Die vermeintlich verstaubte Parole »Wehret den Anfängen« ist keine hohle Worthülse, sie hat nichts an Dringlichkeit eingebüßt. Eine Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum spricht, mit der Geschichte im Blick, von der Zukunft.

Mit abgetrenntem Kopf: das »Mahnmal
Homosexuellenverfolgung« – Rosemarie Trockel: »Frankfurter Engel«| 1994 | Courtesy the artist and Sprüth Magers, © Rosemarie Trockel – VG Bild-Kunst Bonn, 2019

Das Viertel um den Königsplatz in München kann sicherlich als historisch kontaminiert bezeichnet werden. Neben dem von Karl von Fischer als Herz eines imaginierten »Isar-Athens« konzipierten und von Leo von Klenze ausgeführten klassizistischen Ensemble aus Propyläen, Glyptothek und Antikensammlung wollte die Spitze der NSDAP in den 1930er Jahren ihr eigenes Zentrum errichten. Um die Parteizentrale im sogenannten »Braunen Haus« herum entstanden repräsentative Verwaltungsbauten, München sollte als »Hauptstadt der Bewegung« glänzen. Im Krieg zerstört, lag das Grundstück der ehemaligen Zentrale jahrzehntelang brach, bis schließlich 2015 das NS-Dokumentationszentrum als Lern- und Erinnerungsort zur Geschichte des Nationalsozialismus an eben dieser Stelle eröffnet wurde. Dass in direkter Nachbarschaft heute auch stolz und tröstlich die Fahne mit dem Davidstern auf dem Dach des Generalkonsulats des Staates Israel weht, verdeutlicht nur die Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die diesen Ort umgibt.

Die wechselseitigen Beziehungen zwischen der Vergangenheit und der Verantwortung für Gegenwart und Zukunft stehen auch im Zentrum der Ausstellung »Tell me about yesterday tomorrow«, die bis August 2020 im NS-Dokumentationszentrum zu sehen ist. Gastkurator Nicolaus Schafhausen hat sie zusammen mit der Direktorin des Hauses, Mirjam Zadoff, entwickelt: ein ambitionierter Versuch, an den Schnittstellen von bildender Kunst, Geschichtswissenschaften und Vermittlung ein neues Format zu schaffen. Aktuelle, gesellschaftspolitisch relevante Themen und die Relevanz institutioneller Erinnerung sollen sich gegenseitig befruchten. Es gehe darum, den Blick des Publikums zu weiten, sagte Mirjam Zadoff bei der Eröffnung. Schafhausen und Zadoff haben dafür die bestehende (unter Gründungsdirektor Winfried Nerdinger erarbeitete) Dauerausstellung um Werke zeitgenössischer Kunst ergänzt. Die musealen Vitrinen und Wandtafeln, die Münchens NS-Geschichte vom Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart erzählen, blieben an ihren angestammten Plätzen. Zusätzlich wurden Beiträge von 46 internationalen Künstler*innen, darunter prominente wie Gregor Schneider, Hito Steyerl oder Rosemarie Trockel, in die Räume integriert. Formell wie inhaltlich ist die Bandbreite der gezeigten Werke beeindruckend. Auf Bildern, in Fotografien, Zeichnungen, Installationen und Videos werden unterschiedliche Themenkomplexe und Fragestellungen verhandelt, verbunden
durch einen Subkontext, der sich mit dem Geist des Ortes vermischt. So entsteht eine Mischung, die zusammen mehr als lediglich ein Nebeneinander ergibt: Die historischen Mechanismen der verhängnisvollen Entwicklung der NS-Diktatur intensivieren den Blick auf die zeitgenössischen Arbeiten.

Polarisierung, Brutalisierung, die Suche nach Sündenböcken und einfachen Lösungen sind die Symptome einer Gesellschaft, die heute wieder ihr balanciertes Zentrum zu verlieren scheint und in Gefahr ist abzurutschen. Ausgrenzung und Verfolgung, Stigmatisierung, soziale Kälte und die diffuse Angst vor dem »Fremden« ziehen sich dementsprechend als Motive durch die ausgewählten Arbeiten. Der Jenaer Sebastian Jung präsentiert scheinbar hastig auf Papier gebrachte Zeichnungen von Wutbürgern auf Pegida-Demonstrationen und Neonazi-Aufmärschen und konserviert die aggressive Stimmung in grotesken Bildern. Die Münchnerin Cana Bilir-Meier besucht für ihre einfühlsame Videoarbeit »This Makes Me Want to Predict the Past« mit einer Gruppe türkisch-kurdischer Freundinnen das OEZ-Einkaufszentrum, das vor drei Jahren Tatort eines radikalen Anschlags war.

Auch ökonomische Zwänge werden als Teilaspekt des Problems identifiziert: In seiner Polaroid-Serie »Shoplifters« zeigt Mohamed Bourouissa Schnappschüsse von auf frischer Tat ertappten Ladendieben in New York, die, vom Ladenbesitzer gezwungen, ihr Diebesgut in die Kamera halten müssen: ihrer Würde beraubt und an den fotografischen Pranger gestellt. Können Künstler*innen ein Gegenbild zu populistischen Visionen schaffen? Müssen sie, in Zeiten wie diesen, politisch agieren? Nicolaus Schafhausen, der bis vor Kurzem die Kunsthalle in Wien geleitet hat, stellt in der Ausstellung die gesellschaftspolitische Verantwortung von Kunst in den Fokus. Bei einer Diskussion im Lenbachhaus mit der Künstlerin Anette Kelm und dem Museumsdirektor Udo Kittelmann waren dies die zentralen Fragen. Zu einer abschließenden Antwort kam die Runde jedoch nicht. Dennoch schafft das Projekt »Tell me about yesterdaytomorrow« ein in sich schlüssiges Gesamtbild. In den Räumlichkeiten des NS-Dokumentationszentrums gehen die Arbeiten, im Austausch mit den Exponaten der Dauerausstellung, einen vielstimmigen Dialog ein. Komplex verzahnt, ermöglicht das Projekt Querverweise aus einer dunklen Vergangenheit in unsere fragile Gegenwart. Parallel zur Ausstellung gibt es ein dichtes Veranstaltungsprogramm aus Rundgängen, Lesungen, Talks und Vorträgen. Zusätzlich wird 2020 ein Katalog erscheinen, der das hybride Projekt aus Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft publizistisch flankiert. ||

TELL ME ABOUT YESTERDAYTOMORROW
NS-Dokumentationszentrum München| Max-MannheimerPlatz 1 | bis 30. August| Di bis So 10–19 Uhr | Eintritt frei
Öffentliche Rundgänge: 7./14./21./28. Jan., 4./11./18./25. Feb., 17.30 Uhr | 20. Jan., 20 Uhr: Jackie Thomae »Brüder« – Lesung und Gespräch mit Marie Schmidt | 31. Jan./ 1. Feb., 10.30–20 Uhr: Symposium »Public Art – City. Politics. Memory« mit Ken Lum, Michaela Melián, Marcel Odenbach, Jonas Dahlberg u.a.
weitere Veranstaltungen
Ein Begleitheft (182 S., zahlr. Abb.) liegt gratis im Foyer aus.