22 Jahre, die das Sehen verändert haben: Forced Entertainment macht auf dem Spielart  Festival 2019 wieder einmal glücklich

»And on the Thousandth Night« © Hugo Glendinnin

Was bringt einen Zuschauer dazu, fünf, sechs oder gar 24 Stunden in einer Theatervorstellung zu sitzen? Unterbrochen nur von wirklich unvermeidbaren Notwendigkeiten? Was 1997 mit Speak Bitterness in München begann und 1999 mit dem gigantischen Gutenachtlied »Who can sing a Song to unfrighten me« zu einem unvergesslichen Moment im Leben von Geschichtensüchtigen wurde, hat sich in den darauffolgenden Jahren, Jahrzehnten nie verflüchtigt, sondern immer weiter verfestigt. Das allein ist schon ein Phänomen, das die Gruppe um Tim Etchells so besonders macht. Der Blick auf irgendwas in der Vergangenheit, egal wie vergoldet er leuchten mag, erwies sich bei immer neuen Selbstversuchen nie als Enttäuschung.

Das Spielart-Festival bekam durch Forced Entertainment einen wunderbaren Klang, der denen, die dabei gewesen sind, den Glanz in die Augen treibt. Nach den 24 Stunden in »Who can sing a Song« schrieb Egbert Tholl in der »Süddeutschen Zeitung« den wunderbaren Satz: »Warum jemals wieder in die Muffathalle gehen, wo doch meine besten Freunde nicht mehr dort auf mich warten?« Genauso war es: Die vielen Zuschauer und Zuschauerinnen, die von Forced Entertainment buchstäblich bezwungen worden waren, wollten nicht mehr von den Performern lassen, die nicht nur als Könige, sondern auch als Skelette und Affen in Ganzkörperkostümen die Bühne bevölkerten, zu einlullender Aufzugmusik, die es erlaubte, zwischendurch ein Nickerchen zu machen. Wenn man wieder aufwachte, waren ja alle noch da, die man so ins Herz geschlossen hatte.

Gespür für Präzision und Timing

Was ist es aber nun, was diese Idee der »erzwungenen Unterhaltung« so einzigartig macht? Bei der Sommerszene Salzburg im vergangenen Juni, wo die Performer unglaublicherweise zum ersten Mal überhaupt zu Gast waren, mit dem letzten Wurf »Out of Order«, wurde Tim Etchells genau das gefragt: Wie kommt eine Künstlergruppe zu diesem Namen? Es geht natürlich nicht darum, den Zuschauer zu irgendetwas zu zwingen. Das funktioniert ja eh nie. Was aber an den Abenden mit Forced Entertainment immer wieder passiert, ist, dass viele Personen im Publikum nicht mehr gehen wollen. Dass sie der Company ins Netz gehen wie die Fischlein. Aber man zappelt nicht, sondern man harrt bereitwillig aus. Man gibt sich dem hin. Mit keinen Künstlern vorher und nachher war es je genauso: dass man sich als Zuschauer in den Fluss wirft, der sich vor einem auftut. Man schwimmt mit und gerät in eine Sphäre des Zuschauens und des Zuhörens, die nichts mit einem »normalen« Theaterbesuch zu tun hat. Das ist in »Awake & Looking Down« mit seinen unendlichen Rollenwechseln und der Selbstgeißelungsorgie »Speak Bitternes« nicht anders als in »And on the Thousandth Night«: Es ist die vorletzte der 1001 Nächte, die in diesem Stück zelebriert wird. »Once upon a time« sind die ersten vier Worte, mit der jede Geschichte beginnt, die die acht Akteure, jeder für sich König in seinem fantastischen Reich, erzählen. Unterbrochen von einem manchmal gnadenlosen, genüsslich boshaften und bisweilen auch gnädigen »Stop«, wenn die Geschichte sich im Nirwana vergaloppiert.

