Anlässlich der Verleihung des Werner-Herzog-Preises sprachen wir mit dem Preisstifter selbst. Im Gepäck hatte Herzog seine beiden neuesten Filme.

Werner Herzog anlässlich der Verleihung des von ihm gestifteten Preises © Alexander Hirl

Seit Ihrem ersten Film »Herakles« (1962) schaffen Sie in Ihren Oeuvre beständig eine neue Form der Wahrheit: eine »ekstatische Wahrheit«, wie Sie das mantraartig nennen. Beim Betrachten Ihrer beiden neuesten Filme »Family Romance, LLC« und »In The Footsteps of Bruce Chatwin« musste ich mehrfach an eine Passage aus Ihrem Buch »Vom Gehen im Eis« denken: »Nur wenn es Film wäre, würde ich es für wahr halten.« Wie viel Wahrheit steckt in »Family Romance, LLC«? Und was möchten Sie damit trotz aller Bizarrerien über unsere zwischenmenschlichen Beziehungen erzählen?
In dem Film steckt eine tiefe kulturelle und soziale Wahrheit über das gegenwärtige Leben in Japan. Und wir wissen, dass das alles hier auf uns genau so zukommt. Uns steht ein Jahrhundert der Einsamkeit bevor. Familienbeziehungen und Freundschaften stehen dort auf der Kippe. Gleichzeitig wird die japanische Gesellschaft immer älter und der Umgang zwischen den Generationen immer komplizierter.

Welche Rolle spielen im Hightech-Land Japan Social-Media-Kanäle, Computerspiele, Vergnügungsviertel und so genannte Special Services wie kommerziell »buchbare Ersatzväter«, wie Sie sie in »Family Romance, LLC« filmisch vorführen?
Die extreme Vernetzung in allen genannten Bereichen nimmt dort gerade noch einmal außerordentlich zu. Das ist nicht nur in Japan so, aber dieses Phänomen macht die Menschen generell keineswegs glücklicher, sondern existenziell einsamer. Das ist das große menschliche Drama unserer Zeit. Und so werden wir Kaspar-Hauser-Figuren en masse erleben!

In Ihrem Chatwin-Essay, den Sie für die BBC realisierten, behaupten Sie sogar, dass der berühmte Reiseschriftsteller im Grunde »das Internet war, bevor es das so überhaupt gab.«
Das habe ich natürlich bewusst überspitzt formuliert… (lacht)

Sie haben mit »Cobra Verde« nicht nur Chatwins »Der Vizekönig von Ouidah« adaptiert und ihn in den späten 1980ern nach Bayreuth eingeladen, wo Sie »Lohengrin« inszenierten. Am Ende besuchten Sie ihn sogar noch einmal am Totenbett, wo er nach Ausschnitten aus Ihrem Dokumentarfilm »Wodaabe – Hirten der Sonne« ins Koma fiel und kurz darauf starb. Was hat Sie an Chatwins Persona und Prosa derart fasziniert? War es diese »Nomadic Alternative«, die er symbolisierte, wie es im vierten Kapitel Ihres Films heißt?
Ich bin fest davon überzeugt, dass es in absehbarer Zeit viel mehr junge Leute geben wird, die alleine zu Fuß unterwegs sind. Aber gar nicht so sehr als Backpacker, sondern eben wie Chatwin. Das heißt: nur mit dem Nötigsten. Fast wie eine nomadische Existenz, obwohl sich die Welt natürlich so rasch verändert und beschleunigt hat, dass es bald überhaupt keine Nomaden mehr geben wird.

In den Weiten des Internets, wo Sie groteskerweise selbst in zahlreichen Fake-Accounts existieren, mischen sich immer häufiger populistische Unwahrheiten mit maximaler Selbstdarstellung auf allen Kanälen, was sich ebenso im Politbetrieb fortsetzt. Ist das die größte Crux unseres Zeitalters? Filmemacherisch hatte Sie diese Thematik ja bereits in »Lo and Behold, Reveries of the Connected World« (2016) gereizt.
Bei der Arbeit an diesem Film hatte ich zum Beispiel ein fünfzehnjähriges Mädchen kennengelernt, das zwar nicht im Film ist, aber das täglich bis zu 2200 Textmessages herumschickte. Manchmal war das nur ein einzelner Smiley, aber im Grunde passierte das rund um die Uhr. Das ist nur noch tragisch und alles überhaupt kein Leben eben mehr!

