Zum 40. Mal wird der Geschwister-Scholl-Preis vergeben. In diesem Jahr geht er an den türkischen Schriftsteller Ahmet Altan, der wegen fadenscheiniger Vorwürfe im Gefängnis sitzt.

Ahmed Altan| © privat

Persönlich in Empfang nehmen kann Ahmet Altan den Preis nicht. Seit dem Putschversuch in der Türkei sitzt der Schriftsteller und Journalist, der für die Minderheit der Kurden eintrat und als einer der ersten türkischen Intellektuellen das Verbrechen an den Armeniern als Genozid bezeichnete, wegen angeblicher Unterstützung der Gülen-Bewegung im Gefängnis. Dort entstand auch das Buch, für das er nun den Geschwister-Scholl-Preis erhält. In diesem schildert Altan, dessen Romane in seiner Heimat zu Bestsellern avancierten, die kafkaesken Prozesse, in denen man ihn erst bezichtigte, »unterschwellige Botschaften« im Fernsehen verbreitet zu haben, dann ein »glaubenskämpferischer Putschist« und schließlich ein »marxistischer Terrorist« zu sein.

Er erzählt von den alltäglichen Erniedrigungen, davon, wie er in der Zelle ankämpfte gegen den Verlust des Zeitgefühls, die Angst, den Verstand zu verlieren, aber auch von dem, was ihn aufrechterhält und ihm keiner nehmen kann, dem Trost der Literatur, die er in seinem Kopf gespeichert hat, den Reisen in den »lustvollen, verspielten und verzauberten Dschungel« der Fantasie. »Ich werde die Welt nie wiedersehen« ist ein schmales, doch gewichtiges und sehr berührendes Buch über die Rechtsbeugung in einem Willkürsystem und die Widerstandskraft des menschlichen Geistes. Er sei nicht gefangen, erklärt der 2018 zu lebenslanger Haft verurteilte Erdogan-Kritiker darin am Ende: »Ihr könnt mich ins Gefängnis stecken, doch ihr könnt mich dort nicht festhalten. Weil ich die Zaubermacht besitze, die allen Schriftstellern eigen ist. Ich kann mühelos durch Wände gehen.«

Zum 40. Mal wird der Geschwister-Scholl-Preis heuer vergeben. Einen »unmöglichen Preis« nannte ihn Jürgen Habermas, weil sich doch keiner am Vorbild von Sophie und Hans Scholl messen lassen kann und möchte. Das allerdings war auch nie die Intention, sondern deren Vermächtnis Präsenz zu verschaffen und Büchern Leser zu gewinnen, denen es gelingt, »den moralischen und intellektuellen Mut zu fördern«. Entstanden ist der mittlerweile weit über die Stadtgrenzen hinaus renommierte Literaturpreis 1980 auf Anregung des Münchner Verlegers Berthold Spangenberg, Schwiegersohn des im Verlauf der Röhm-Affäre von den Nazis ermordeten Rechtskonservativen Edgar Jung. Die Geschichte des Geschwister-SchollPreises spiegelt auch ein Stück deutsche Kulturgeschichte wider. Schon die erste damals keineswegs allseits bejahte Verleihung an Rolf Hochhuth war ein klares politisches Statement. Dessen Erzählung »Eine Liebe in Deutschland«, in der er Filbinger als »Hitlers Marinerichter« bezeichnete, wogegen sich dieser mit ungeheuerlicher Dreistigkeit wehrte (»Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein«), hatte einen Skandal ausgelöst, der schließlich zum Rücktritt des Ministerpräsidenten führte. Neben der Auseinandersetzung mit der Nazizeit fokussierte sich die Jury zunächst vor allem auf Schriftsteller aus der DDR. Immer wieder griff sie auch gesellschaftspolitische Debatten und Themen auf, von Tschernobyl bis zum sexuellen Missbrauch in der Odenwaldschule.

Ab den späten 1980er-Jahren dominierten Biografien und Romane von Opfern des Dritten Reiches die Liste der preisgekrönten Titel. Angesichts der schwindenden Zahl von Zeitzeugen und einer Historisierung der Nazizeit werden seit den 1990er-Jahren auch wissenschaftliche Studien ausgezeichnet, die ein jeder lesen sollte, wie Wolfgang Sofskys Habilitationsschrift »Die Ordnung des Terrors« und Götz Alys Buch »Europa
gegen die Juden«.

Seine Aktualität hat der Geschwister-Scholl-Preis bis heute nicht verloren. Zum einen, weil die rechte Hetzpropaganda wieder ungeniert ihre hasstrunkene Fratze zeigt – mit mörderischen Folgen. Zum anderen sorgte dafür eine grundlegende Neuausrichtung nach der Jahrtausendwende. Von der Fokussierung auf die deutsche Vergangenheit erweiterte sich der Blick auf die Welt der Gegenwart. Durch Änderung der Statuten wurde der Preis 2003 internationalisiert, öffnete sich für Europa und inige Jahre später für Autoren aus der ganzen Welt. Rein fiktive Prosa hat bei diesem dezidiert politischen Literaturpreis allerdings kaum mehr eine Chance. Ausgewählt werden mit Vorliebe essayistische und autobiografische Texte wie Anna Politkowskajas »Russisches Tagebuch« und Liao Yiwus »Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen«. Nicht nur herausragende Bücher werden da preisgekrönt, sondern zugleich der Mut von Autoren, in repressiven Systemen nicht zu verstummen.

Das gilt natürlich auch für Ahmet Altan, auch wenn er selbst bestreitet, ein mutiger Mensch zu sein. Inzwischen hat eines der obersten Gerichte der Türkei die lebenslange Haftstrafe aufgehoben, wobei es lediglich den Straftatbestand abmilderte und eine weitere Verhandlung für den 4. November ansetzte. Hoffnung auf baldige Entlassung aber hat er nicht. Hoffnung wurde in dem »Kasten aus Eisen und Beton«, in den man ihn gesperrt hat, für ihn zu einem gefährlichen Gefühl, dem er sich ebenso wenig hingeben mag wie den Qualen der Sehnsucht nach seiner Frau (»Für alles außer der Sehnsucht gibt es eine Lösung«). Eines aber gesteht Ahmet Altan sich zu: »den Wunsch, erinnert zu werden«. Ihn nicht zu vergessen und sein Buch zu lesen, dazu fordert uns die Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises auf. ||

AHMET ALTAN: ICH WERDE DIE WELT NIE WIEDERSEHEN. TEXTE AUS DEM GEFÄNGNIS
Aus dem Türkischen von Ute Birgi-Knellessen | S. Fischer, 2018
176 Seiten | 12 Euro

PREISVERLEIHUNG
(geschlossene Veranstaltung) | 25. November

LESUNG
Buchhandlung Lehmkuhl | 26. Nov.| 20 Uhr