In Bordeaux findet man alles, was Leib und Seele zusammenhält. Die Pasinger Fabrik widmet der »schönsten Stadt Frankreichs«, wie Stendhal sie nannte, zum 55. Geburtstag der Städtepartnerschaft eine große Ausstellung. Rüdiger von Naso, Bordeaux-Kenner seit Jahrzehnten, war hier und dort vor Ort.

Die Kunst findet in Bordeaux nicht hinter verschlossenen Türen statt © Rüdiger von Naso

Ein Glas Bordeaux war noch nie verkehrt. Die Stadt gleichen Namens konnte man dagegen bis in die Neunzigerjahre trotz ihres grandiosen architektonischen Vermächtnisses vergessen. Die Tristesse regierte, die Häuserfassaden in der historischen Altstadt präsentierten sich in traurigem Schwarz, die Ufer der Garonne waren mit heruntergekommenen Industriebauten bestückt. Heute ist das Dank einer beispielhaften Stadtpolitik vor allem von Alain Juppé kaum mehr vorstellbar, die Stadt erstrahlt in lange nicht gekanntem Glanz. 2007 wurde quasi die gesamte Altstadt in die Liste des Weltkulturerbes der Unesco aufgenommen, ein weltweit einzigartiger Fall. Mehr als jeder dritte Franzose würde heute gerne in Bordeaux leben. Das lässt die Immobilienpreise steigen, und die neue schnelle Zugverbindung nach Paris, zwei Stunden und vier Minuten, trägt zur aktuellen Attraktivität der Stadt bei. Der Besucher der Stadt freut sich über die höchst praktischen drei Trams und die zahlreichen autofreien Zonen in der Altstadt. Vor allem aber ist er, auch ohne vorherigen Weingenuss, geblendet von der Schönheit der Stadt. Etwa 5000 Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, aus einer Epoche der wirtschaftlichen Blüte, prägen das Straßenbild, dazu architektonische Schätze aus dem Mittelalter und der Renaissance.

Glückliches Flanieren

In Bordeaux kann man als Flaneur nichts falsch machen. Welchen Weg, welche kleine Straße in der Altstadt man auch immer wählt, überall gibt es etwas zu entdecken, und auf die berühmten Baudenkmäler stößt man automatisch. Unverzichtbare Höhepunkte sind die Kathedrale St.-André und der Turm Pey-Berland, die Esplanade des Quinconces, der größte Platz Europas, mit dem Monument aux Girondins, die Porte de la Grosse Cloche, die Porte Cailhau oder das Grand Théâtre. Gleichzeitig marschiert die Weinmetropole nicht nur, was den Verkehr angeht, sondern auch städtebaulich munter in die Zukunft, etwa mit dem Tribunal de Grande Instance, vor allem aber mit der seit 2016 bestehenden Cité du Vin, einem sensationellen interaktiven Museum zur Geschichte des Weins. Auch der Miroir d’eau, ein ungewöhnlicher, sich immer wieder verändernder Wasserspiegel, in dem sich besonders während der abendlichen Beleuchtung der Place de la Bourse großartig spiegelt, überrascht und fasziniert. Das jugendliche, fröhlich aufgeschlossene Flair der Stadt, das breite kulturelle Angebot von der Oper und den Theatern über eindrucksvolle Museen bis zur spektakulären Street Art, die kulinarischen Glanzlichter (besonders empfohlen seien »Le Petit Commerce« und »Le Bouchon Bordelais«) oder das lustvolle Shopping etwa in der Rue Sainte Catherine sorgen dafür, dass man schnell wieder nach Bordeaux zurückkommen möchte, kaum dass man abgereist ist.

Bordeaux in München

Da tröstet, dass die Pasinger Fabrik, der Gasteig, das Institut français und die Volkshochschule Bordeaux nach München holen: »Bordeaux à Gogo«, »Bordeaux in Hülle und Fülle«, heißt das Festival, das noch bis zum 1. Dezember das 55-jährige Jubiläum der offiziellen Städtepartnerschaft zwischen München und Bordeaux feiert. Das Programm ist breit gefächert: Eric Audebert, Leiter des renommierten alljährlichen Comicfestivals »Regard 9« in Bordeaux, präsentiert Arbeiten von acht Zeichnern und Zeichnerinnen, die weit über ihre Heimatstadt hinaus bekannt sind. David Prudhommes Bücher »Einmal durch den Louvre« sowie Alfreds »Come Prima« sind auch auf Deutsch erschienen. Guillaume Trouillard zeigt eine Werkreihe mit Stadtansichten. Zwei der Künstler demonstrieren ihre Zeichenkunst in Liveperformances zu Musik. So arbeitet Sandrine Revel an ihrem Comic »Glenn Gould«, dazu begleitet sie am Klavier Kevin Bazzana, natürlich mit Musik von Glenn Gould.

Auch »Dame Jeanne Collectif Illustré«, eine überwiegend weibliche Gruppe von elf GrafikerInnen, IllustratorInnen, MalerInnen und FotografInnen aus ganz Frankreich, deren gemeinsames Thema Bordeaux und seine Umgebung ist, präsentieren ihre diesjährige Produktion von 33 Arbeiten. »Dame Jeanne« ist übrigens der Name für eine bauchige Transportflasche in Übergröße, also insofern auch eine Hommage an die Weinhauptstadt. Musik, Tanz, Film und Literatur stehen ebenso auf dem Programm: »Zebra Lova« ist ein Projekt des Produzenten, Komponisten und Multiinstrumentalisten Sebastien Brun, der seinen Elektropop in ein ausgefeiltes visuelles Universum einbettet. Die Compagnie Auguste Bienvenue, die sich der Ausbildung junger Tänzer in Burkina Faso und Frankreich widmet, zeigt ihre Choreografie »Performers«. Die Initiative FIFIB (Independent International Film Festival Bordeaux) präsentiert im Gasteig eine Auswahl von aktuellen Filmen, in denen es um die Jugend und die Jetztzeit geht. Verschiedene Vorträge an der Volkshochschule Pasing beleuchten Bordeaux und seine Umgebung. Gewiss ein Höhepunkt ist auch die Lesung aus Michel de
Montaignes legendären »Essais«. Montaigne, von 1581 bis 1585 zudem Bürgermeister von Bordeaux, gehört neben dem Aufklärer Montesquieu und dem Schriftsteller François Mauriac zu den sogenannten »3 M«, auf die Bordeaux besonders stolz ist. Die Lesung findet auf Französisch (Katja Schild) und Deutsch (Jerzy May) statt und wird von Mireille Schmich-Faurie mit Kompositionen aus der Zeit Montaignes am Klavier begleitet.

Bestimmt macht dieser Abend Lust, dem Genie etwas näher zu kommen und einen Blick auf seine einstige Adresse in der Rue de la Rousselle 25 in Bordeaux zu werfen. Aber vorher wird am 16. November noch die »Fête de l’amitié«, das Freundschaftsfest MünchenBordeaux, gefeiert, mit den entsprechenden Weinen, Austern, Musik und Tanz. Für die Musik sorgt DJ Thomas Bohnet, bekannt durch seine »Tour de France« aus dem Muffatcafé. Die Münchner dürfen sich von der legendären Lebensfreude der Bordelesen ruhig anstecken lassen – die ja traditionell nie maßlos war. Wie sagte Montaigne: »Wer klug wäre, würde den wahren Wert jeder Sache daran messen, wie weit sie für sein Leben nützlich und verwertbar ist.« ||

BORDEAUX À GOGO
Die französische Metropole und ihre Kultur zu Gast in München | bis 1. Dezember
Informationen zum Programm