Der Pianist Jens Thomas greift gern zu Texten in die Tasten. Diesmal korrespondiert er mit Matthias Brandt.

Jens Thomas, Pianist mit Liebe zu Stimme und Text| © Mathias Bothor

Wenn Jens Thomas bei einer Lesung des Schauspielers Matthias Brandt (Moderation: Johanna Adorján) zu Gast ist – im November auch in den Münchner Kammerspielen – oder mit ihm improvisierte Collagen aus Wort und Musik wie »Krankenakte Robert Schumann« oder »Psycho« auf die Bühne bringt, dann ist er nicht nur Pianist, sondern singt auch. Das hat er 2003 in München zum ersten Mal getan, als Musiker im Zentrum von Luk Percevals »Othello«-Inszenierung. Ein spontaner Akt mit ungeahnten Folgen.

Für deine von Shakespeare nicht vorgesehene Hauptrolle bei der Wiedereröffnung der Münchner Kammerspiele hat dir der Regisseur große Freiheit eingeräumt. Vorgesehen warst du eigentlich als Mann, der am Klavier ins Spiel bringt, was unausgesprochen herumschwirrt.
Ich hatte ja das Klavier immer schon sehr energetisch gespielt. Bei Perceval habe ich keine Musik fürs Stück geschrieben. Das war eher emotionale Arbeit mit Hilfe eines Instruments, das mir irgendwann nicht genug war, um mich auszudrücken.

Und dann war da ein Pianist auf der Bühne, der plötzlich schluchzt, schreit und in hoher Falsettlage singt, als würde es ihn singen. Was muss, das muss. Sogar der gestrenge Joachim Kaiser hat das in seiner Kritik als »trefflich« herausgestellt.
Ohne den schützenden Raum der Inszenierung hätte ich mich das damals gar nicht getraut. Ich habe nicht geahnt, wie wichtig das Singen für mich sein würde. Ich konnte ab da nicht mehr dran vorbeigehen.

Ab da war Jens Thomas nicht mehr der allseits geschätzte Jazzpianist, sondern ein Sänger, der Jazzfans vor den Kopf stößt?
Erst mal habe ich nur im Rahmen von Theateraufführungen gesungen. Als 2004 Elmar Goerden am Münchner Residenztheater mit mir »Clavigo« erarbeitet hat, bin ich sogar ganz ohne Klavier, nur mit Körper und Stimme arbeitend als Performer durch das Stück gegeistert.

Erst München, dann »Hamlet« am Thalia Theater in Hamburg, dann Bochum.
Elmar Goerden wurde 2005 Intendant am Schauspielhaus Bochum. Er hat mich eingeladen, und ich war von 2005 bis 2007 »Artist in Residence«. Aus meiner Konzertreihe »PianoVoices« hat sich das Projekt »Goethe! Gesang der Geister« entwickelt. Kennst du die CD?

Leider nein, nur einen heftigen Youtube-Clip zu »Heidenröslein«.
Siehst du, und genau das ist typisch. Damals gab’s ganz klar Journalisten, die gesagt haben: »Der ist jetzt kein Jazzer mehr, dann schreib ich da nicht drüber.« Das war dann auch vor drei Jahren bei meiner letzten Platte »Memory Boy« so. Da hab ich eigene Popsongs aufgenommen und dabei durchaus improvisiert, aber damit hat sich niemand näher beschäftigt. Das fand ich schon sehr beschränkt.

In einem Porträt auf der Seite Drei der »Süddeutschen Zeitung« wurdest du beschrieben als wohnhaft im Berliner »Exil des aus dem Jazz Vertriebenen«.
In der Tat bin ich seit Langem auf keinem Jazzfestival mehr dabei gewesen, obwohl ich in meinen Konzerten improvisiere wie sonst was. Wenn dich keiner mehr bucht aus einem bestimmten Umfeld, ist das schon eine Art von Ausgrenzung. Denn letztlich sehe ich das, was ich mache, als eine Erweiterung des Jazzbegriffs an.

Die Songs von »Memory Boy« haben eine wichtige Rolle gespielt beim Programm »LIFE – Raumpatrouille Memory Boy« mit Matthias Brandt. Wie hast du ihn kennengelernt?
Wir kannten uns kaum, als wir 2011 auf dem Enjoy Jazzfestival mit »Psycho« auf die Bühne gegangen sind. Da wussten wir nur: So fangen wir an, so hören wir auf – fertig. Inzwischen bauen wir bei jedem unserer Programme auch Songs ein.

Und die wechseln dann mit gesprochenen Passagen ab?
Nein, das läuft beides immer gleichzeitig, eine totale Verzahnung von Text und Musik, früher hätte man das »Melodram« genannt, aber da war ja alles notiert.

Und jetzt, wenn Matthias Brandt in den Kammerspielen aus »Blackbird« liest?
Das ist etwas anderes. Er stellt sein Buch vor und hat mich gefragt, ob ich als Gast ein paar Songs spielen will. Ich suche dafür raus, welche von meinen Liedern gut zu seinem Roman passen.

Eher Popsongs, Gesang und Klavier, nichts für Jens-ThomasFans aus alten Tagen?
Warum soll es da nicht auch ein paar geben, die dafür offen sind, was ihr Jazzpianist aus der Zeit vor 2003 heutzutage macht. Übrigens spiele ich auch wieder komplett improvisierte Solokonzerte, z. B. am 9. November in Mainz. ||

MATTHIAS BRANDT UND JENS THOMAS: BLACKBIRD
Kammerspiele – Kammer 1| 19. Nov.| 20 Uhr
Tickets: 089 23396600