Das TamS, diese Schwabinger Oase für Theaterverrückte, närrische Welterforscher und Querdenker feiert seinen 50. Geburtstag.

Eine Revue des Scheiterns feiert das Ensemble des TamS – trotz des Erfolgs, 50 Jahre zu existieren | © Lorenz Seib

Wenn ein freies Theater ein so stolzes Alter erreicht, ist das schon ein kleines Wunder. Seit nunmehr einem halben Jahrhundert tanzen im TamS existenzielle Reflexionen, Hintersinn und Nonsens sich und uns schwindlig. Die SZ kürte die Münchner Off-Bühne zum »Welthinterhoftheater«, und »Theater heute« feierte sie als »eine Oase der Zeitgeistlosen, eine Insel der Spielseligen«. Hier konnten wir Abende reinen Theaterglücks erleben wie die Valentin-Vergegenwärtigung »Weltuntergang/Riesenblödsinn«, in der die Sanddünen auf uns zuwanderten und der Buchbinder Wanninger Arabisch sprach. Oder das gereimte himmlische Theaterfest »Die Blusen des Böhmen« mit Gerd Lohmeyer, Ulrike Arnold und Burchard Dabinnus. Nie wird man vergessen, wie der Hase darin seinen Löffel abnahm und die Frühststückseier umrührte oder wie in Lohmeyers Jelinek-Adaption »er nicht als er« Anette Spola als harlekinbunter Tod in Lederhose vorbeischaute.

Es waren und sind die wesentlichen Fragen, die in diesem Hort für Theaterverrückte, Sprachjongleure, närrische Philosophen und kluge Kindsköpfe mit der für ihn typischen Melange aus Witz und Wehmut gestellt werden. Wenn eine Guillotine mir irgendwann den Kopf abtrennt, hieß es 1982 am Ende der Ronald D. Laing-Collage »Liebst du mich?«, und dieser auf die eine und der Körper auf die andere Seite fällt – »Wo werde ich sein?«. »Wie stirbt man schnell und schön« fragten die TamSler 2019 leichtfüßig zwischen Melancholie und Komik tänzelnd. In Spolas Wundertütentheater, in dem am liebsten kreuz und quer gedacht wird, die Logik mit unbändiger Spiellust Purzelbäume schlägt, geht es um nicht weniger als den Sinn und Unsinn von Tod und Leben, die Absurditäten der Normalität.

Das hat sich nicht geändert, seit Spola sich 1970 mit dem »Glück grenzenloser Naivität« auf das Abenteuer einließ, mit ihrem Mann Philip Arp in einem ehemaligen Brausebad ein Theater zu gründen. Als einzig legitimen Nachfolger Valentins bezeichneten die Kritiker Arp gerne. Mit dessen monatelang
ausverkauften »Valentinaden«, durch die das TamS, wie Spola erklärt, seinen ganz eigenen Spielstil fand, gelang der erste sensationelle Erfolg. Mehrmals wurden Produktionen der OffBühne an die Kammerspiele eingeladen. Urs Widmer schrieb für das TamS das Stück »Stan und Ollie in Deutschland« und inszenierte mit Philip Arp und Jörg Hube die euphorisch gefeierte Uraufführung. Auf der winzigen Schwabinger Bühne fand der kauzig kabarettistische Philosoph Otto Grünmandl ein Zuhause. Botho Strauß, Rudolf Vogel und Herbert Rosendorfer standen ebenso auf dem Spielplan wie eine Polt-Uraufführung. Viele Jahre durfte man hingerissen staunen über die Erfindungen des Bühnenbildmagiers Eberhard Kürn, der von 1984 bis 2000 das Haus maßgeblich prägte.

