Das Festival Out Of The Box sprengt den Rahmen von Hör- und Sehgewohnheiten. Eine Herausforderung für München.

Robert Karlsson in »Aquasonic« beim Festival Out Of The Box | © Jens Peter Engedal

Es sagt sich so leicht: Nachhaltigkeit. Aber die Konsequenz, aus einer vagen, womöglich wichtigen, aber nur schwer greifbaren Idee ein künstlerisches Konzept zu machen, erfordert viel Ausdauer. Terje Isungset zum Beispiel hat es sich vor mehr als zwei Jahrzehnten in den Kopf gesetzt, als Percussionist mit den Materialien der Natur zu arbeiten. Er hat auf Stein getrommelt, auf unbehandelten Hölzern, manchmal auch auf dem Erdreich an sich, aber wirklich fasziniert hat ihn eines Tages Wasser in seiner gefrorenen Form. Denn Eis entwickelt besondere akustische Qualitäten. Der Klang erscheint metallisch und dumpf zugleich, wirkt mit dem Menschen verbunden und doch eigenartig erdenfern. Insbesondere natürlich gewachsene Eiskörper haben eine tönende Strahlkraft, die man weder mit einem künstlichen Instrument, noch mit Tiefkühlmasse aus der Retorte herstellen kann. Deshalb schwärmt der Norweger aus und sucht nach regionalen Eisspendern, die er für seine Musik verwenden kann. Nachdem er im vergangenen Jahr noch mit Kühltrailer von Norwegen aus unterwegs war, wird er für sein zweites Gastspiel im Rahmen des Out Of The Box Festivals früher anreisen, um in den Alpen nach geeignetem Rohstoff für seine Ice Music zu suchen, die er dann als Auftakt der ungewöhnlichen Konzerte im Januar auf dem Dach des Hoch 5 einsetzen wird, als Soundexperiment zusammen mit Gästen wie etwa dem Lichtdesigner Asle Karstadt und immer mit dem Blick darauf, neben dem Experiment an sich auch einen Hinweis auf die Vergänglichkeit und Fragilität des Natürlichen zu bieten.

Mit Terje Isungset setzt das Out Of The Box Festival eine Kooperation fort, die im vergangenen Jahr begonnen hat. Es kommen auch andere Künstler zum zweiten Mal, die außergewöhnliche Projekte verwirklichen. Wer es beispielsweise anno 2019 verpasst hat, eines der Gastspiele der dänischen Künstlergruppe von Aquasonic zu erleben, kann sich Ende Januar ins Werk 7 begeben. Wieder geht es um Wasser als Medium, nur diesmal umgibt es die Musiker vollständig. Denn »Between Music« erkundet die Welt der Klänge unter Wasser, die Möglichkeiten, neu zu komponieren, zu kommunizieren und überhaupt das Spektrum der menschlichen Hörgewohnheiten zu erweitern. »Pyanook« wiederum ist ein Versuchsaufbau des Pianisten Ralf Schmid, der seine Instrumente und seinen Körper mittels Datenhandschuh mit künstlichen Klangerzeugern koppelt, um auf diese Weise die Grenze zwischen analogem und digitalem Soundempfinden aufzulösen. Spektakulär ist auch das Projekt »Piano Vertical« des Schweizer Klavierkünstlers Alain Roche. Er hat 2013 angefangen, sein Klavier nicht mehr in der üblichen Form am Boden zu spielen, sondern lässt sich in die Luft ziehen, um kopfunter von einem Kran bewegt Musik in Zusammenhang mit den Orten zu gestalten, über denen er schwebt. Bei Out Of The Box wird es die Baustelle des Konzerthauses sein, deren Geräusche er im Vorfeld gesammelt hat und in die Komposition integriert. Das Publikum kann dem Geschehen in der Früh bei Arbeitsbeginn folgen, auf Liegestühlen platziert mit dem Blick gen Himmel und in Richtung des vertikalen Flügels.

Damit nicht genug: Lawrence Malstaf schränkt den Lebensraum seiner Performer radikal ein, indem er sie in Plastikfolien verschweißt. Anna Blumenkranz bringt über kleine Lautsprecher und Sensoren Kleidung zum Schwingen. Tatjana Busch lässt Seifenblasen zu den Kompositionen des Artist in Residence Emmanuel Witzthum malen, der wiederum das ganze Festival über Klänge und Eindrücke sammelt, die er zur finalen Performance »Dissolving Localities« verbindet. Es gibt darüber hinaus Aktionen zum Mitmachen, ein sehr aktuelles Podium zum Thema Digitale Kultur, alles in allem also ein perspektivisch umfassendes Programm, das die künstlerische Leiterin Martina Taubenberger mit visionärem Blick auf die Seitenlinien des Gewohnten zusammengestellt hat. Ein Festival, das sich der ästhetischen Normalität entgegenstellt und gerade deshalb im Gedächtnis bleibt. Auch das hat etwas mit Nachhaltigkeit zu tun. ||

OUT OF THE BOX FESTIVAL
whiteBOX| Werksviertel am Ostbahnhof | 10. Jan. bis 2. Feb.
verschiedene Zeiten | Tickets: 089 54818181