Auch in der japanischen Jugendkultur nimmt diese Art von Parallelexistenz extrem zu…
Das ist doch keine Existenz! Das ist einfach nur fürchterlich. Von ihren tausenden Online-Freunden, hatte dieses Mädchen im realen Leben überhaupt erst drei gesehen. Das sind alles nur virtuelle, nicht existente Freundschaften, basierend auf einer vollkommen lebensfeindlichen Fiktion.

Gleichzeitig besuchten Sie in »Lo and Behold, Reveries of the Connected World« ein amerikanisches Institut, in dessen Umkreis von 5 Kilometern überhaupt keine elektronischen Geräte mehr zugelassen sind. Stattdessen unterhält man sich oder musiziert zusammen. Wird Ihrer Meinung nach nicht bald ein Teil der Menschheit zum antidigitalen Gegenschlag ausholen? Und sich Elon Musks smart vernetzter »Tesla«-Welt und seinen Marsbesiedlunsgplänen, den Sie in diesem Film ebenfalls interviewen, entgegenstellen?
Ja, das muss kommen – und wird auch kommen. Denn wir Menschen haben immer noch nicht gelernt, mit all diesen Dingen richtig umzugehen, obwohl sie ständig im Einsatz sind. Das war früher schon so beim Automobil, wenn Sie an die Zeit von Elvis Presley zurückdenken: Was waren das doch für Riesenschlitten, die 30 Liter Sprit auf 100 Kilometer fraßen! Und heute fahren wir mit autonomen Fahrzeugen und teilweise auch schon mit Elektroautos oder Elektrorollern.

Trotz eines speziellen Humors ist das Gros Ihrer Filme vom menschlichen Scheitern, von auffälligem Weltschmerz und einer poetischen Melancholie durchzogen. Das reicht von »Fata Morgana« über »Lektionen in Finsternis« bis hin zu »The Wild Blue Yonder«. Wird sich die Menschheit angesichts globaler Megaprozesse wie der Digitalisierung oder Robotisierung nicht bald selbst überflüssig machen? Oder machen uns vorher die immer spürbareren Folgen des Klimawandels nicht eh den Garaus?
Aufbegehren und Scheitern gehören zur Menschheit dazu. Angesichts des Klimawandels muss uns schon bange sein. Aber wenn Sie ein schönes Steak haben wollen: Essen Sie’s! Mich stört es dagegen, wenn die Hälfte dieses Steaks in der Mülltonne landet. Es kommt bei mir zu Hause zum Beispiel extrem selten vor, dass ich eine einzige Tomate wegschmeiße. Da muss sie schon wirklich ungenießbar sein.

Welche Rolle fällt da der Politik zu?
Die Politik ist kann nur reaktiv sein, dass muss jeder verstehen, auch wenn das Arnold Schwarzenegger in Kalifornien mit grünen Inhalten schlau vorgemacht hatte. Jeder muss da als erstes bei sich selbst beginnen! Diese Schuhe hier (er deutet auf seine schwarzen Lederschuhe) sind das einzige Paar, das ich habe. Darum geht es. Ich fahre heute gut 90 Prozent weniger mit dem Auto als noch vor zehn Jahren. Ich quäle mich in Los Angeles nie stundenlang durch den Verkehr, sondern versuche möglichst papierlos zu arbeiten und erledige sehr viel mit Skype. Das ist auch der Grund, warum ich nie einen Werbefilm gedreht habe, obwohl ich hunderte Angebote hatte.

Als internationaler Filmemacher, der in den hintersten Winkeln der Erde dreht, hinterlassen Sie allerdings permanent Spuren. Haben Sie da kein schlechtes Gewissen? Die Filmindustrie ist weiterhin alles andere als »grün«.
Nein, ich habe da kein schlechtes Gewissen. Und ich hatte es auch früher nicht.

»Family Romance, LLC« ist produktionstechnisch ein echter »Werner-Herzog-Family«-Film. Am Set wurden Sie sowohl durch Ihre Frau Lena wie auch Ihren Sohn Simon unterstützt. War das von vornherein so angelegt?
Dass es nun ein »Familienfilm« geworden ist, stand vorher gar nicht fest. Natürlich haben beide daran mitgearbeitet. Und Simon hat einige Drohnenflüge gemacht, die übrigens sehr gelungen sind. Es war im Kern ein Film, mit dem ich genau das verwirklicht habe, was ich heute immer jungen Filmleuten sage: Klage nicht – Mach’s einfach! Die Klagekultur unter Filmstudenten nervt mich immens. Überall spüre ich diese Kultur der Wehleidigkeit: Einmal soll es das »dumme Hollywood-Kino sein, dann liegt es an der fehlenden Unterstützung Einzelner bei der Filmfinanzierung. Beim nächsten Mal sind es die Fernsehanstalten… »Rollt die Ärmel hoch!«, sage ich da nur. Denn darum geht es beim Filmemachen.

