Nach der Adaption von Hape Kerkelings »Der Junge muss an die frische Luft« hat Caroline Link nun den nächsten Bestseller verfilmt: Judith Kerrs »Als Hitler das rosa Kaninchen stahl«, der in den Schulen seit vielen Generationen zur Pflichtlektüre zählt.

Frau Link, was antworten Sie eigentlich Menschen, die zu Ihnen sagen: »Oh nein! Nicht schon wieder ein Film über den Nationalsozialismus!«?
Als mir dieser Stoff vor vier Jahren angeboten wurde, dachte ich das ehrlich gesagt auch. 2001 habe ich ja selbst mit »Nirgendwo in Afrika« eine sehr ähnliche Geschichte über eine jüdische Familie im Exil verfilmt. Aber wenn man sich die Protagonisten der Vorlagen ansieht, dann ist doch jedes Schicksal, jeder Mensch anders. Es hat mich gereizt, diese ruhige, wenig dramatische Geschichte über Judith Kerrs Kindheit, die sie selbst oft als die schönste Zeit ihres Lebens bezeichnet hat, umzusetzen. Es war mir klar, dass dieser Film rein atmosphärisch funktionieren muss. Da gibt es keinen besonders spannenden Plot. Aber das ist es ja, was mir im Kino besonders gut gefällt. Figuren, Stimmungen und Bilder.

»Als Hitler das rosa Kaninchen stahl« ist im Jahr 1933 angesiedelt, am Vorabend der Machtergreifung durch die Nazis. Wir hatten zuletzt Wahlen in Thüringen, dort ist die AfD jetzt zweitstärkste Kraft. Macht Ihnen das Angst?
Ja. Wenn man sich näher mit dem Beginn des Nationalsozialismus und der Weimarer Republik beschäftigt, dann ist es kaum zu glauben, wie viele Parallelen zum Hier und Jetzt aufkommen. Man hört sich ja selbst die gleichen Gedanken denken und Sätze sagen wie: »Ach, das ist nur eine Minderheit, die wird sich nicht durchsetzen, die meisten Menschen sind doch vernünftig, das passiert nicht noch mal. Und dann wird einem bewusst, dass das alles damals genauso angefangen hat und dass sehr viele Menschen eigentlich nichts Böses wollten, und dann endete es in dieser unbeschreiblichen Katastrophe.

Waren Ihnen die zahllosen Parallelen, die in der Vorlage zu unserer heutigen Zeit auftauchen, sofort klar?
Ich glaube nicht, dass man die Flucht der Familie Kerr 1933 mit dem Schicksal der Flüchtlinge vergleichen kann, die heute aus Afrika oder Syrien zu uns kommen. Diese Menschen sind zum großen Teil schwer traumatisiert. Trotzdem hat auch die Familie Kerr, so wie viele andere Juden zu der Zeit, ihre Heimat verloren. Und aus der Annahme, dass man in wenigen Monaten wieder zu Hause in Berlin sein würde, wurde ein Leben im Exil.

Welche Passagen aus dem Buch ließen sich gut umsetzen, welche eher nicht?
Filmisch ging eigentlich alles. Was ich aber besonders liebe, ist das Individuelle, das ganz Besondere. Zum Beispiel jene Szene, wenn die Schweizer Schuljungen die kleine Anna durch das Dorf jagen und sie als Ausdruck ihrer Liebe mit Steinchen bewerfen. Das fand ich großartig. Auf so eine Idee muss man erst mal kommen. Gerade wenn Judith Kerr sehr speziell wird, finde ich die Vorlage wunderbar, auch den Gedanken, dass alle berühmten Menschen eine schwere Kindheit hatten. Was eben bedeutet, dass eine schwere Kindheit die Chancen erhöht, später einmal berühmt zu werden.

Was und wen wollte Judith Kerr mit ihrem Roman erreichen?
Ich glaube, dass sie Kindern und Jugendlichen altersgerecht begreiflich machen wollte, was es bedeutet, die eigene Heimat zu verlieren. Dieser Verlust ist für alle Menschen gleich, egal, ob sie heute leben oder damals gelebt haben. Und Kerrs Geschichte ist auch deshalb so gut für ein junges Publikum geeignet, weil es vor dem Grauen dieser Erzählung keine Angst haben muss.

