In der Lothringer 13 Halle präsentiert das Fotodoks-Festival unter dem Motto »Vis-à-vis« Dokumentarfotografen, die aktuelle gesellschaftspolitische, ökonomische und soziale Machtverhältnisse aufzeigen.

Den Schal knoten: Schützt die Verschleierung im indischen Pune vor Umweltverschmutzung oder unerwünschte Blicken? – Yana Wernicke: »Ohne Titel« aus der Serie »Skaarph« | 2015 | © Yana Wernicke

Ein heller, weitläufiger Raum in einem Hinterhof, in der Nähe des Weißenburger Platzes. An den verschachtelten Wänden hängen bunte Fotografien aus aller Welt. Manchmal braucht es einen dritten Blick, doch eigentlich sagt schon der zweite, dass diese Bilder uns Lebensentwürfe und -realitäten zeigen, die nicht so bequem sind wie unsere. Groß aufgezogen an einer Wand blicken einem mehrere Frauen steif lächelnd entgegen, die Hände vor der Brust gefaltet. Es sind keine glücklichen Gesichter. Diese Frauen werden in einer neuen Form der Sklaverei aus ihrer Heimat, meist Indonesien, nach Hongkong verschifft, um dort als Dienstmädchen unter schlechtesten Bedingungen zu arbeiten. Rebecca Sampsons fotografische Recherchearbeit demonstriert allerdings mehr als nur diesen Missstand. Sie zeigt darüber hinaus nämlich, wie diese Mädchen mit der neuen Situation umgehen und deckt auf, dass viele von ihnen aus freien Stücken zu diesem Leben
kommen, da es ihnen als bessere Alternative erscheint.

In der ehemaligen Maschinenfabrik finden sich viele solcher Geschichten an den Wänden. Sie zwingen den Besucher, durch das gezeigte Gegenüber, die eigene Position zu beleuchten, zu hinterfragen, oder in manchen Fällen überhaupt erst die eigene Position zu finden. Das »Fotodoks Festival für aktuelle Dokumentarfotografie«, das diesmal in der Städtischen Kunsthalle Lothringer 13 gastiert und im Oktober mit einem intensiven Dialog- und Diskussionsprogramm startete, sucht sich traditionell neben einem Motto außerdem ein Partnerland, um dokumentarfotografische Positionen aus aller Welt nach München zu bringen. In den letzten Jahren der biennal stattfindenden Veranstaltung waren das Amerika, Ex-Jugoslawien, »Der Norden«, Großbritannien und Italien. Dieses Jahr stand das neu zusammengestellte Organisationskollektiv vor der schweren Entscheidung, entweder der Tradition treu zu bleiben oder mit dem Trend der Zeit zu gehen und nicht ausschließlich auf nationale Grenzen zu beharren.

Die Lösung war ein Kompromiss: Das Festival bleibt der Tradition des Partnerlandes treu und wählte den direkten Nachbarn Frankreich. Aber die gezeigten Projekte sind »Arbeiten, die sich auf der ganzen Welt abspielen«, so formulierte es Frank Bauer, Teil des Organisationskollektivs. Den einzigen direkten Frankreich-Bezug bildet die Auswahl der ausgestellten Fotografen (aus dem deutschsprachigen Raum und eben dem Partnerland). Zusätzlich dazu fungiert das Motto »Vis-à-vis« als Rahmen der Veranstaltung. Hierbei geht es weniger um das direkte Gegenüber von Frankreich und Deutschland als um ein allgemeines Wechselspiel von Machtverhältnissen jeder Art, weltweit. Beim Schlendern durch die große industrie-ästhetische Ausstellungshalle wird der Besucher auf Geschichten über die Rolle der Frau, (Klima-)Aktivismus, Migration, Ausbeutung, Fremdwahrnehmung, Identitätsfindung und Emanzipation stoßen.

