ausstellung »Der bewegte Mensch« im Verkehrszentrum auf der Theresienhöhe anschaut. Wenn man sie nach einem Hindernislauf durch die verwinkelten Verkehrswege dieses Verkehrsmuseums in einem abgelegenen Areal hinter historischen Straßenbahnen und nostalgischen Pkws denn findet.

Die farbigen Fotografien des multitalentierten Roger Fritz, die aus seinem ab Mitte der 80er Jahre entstandenen farbigen Fotofundus zusammengestellt sind, zeigen nämlich ziemlich andere Facetten und Aspekte dessen, was einen heute täglich als neueste Meldung von der Mobilitätsfront verfolgt. Fritz’ »bewegter Mensch« fährt nicht etwa mit einer Seilbahn in luftigen Höhen über dem Frankfurter Ring oder taucht tausend Klafter tief in die unterste U-Bahn-Höhle hinab, um sich mit 912 anderen (so viele Menschen passen laut MVG in einen »kurzgekuppelten Gliederzug, maximal 6-teilig fahrbar«) möglichst rasch von A nach B bringen zu lassen. Auch von Flugscham ist nicht viel zu spüren. Oder von ständig verspäteten, ausfallenden Bahnfahrten. Fritz, der in den 50er Jahren als Assistent von Herbert List professionelle Fotografen-Erfahrung sammelte, geht es nicht um Technik, ums Machbare, um Massentransport. Der Fotografie-Experte Hans-Michael Koetzle sagt in seinem Katalogbeitrag dazu: Was Fritz grundsätzlich interessiert, sind nicht »Verkehrsteilnehmer« – sondern Menschen.

Trotzdem ignoriert der 1936 in Mannheim geborene Roger Fritz, der in München auch als Schauspieler (bei Rainer Werner Fassbinder) und Regisseur berühmt wurde, neue Entwicklungen nicht. Zu sehen sind etwa auch –im Kapitel »Radlerporträts« – futuristische Liegeräder oder Rikschas. Aber das ist das Resultat des neugierigen Blicks eines immer wachen Beobachters, der Außergewöhnliches registriert. Die vielen farbenprächtigen Bilder sind auch nicht als Kritik an unserer Mobilität zu verstehen. »Als stiller Beobachter, Chronist, als Feldforscher mit der Kamera beschränkt er sich aufs Bildermachen. Die Exegese dürfen andere liefern«, sagt Koetzle.

Bei Wikipedia wird Verkehr als »räumliche Bewegung von Objekten in einem System« definiert. Bei Fritz, der auch als Gründungsmitglied für die legendäre Zeitschrift »twen« Reportagen lieferte, hat der Verkehr eher etwas mit Individuen zu tun. Sogar in der verkehrsfreien Zeit beim Warten: etwa wenn
Flugreisende mit den Händen in den Hosentaschen untätig und ungeduldig ihr Gepäck am Rollband erwarten. Oder wenn Autofahrer als isolierte Gefangene in transparenten Zellen das Ende einer Staufahrt herbeisehnen. Die Leiterin des Ausstellungshauses, Bettina Gundler, sagt, der Künstler hielte »das Besondere im Alltäglichen fest«. Gut, manches würde man sich – trotz malerischer mediterraner Landschaft – jetzt nicht all-täglich wünschen. Etwa wenn eine ziemlich übergewichtige Mama mit ihren untergewichtigen Teenagersprösslingen (Papa steuert das Ganze womöglich vom Fahrersitz aus) einen reisetechnisch überladenen havarierten Pkw auf einer engen, piniengesäumten Landstraße einen Berg hochschieben will. Oder wenn der minderjährige Radlernachwuchs mit dem Kinderrad den Randstein nicht richtig einschätzt und sich beim Sturz das Knie aufschürft.

Das Ochsenrennen in Münsing am Starnberger See findet alle vier Jahre statt| © Roger Fritz

Fritz, der auch Bücher herausgibt, hat einen untrüglichen Sinn für das Auslösen im richtigen, im spannenden Moment. Denn er arbeitet nicht mit einer Kamera, die 60 Bilder pro Sekunde schießt – sondern analog. Mit Ektachrome und Abzügen. Aber wirklich wichtig ist das nicht. Entscheidend ist, dass er offensichtlich, im Sinne von Henri CartierBresson, diese richtigen Momente vorausahnt. Warum? Der Katalogautor Axel Thorer äußert die These, dass Fritz als Regisseur von Spielfilmen – »Mädchen, Mädchen« von 1966 gehört dazu oder »Häschen in der Grube« von 1968 – derartige, wie von ihm fotografierte Zwischenfälle plant. Und sie also vorab leichter erahnt.

Sicher ist auch, dass einer, der auf so vielen Hochzeiten stilsicher tanzt(e) wie Fritz, einen vielfältigeren, facettenreicheren Blick hat auf die Welt, ihre Menschen, ihre Mobilität. Was sich schon in den Kapiteln der Ausstellung zeigt: Der »bewegte Mensch« findet sich da nicht nur als Tramper, die heute ja geradezu ausgestorben sind. Klar, wenn man für den Preis eines guten Cocktails nach Mallorca (und wieder zurück) fliegen kann, wozu soll man sich da noch als Anhalter einen Krampf im ausgestreckten Daumen holen? Im Auto-Kapitel findet man natürlich den Stau in der Rushhour in L. A., aber auch langmähnige Fahrer, die bewaffnet mit rosarot umrandeter Sonnenbrille und begleitet von der – Entschuldigung: #MeToo – unvermeidlichen auftoupierten Blondine voller Stolz aus ihrem Cabrio herausschauen. Das waren noch Zeiten! Oder?

Bus, Bahn, Schiff, Flugzeug – nichts wird vergessen. Die Motorradeskorte vor dem Papamobil mit Johannes Paul II. ist auch dabei. Oder Pferdeschlitten, Isarflöße und Surfbretter. Selbst das Oktoberfest kommt zu Ehren: mit Autoscooter oder dem Cyber Space mit rasanten Überschlägen und Rotationen. Überhaupt macht das Kapitel »Just for Fun« oder »Schnell und mutig« – darunter ein Massenstart im Skilanglauf, ein Ochsenwagenrennen in Aschau oder das White-Turf-Pferderennen auf dem zugefrorenen St. Moritzersee – mal wieder klar, dass Bewegung Menschen auch Spaß machen kann und darf. Das hatten wir ja angesichts all unserer »Mobilitätsprobleme« fast vergessen. Fritz ruft’s in Erinnerung. ||