Das 13. Festival Spielart wirft einen Rundblick in die Welt draußen, der leider manchmal etwas blutleer daherkommt.

 

Die Schauspieler-Security zelebriert den Schichtbeginn (ganz links vorne Ilan Bachrach als Mikey) | © Heinrich Brinkmöller-Becker

Irgendwas ist anders bei dieser 13. Spielart, dem Theaterfestival, das Erstaunliches aus aller Welt auf die Bühnen und in die Ausstellungsräume Münchens bringt. Die Begeisterung ist abhanden gekommen, zumindest scheint es so, wenn man den oft eher müden Applaus des Publikums als Gradmesser nimmt.

Der ist schon bei der Eröffnungspremiere »No president« des Nature Theater of Oklahoma zu spüren. Nach fast zweieinhalb Stunden ist das Publikum erschöpft von den Textflächen, die Robert M. Johanson unerbittlich über den in Endlosschleifen laufenden Soundteppich des Balletts »Nussknacker« spricht. Er erzählt das, was auf der Bühne zu sehen ist: die Geschichte von Mikey, dem Schauspieler und Stanislawski-Fanatiker, der bei einer Sicherheitsfirma anheuern musste. Künstler werden nicht mehr gebraucht. Deshalb arbeiten in dieser Firma nur ehemalige Schauspieler und bewachen – einen roten Vorhang. Niemand weiß, was dahinter ist. Und niemand darf es wissen. Eine rivalisierende Sicherheitsfirma aus ehemaligen Balletttänzern will die Herrschaft über den Security-Markt an sich reißen und greift Mikeys Truppe an. Doch letztendlich steigt Mikey völlig unerwartet zum Chef der Firma auf und dreht vollkommen durch. Einen Liebeskonflikt gibt es auch noch, weil Mikey und sein bester Freund Georgie dieselbe Frau wollen. Klingt schräg? Sie tanzen auch noch die ganze Zeit Ballett! Oder zumindest etwas Ähnliches. Auf den ersten Blick haben die New Yorker Masterminds des Nature Theater of Oklahoma Kelly Copper und Pavol Liška ein monströses Karnevalsverein-Männerballett geschaffen, in dem Ilan Bachrachs nicht gerade mit Ballerinomaßen ausgestatteter Mikey wacker seine Beine im Tüllröckchen hochwirft. Doch all das wimmelige Dekor, all die irrsinnigen, lächerlichen und absurd grotesken Volten dieser überchoreografierten Tableaus sind nichts anderes als Camouflage für eine klug sezierende Betrachtung des US-amerikanischen Status quo. Auch dort sieht man den Wald vor lauter Trump-Blödsinn nicht mehr.

Papierenes Dokutheater

Solche Verspieltheit strahlen nicht viele andere Produktionen aus. Auch wenn Kristóf Kelemen und Bence György Pálinkás in »Hungarian Acacia« dokumentieren, wie sie sich mit absurden Aktionen in die Gefilde nationalistischer Gruppen einschleichen. Im HochX präsentieren sie in einem recht verdorrten Garten auch die Robinie oder falsche Akazie, an die sie jahreszeitbedingt falsche Blätter montieren mussten, die sie liebevoll ausgeschnitten haben. Nationalistische Ungarn erklärten den Baum zum Wahrzeichen des Landes, obwohl er aus Nordamerika stammt. Die Performancegruppe stimmt also in Gärtneroveralls eine ironische Untersuchung der »ungarischen« Akazie an, die schnurstracks zu Fragen von Identität und Heimat führt und Ungarns Ausgrenzung alles Fremden als Unsinn entlarvt. Trotz aller subversiven Ideen haftet dem Dokutheater leider etwas trocken Papierenes an.

Bei Silke Huysmans und Hannes Dereere wird die Ausgrenzung von »Fremden« zur extremen Eingrenzung. »Pleasant Island« wurde die Insel Nauru genannt, weil sie im 20. Jahrhundert durch Phosphatabbau reich und leider auch vollkommen zerstört wurde, sodass heute nichts mehr wächst. Inzwischen sind die Nauruaner bettelarm. Ihre einzige Geldquelle sind Flüchtlinge, die eigentlich nach Australien wollten und auf der Insel festgehalten werden. Der australische Staat zahlt dafür. Hauptsache, keiner kommt zu ihnen. Journalisten und Kameras sind auf Nauru nicht gerne gesehen, also arbeiteten Huysmans und Dereere bei ihren Recherchen und Gesprächen mit der Handykamera und übertrugen dieses System auch auf ihre Performance, in der der Inhalt ihrer Smartphones auf zwei Stellwände projiziert wird. Wir sehen also: eine Straße, auf der man in 20 Minuten um die Insel herumfahren kann, Häuser, Meer Strand. Wir hören Gespräche mit Einheimischen, die trotz aller Widrigkeiten ihre Insel lieben, und mit Flüchtlingen, die verzweifelt um eine Existenz kämpfen. Was im ersten Augenblick als interessante Idee erscheint, trägt künstlerisch allerdings nicht. Zwei Leute tippen völlig auf sich selbst bezogen auf ihren Smartphones herum.

Dramatische Lesung

Die Ungleichbehandlung von Menschen aus der sogenannten ersten Welt und denen aus Afrika bei der Vergabe von Visa haben bei Ogutu Muraya aus Kenia zu der Entscheidung geführt, gar nicht erst ein Visum für die Anreise zur Spielart zu beantragen (das anderen Künstlern mit rassistischen Argumenten in Ablehnungsbescheiden auf Deutsch verweigert wurde). Seine Bestandsaufnahme eines Afrikaners in Europa »On thin Ice« verhandelt Alltagsrassismus, die Vergeblichkeit eines gleichberechtigten Umgangs von afrikanischen Staaten mit ehemaligen Kolonisatoren oder die Art und Weise, wie die westliche bzw. nördliche Welt auf Afrika und seine Bewohner herabsieht. Aufgeschrieben hat Muraya all das in Tagebuchform, als er 2014 in Amsterdam sein Masterstudium absolvierte. Der für ihn eingesprungene Performer Quinsy Gario sitzt in pinkem Shirt und Hose an einem Tisch voller pinker Post-ist, als wäre er ein Archivar. Eigentlich liest Gario nur Murayas Einträge vor, deren Hauptschlagworte Zorn, Leid und Schmerz sind. Doch diese Lesung erweist sich als lebendiger und verfügt über mehr dramatischen Ausdruck als so manche andere Produktion dieser Spielart.

Bis 9. November

Spielart Theaterfestival

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