Unendlicher Geschichtenstrudel

Meist lauscht man den Geschichten so gebannt, dass sich die schnöde Unterbrechung wie ein Affront anfühlt, aber genau hier liegt ja eines der Geheimnisse dieser Abende: das unnachahmliche Gespür für Timing, Dramatik und Komik. Manchmal sind die Geschichten so absurd, dass die Erzähler selbst anfangen zu lachen. Manchmal sehen sie fast beleidigt aus, wenn ein anderer ihnen ins Wort fällt. Und als Zuschauer ist man Teil dieses spiralförmigen Labyrinths, das Fäden baumeln lässt, um sie zwei Stunden später wieder aufzunehmen und weiterzuspinnen. Erzählt werden Geschichten von Mord und Mythen, von Liebe und Gespenstern, von Angst und Glück, von Sex und Tod. Die Geschichten sind bevölkert von Prinzessinnen, Rittern, Wahnsinnigen und Depressiven, vor allem aber immer wieder von den Königen.

Man muss nicht befürchten, dass sich die Abende inhaltlich wiederholen, dafür sind die tagesaktuellen Inspirationen viel zu lebendig: Egal ob es um Prime Minister oder Präsidenten geht, die nie namentlich benannt werden, oder um von Monstern bewohnte Jugendliche, die für Kenner der Serienkultur sofort entlarvbar sind – die Gegenwart ist der Quell, aus dem die Akteure schöpfen. »Once upon a time there was a group of story thievers in a van«, beginnt eine Geschichte. »Sie versuchten, die Geschichte, die viel zu lang war, in den Lastwagen zu stopfen, aber das ging nicht. Deshalb hatten sie die Idee, einfach was abzuschneiden. – Stop!« Cathy Naden, Clare Marshall, Jerry Killick, Nicki Hobday, Robin Arthur, Terry O’Connor, vor allem auch Richard Lowdon und Tim Etchells sind die unfassbar souveränen Cliffhanger-Könige, die vor einem riesigen roten Theatervorhang sitzen, gehüllt in rote Umhänge, die Pappkrone auf dem Kopf. Dass das Prinzip der unendlichen Wiederholung, die man als den berühmten Flow erlebt, den man auch vom Joggen kennt, sich nicht abnutzt, ist eine sehr beruhigende Beobachtung. In dem neuen Stück »Out of Order“ – das ausnahmsweise nicht länger als 2 Stunden dauert – wird kein Wort gesprochen, ähnlich wie in »Awake & Looking Down«.

Den Verfall aufhalten

Erzählt wird trotzdem unendlich viel: Die Akteure rennen im Kreis, verändern das Tempo, halten inne, legen erneut los, zu einem Strauß-Walzer und einer alten, sehr stimmungsvollen Schlagerschnulze. Was passiert, wenn man den Text vergisst? Warum vergisst man, was man sagen wollte? Weil man alt wird. Vergesslich. Weil man nicht mehr die Kondition wie vor 25 Jahren hat und die Konzentration abnimmt. Das Ringen darum, den Verfall aufzuhalten, ist ein maßloser Kraftakt. Dabei exakt getimt und choreografiert, wie alles, was Forced Entertainment auf die Bühne bringt. Die Beteiligten sind auch hier wieder wie eine Jazzband, die auf kleinste Signale der Mitspieler reagiert. »Out of Order« ist, wie Tim Etchells selbst sagt, die »Ruine einer Show«. Die Furcht, dass Forced Entertainments Zauberkunst in ihren Wiederholungen schal werden könnte, ist ganz unbegründet. Dafür sind sie sich der Fragilität der Fläche, auf der sie sich bewegen, viel zu sehr bewusst. Sie ar-beiten das Knirschen und Rumoren unter dem Boden elegant und unaufgeregt mit ein. Bei Spielart 2019 konnte man sehen: Man kann mit Forced Entertainment schön alt werden. Wie mit einem Lebensgefährten, der einen mit seinen ewigen Loops zum Wahnsinn treibt – den man aber auch genau dafür liebt. ||