Als Autodidakt, der sich seine erste Kamera aus dem damaligen »Deutschen Institut für Film und Fernsehen« auf nicht legalem Wege besorgte, sind Sie selbst das beste Beispiel für ein möglichst unabhängiges Filmemachen. Die Regeln der »Rogue Film School«, die Sie später aus der Taufe hoben, haben Sie im Prinzip schon damals paradigmatisch umgesetzt. Und nun eben noch einmal für »Family Romance, LLC«.
Die Kamera hatte ich mir für meine Arbeit »angeeignet«. So erinnere ich mich… (lacht). Die wussten ja damals selbst nicht einmal so genau, welches Arsenal an Technik dort herumstand (schmunzelt). Aber das ganze Filmemachen war damals natürlich viel schwerfälliger und das Drehen auf 35 mm sehr teuer. Sie wussten, dass jede Sekunde, die die Kamera rattert, 5 DM kostet. Diese Kamera nutzte ich bis zum Dreh von »Aguirre, der Zorn Gottes«, wo sie durch die extreme Hitze und Feuchtigkeit schon arge Probleme bekam. Später schenkte ich sie einem Kameraassistenten, der sie sogar noch einmal reparieren ließ und damit noch einige Zeit weiter drehen konnte.

Heutzutage sind Sie dagegen ein großer Freund digitaler Filmtechnik.
Das liegt vor allem am Schneideprozess, der bei mir nie lange dauert. »Grizzly Man« habe ich zum Beispiel in neun Tagen geschnitten. Da hätten andere ein Jahr lang dran gesessen. Ich denke oft schneller, als der Cutter montieren kann. Überhaupt können Sie heute einen professionellen Spielfilm durch digitale Produktionsprozesse schon für unter 30.000 Euro drehen: In Kinoqualität wohlgemerkt. Und für einen guten Dokumentarfilm reichen schon 5000 bis 10.000 Euro. Die meisten meiner Filme dienen selbst als Beweisstück.

Viele Ihrer Filme gleichen Fahrten ins Ungeheure: Wir tauchen in Bilderwelten ein, die man so vorher noch nie gesehen hat. Nun haben Sie »Family Romance, LLC« nicht nur selbst geschrieben und inszeniert, sondern auch gedreht. Warum hatten Sie Lust darauf? Und wie hätte der Film mit Peter Zeitlinge ausgesehen, mit dem Sie schon lange zusammenarbeiten?
Ich denke schon, dass er ganz ähnliche Bilder gefunden hätte. Das hätte ich überhaupt jedem meiner Kameramänner zugetraut. Aber die Kamera hatte ich ja auch schon früher gemacht, ohne dass es in den Credits stand: Für »Bad Lieutenant« hatte ich zum Beispiel ein paar ganz verrückte Sachen gedreht.

Wie die irre Szene mit dem Leguan…
Richtig. Und deshalb wollte ich das auch bei »Family Romance LLC« wieder tun, was vor allem auch damit zusammenhängt, dass es einige Szenen gab, die wir vorher überhaupt nicht proben konnten.

In japanischen Großstädten wimmelt es schließlich vor Sicherheitspersonal und Dauerüberwachung…
Ganz genau. Und so waren auch viele Drehorte im Film dermaßen von Sicherheitspersonal besetzt, dass wir gerade einmal drehen konnten – und dann schon wieder abhauen mussten. Ich wusste, dass wir für viele Drehorte wie zum Beispiel in der Szene mit dem Shinkansen-Hochgeschwindigkeitszug nie eine Drehgenehmigung bekommen würden. Aber ich wusste auch, dass der Zug genau 60 Sekunden stehenbleibt, ehe er wieder davonrauscht. Und auch wenn ich das vorher in einer völlig anderen Location mit denselben drei Schauspielern kurz geprobt hatte, müssen Sie am Set daran denken, dass überall sehr viele Kameras sind und gleichzeitig Zehntausende umsteigen. Und so haben wir uns ganz rasch in sieben verschiedene Richtungen voneinander entfernt, ehe zusätzliches Sicherheitspersonal anrauschen konnte. In diesem Fall bin ich gerne selbst der Kameramann, weil fast alles nur über Blickkontakt läuft. Das hat mir großen Spaß gemacht (lacht).