Im Film kommt der Satz »Kultur ist Luxus geworden« vor. Inwieweit trifft auch dieses Zitat auf unsere heutige Zeit zu?
Im Film handelt es sich ja um eine rein materielle Aussage. Die Zeitung kann es sich einfach nicht mehr leisten, Journalisten zu beschäftigen, die »nur« über Kultur schreiben. Heute habe ich das Gefühl, dass für viele Menschen das Leben so anstrengend geworden ist, dass sie sich in ihrer Freizeit möglichst wenig mit Denken beschäftigen wollen und die einfache Zerstreuung suchen. Letztlich liegt es in der Verantwortung von uns Eltern, die eigenen Kinder in Filme zu bringen oder ihnen Bücher zu geben, die ihnen ein bisschen Verstand abverlangen.

Wie erzählt man einen Film über das Dritte Reich eigentlich kindgerecht?
Ich glaube gar nicht, dass ich darauf so sehr geachtet habe. Es gibt auch Passagen, etwa wenn sich die Erwachsenen lange unterhalten, die für Kinder ein bisschen strapaziös sein werden. Aber ich selbst wollte diese Gespräche sehen und deshalb habe ich sie gedreht. Den Kindern hilft es sicher, dass Anna ein Mädchen ist wie sie. Ein Kind aus der Nachbarschaft, das behütet aufgewachsen ist, Spaß hat mit seinen Freunden und von einem Tag auf den anderen gehen muss. Diese Vertreibung ist für Kinder emotional nachvollziehbar.

Riva Krymalowski, die die Anna spielt, ist ein schauspielerischer Glücksgriff. Würden Sie dem zustimmen?
Absolut. Riva ist tatsächlich ein Glücksgriff. Sie besitzt großes Verständnis für das, um was es geht. Und sie ist ein sonniges Gemüt, immer fröhlich und positiv. Dazu hat sie Tiefgang und sie verfügt über eine große Sensibilität, die für diese Rolle ganz wichtig war. Ja, meine »Film-Kinder« sind wirklich der Hit. Auch mit Julius Weckauf aus »Der Junge muss an die frische Luft« hatte ich schon so viel Glück.

Nach dem großen Erfolg von »Der Junge …« schwimmen Sie im Moment auf einer Euphoriewelle. Wie schaffen Sie es, Filme mit Niveau zu machen, die auch noch an der Kinokasse klingeln?
Zum einen war das ja nicht immer so … gut, klammern wir mal »Im Winter ein Jahr« und »Exit Marrakech« aus, zum anderen bin ich ein sehr bodenständiger Mensch und ein sehr selbstkritischer noch dazu. Ich kann mich über Erfolg schon freuen, und das tue ich auch wirklich. Aber – und da mache ich mir nichts vor – mir ist natürlich völlig klar, dass der große Erfolg von »Der Junge muss an die frische Luft« auch etwas mit Hape Kerkeling zu tun hat, und seinem sehr schönen Buch, das ganz voll ist mit wunderbaren Erzählungsideen. Und man darf nicht vergessen, dass auch das »Rosa Kaninchen« für viele Generationen ein Bestseller war.

Judith Kerr ist im Mai dieses Jahres verstorben. Konnte sie den Film noch sehen?
Leider nicht. Das ist sehr traurig. Vor allem Riva Krymalowski hätte Judith Kerr gerne persönlich kennengelernt. Wir hatten sie zu den Dreharbeiten eingeladen, aber der Weg aus London war der 95-jährigen Dame einfach zu weit. Außerdem wollte sie das Buch, an dem sie bis zuletzt gearbeitet hat, noch fertigstellen. ||

ALS HITLER DAS ROSA KANINCHEN STAHL
Deutschland, Schweiz 2019 | Regie: Caroline Link
Mit: Riva Krymalowski, Oliver Masucci, Carla Juri | Länge: 119 Minuten | Kinostart: 25. Dezember
Trailer