Nach dem viel zu frühen Tod Arps hat Spola beharrlich dem chronischen Geldmangel trotzend und ohne sich um zeitgeistige Normen zu scheren weitergemacht, und dass es ihrem Theater gelungen ist, trotz all der Abschiede und Veränderungen seinen eigenen, unverkennbaren Stil zu bewahren, darüber kann man sich gar nicht genug wundern. Natürlich ging und geht das nicht ohne Stolperer und Ausrutscher, gibt es Inszenierungen, in denen die Suche nach der TamS’schen Leichtigkeit des Absurden verkrampft gerät, doch immer wieder glückt es, diesen ganz besonderen Zauber zu entfachen.

Zum Geburtstag erscheint nun ein Buch, das die großen Erfolge, legendären Inszenierungen und Akteure von Josef Bierbichler bis Ruedi Häusermann und die ersten Auftritte der Hausautorin Maria Peschek mit Anette Spola als köstliches Duo Charlie und Beppi ins Gedächtnis ruft. An all das erinnert sie sich gerne, aber, betont Spola, sie lebe nicht in der Vergangenheit. Sie wollte stets »Gegenwartstheater« machen. Noch vor dem großen Hype hat sie das Festival für inklusives Theater »Grenzgänger« gegründet und immer wieder neue kreative Köpfe um sich geschart. Sie will nicht nur über die schönen alten Zeiten reden, sondern nach vorn schauen. Darum hat sie zum Gespräch ihr Team mitgebracht: Lorenz Seib, mit dem sie sich seit sechs Jahren die Theaterleitung teilt, Claudia Karpfinger und Katharina Schmidt, die für die fantastischen Bühnenbilder und Kostüme sorgen, die Schauspieler Axel Röhrle und Sophie Wendt. Sie bilden ihre »Theaterfamilie« oder »die Band«, wie Röhrle sie nennt. Sie sind es, die heute versuchen, uns mit wunderbar wunderlichen, schräg versponnenen Abenden den Kopf zu verrücken und auf ihre Weise Spolas Vision von freier kollektiver Theaterarbeit verwirklichen. Und wenn man zuhört, mit welcher Begeisterung sie über ihre Arbeit sprechen, hat man den Eindruck, dass in der Haimhauserstraße tatsächlich ein hierarchiefreier Ort entstanden ist, an dem alle gemeinsam und in völliger Freiheit die Welt und sich selbst, die Paradoxien der Realität und den Aberwitz der Sprache erforschen dürfen. Erst im TamS, erzählt Sophie Wendt, habe sie sich lösen können aus dem Klammergriff der Angst, auf der Bühne zu versagen, die sie jahrelang so grausam quälte. Hier, erklären sie reihum, haben sie einen geschützten Raum gefunden, um sich zusammen lustvoll auf Risiken einzulassen. Das bedeutet, manchmal noch in der Generalprobe das Erarbeitete umzuwerfen und etwas Neues zu versuchen.

So können sie nicht vorab sagen, was uns bei der Jubiläumspremiere erwarten wird, die den – wie Spola glaubt – alle Theaterarbeit im Kern treffenden Titel trägt »Trotz des großen Erfolgs. Eine Revue des Scheiterns«. Ein Abend über das Theater als die Kunst »aus Nichts Welten zu erschaffen« soll es werden, der »Türen und Horizonte im Kopf öffnet«. Eine echte TamS-Inszenierung also. Ob sich allerdings Anette Spolas Herzenswunsch erfüllen wird, steht in den Sternen. Zum Geburtstag wünscht sie sich ein Geschenk von der Stadt München: befreit zu werden von »der dummen Antragstellerei«, sich endlich nicht mehr alle paar Jahre von einer Jury bescheinigen lassen zu müssen, dass ihr Theater förderungswürdig ist. Schließlich hat es dies nun ein halbes Jahrhundert lang bewiesen.||

TROTZ DES GROSSEN ERFOLGS – EINE REVUE DES SCHEITERNS
TamS| Haimhauserstr. 13a | 27. Jan. bis 15. Feb.| Mi bis Sa 20.30 Uhr || Buchpräsentation: Wirtshaus im Fraunhofer
11. Jan.| 11 Uhr | Tickets: 089 345890 | tams@tamstheater.de