Vis-à-vis – Samuel Gratacap: »Detention
center of Zaouia, Libya« aus der Serie »Fifty-Fifty«| 2014 | © Samuel Gratacap

Den einzelnen Künstlerinnen und Künstlern wurde viel Freiheit eingeräumt bei der Platzierung der Arbeiten, und so findet sich keine Wand, kaum ein Fenster und kein Raumteiler unbehängt. Es sind Fotografien in verschiedenen Größen und Formaten, in jedem Bereich mit einem eigenen Anordnungsverfahren. Mal in Holzrahmen, manche hinter Glas und viele einfach direkt an die Wand gepinnt. Neben Porträts in Schwarz-Weiß hängen fiktive und mit unnatürlichen Farben bearbeitete Landschaftsfotografien, Architekturen neben Bildern menschlicher Beziehungen, Schnappschüsse einer spontan eingefangenen Handlung zwischen statischen und vorgeplanten Aufnahmen. Die 15 ausgewählten Fotograf-*innen verfolgen Spuren, die postkoloniale, imperialistische und kapitalistische Strukturen zeichnen, um dabei gleichwohl noch die Vielfalt im Denken und Handeln eines Individuums sichtbar zu machen.

Nach dem Rahmenprogramm an den fünf Festivaltagen bieten die persönlichen Hintergründe und Erläuterungen der Fotograf*innen den Kontext, der für Besucher der Ausstellung noch zugänglich ist. Manche reichern ihre Fotografien mit Installationsobjekten oder beigelegten Zeitungsartikeln vor Ort an, und viele Fotografien, hinter denen meist groß angelegte Rechercheprojekte stehen, wurden außerdem in Form von Büchern zusammengestellt und publiziert. Die Fotografin Stephanie Kiwitt nutzt einen eigenen Raum mit Fenstern innerhalb der ehemaligen Maschinenfabrik, um ihre Schwarz-Weiß-Aufnahmen zu präsentieren. Es sind Porträtfotografien, die über die individuellen Gesichter den gesellschaftlichen Raum um sie herum, in Prag, skizzieren sollen. Wieder anders geht der französische Fotograf Samuel Gratacap vor, der in einem Langzeitprojekt die Lebensbedingungen von Flüchtlingen dokumentiert. Seine Bilder werden ergänzt durch erklärende Texte, Beschreibungen der Migrationserfahrungen der fotografierten Menschen. Und der Österreicher Markus Krottendorfer »dokumentiert« in seinen Lichtbildern die Kong-Berge, die der Afrikaforscher Mungo Parks 1795–97 entdeckte und die seither in Reisebeschreibungen und Karten Eingang fanden – obwohl sie erfunden sind.

Der Berg, den es nicht gibt – Markus Krottendorfer: aus der Serie »Mountains of Kong« | 2016

Was das diesjährige Fotodoks-Festival vor allem verdeutlicht, ist, dass das Medium der Fotografie und seine Präsentationsmöglichkeiten eine Vielzahl von Herangehensweisen an Themen bietet, die Hoffnungen und Ängste unserer Zeit widerspiegeln sollen. Das macht es in diesem Fall, selbst mit Motto und Partnerland, fast unmöglich, einen roten Faden durch die Ausstellung zu finden. Doch das ist womöglich genau der Punkt. Der frei ausliegende Ausstellungskatalog, der bei einem ungeführten Rundgang hilfreich zur Hand geht, leitet ein mit einem Zitat der amerikanischen Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde: »There is no such thing as a single-issue struggle, because we do not live single-issue lives.« Und wie »Monsanto®: A Photographic Investigation«, das Buchprojekt des franko-venezolanischen Fotografen Mathieu Asselin über die Skandale des Biotechnologieunternehmens, verdeutlicht: In unserer von unzähligen Bildern durchströmten Zeit ermöglicht erst der genaue Blick auf die Welt einen Schritt hin zur Aufklärung und zur Veränderung der Verhältnisse. ||

VIS-À-VIS
Lothringer13 Halle| Lothringer Str. 13 Rgb.
bis 24. November| Di bis So 11–20 Uhr | Eintritt frei