Bei den Drohnenflügen über der Stadt wird es ähnlich kompliziert gewesen sein. Wie hat das Ihr Sohn Simon gemacht? In Japan wird doch wahrscheinlich sofort alles abgeschossen, was nicht angemeldet ist.
Simon war selbst überrascht, dass das alles geklappt hat. Er ist dafür auf ein Hochhaus geschlichen und hat dort irgendwo ein offenes Dach gefunden. Dann hat er die Drohne ohne GPS irgendwie hochgeschickt, was total kompliziert war, weil es dort natürlich so viele unterschiedliche Netzwerke gibt. Und dann musste das Ding auch noch irgendwie landen und Bilder aufnehmen. Durch Fehler beim Wandeln sind dann am Ende diese großartigen Bilder entstanden.

Tiermetaphoriken nehmen in Ihren Spätwerk eine wichtige Rolle ein. Das ist auch in »Family Romance, LLC« nicht anders, wo es in den Dialogen beispielweise um Chamäleons geht. Inwieweit fühlen Sie sich als Kinomacher nach all den Jahren im Filmgeschäft immer noch als künstlerisches Chamäleon, das zwischen Genres, Konventionen und Erwartungen beständig hin- und herwechselt?
Nein, als Chamäleon fühle ich mich nicht. Chamäleons sind zum Beispiel die japanischen Schauspieler in meinem Film, die mit jedem Projekt ihre Rolle wechseln müssen. Ich bin das Urgestein, das unverwechselbar ist und sich nicht austauschen lässt.

Sozusagen der Sachranger Felsen, der die Schwerkraft überwinden will…
Ich sehe mich da als Felsbrocken in der Berglandschaft, der weder Farbe noch Form wechselt und immer zu erkennen ist.

Stört es Sie dann eigentlich, dass Sie nach all den Ehrenpreisen in den letzten Jahren Anfang Dezember beim Europäischen Filmpreis schon wieder für das Lebenswerk geehrt werden? Mit 77 Jahren sind Sie schließlich deutlich produktiver als viele jüngere Filmemacher und quasi andauernd im Unruhestand, auch wenn Ihre Filme hierzulande leider nur selten den Weg in die Kinos finden, obwohl Sie im Ausland der berühmteste deutsche Regisseur sind.
Ach, wissen Sie: Ich stelle mir diese Preise zu Hause gar nicht auf. Ich weiß nicht einmal, wo zum Beispiel der Cannes-Preis für die »beste Regie« steht. Wahrscheinlich habe ich ihn einfach meinem Bruder Lucki Stipetić gegeben oder er verstaubt auf irgendeinem Bauernhof…

So wie das Achternbusch und Bierbichler früher gemacht haben: zwei ihrer künstlerischen Weggefährten von einst…
Ja, das hat mir bei ihnen immer gut gefallen (schmunzelt). Und dass meine Filme hier so wenig zu sehen sind? Was soll’s!? Es ist so, wie es ist. Das stört mich nicht. Durch das Internet und die Streamingportale werden sie heute sogar noch mehr gesehen als früher. Und so sind sie auch jederzeit auffindbar. Ich fühle mich körperlich fit und stehe als Filmemacher voll im Saft. Alleine im letzten Jahr habe ich drei Filme gedreht und stand für »Star Wars: The Mandalorian« als Bösewicht vor der Kamera. Ich bin froh, dass sie mich noch nicht im Rollstuhl auf die Bühne schieben müssen.

Können Sie sich bei Ihrer Energie überhaupt so etwas wie »Ruhestand« vorstellen? Zum Beispiel als Rentner in Sachrang? Und wäre Prosaschreiben für Sie erneut eine Option? Den Wert Ihrer Bücher hatten Sie ja bereits mehrfach in der Vergangenheit deutlich höher eingeschätzt als den Ihrer Filme.
Das Schreiben mag ich wirklich. Aber eigentlich komme ich gar nicht mehr dazu. Vielleicht irgendwann mal wieder. Ich weiß nur, dass ich eigentlich mehr schreiben sollte. Als Regisseur bin ich noch lange nicht am Ende: Ich sehe mich weiterhin als Soldat des Kinos.

Woran arbeiten Sie neben Ihrem Serienprojekt »Fordlandia« im Moment noch?
Gerade bin ich erst aus Norwegen zurückgekehrt, wo ich in Oslo gedreht habe. Vorher war ich auf der Yukatán-Halbinsel. Es geht da um einen Film über Meteoriten und Kometen, der mit der Beteiligung von ARTE entsteht und bei dem ich wieder mit Prof. Clive Oppenheimer zusammenarbeite. Mit ihm war ich auch schon für »Into the Inferno« unterwegs. Sie sehen: Stillstand gibt es bei mir nicht. ||