Faszinierendes Dunkel und zerfallende Hoffnung – »Winterjahrbuch« von Jan Wilm und »Durch die Nacht« von Stig Sæterbakken.

Zwei filigrane Schneeflocken zieren das dunkle Cover. Es hätten auch Musiknoten sein können, denn diese beiden Motive leiten durch das Romandebüt. Beginnen wir beim Schnee. Der Ich-Erzähler Jan Wilm, ein »perspektivloser Philologe«, verbringt ein Jahr in Los Angeles. Vordergründig, um für ein geplantes Buch über Schnee den Nachlass des seit 1950 verschollenen Fotografen Gabriel Gordon Blackshaw im Getty Research Institute zu sichten. Vielmehr aber, wie sich zeigen wird, um Abstand zu gewinnen: zur verlorenen Liebe, zum Leben im fernen Deutschland. Dabei treibt der Autor Jan Wilm ein perfides Spiel: Obgleich es Parallelen zwischen ihm und dem Erzähler gibt, handelt es sich um eine literarische Figur, die statt im Schnee und dessen wissenschaftlicher Erforschung in eigenen Untiefen versinkt. Durchsetzt sind die Selbsterkundungen und Klagen mit Schneezitaten, Bezügen zu Barthes, Beckett, Bernhard oder Christa Wolf – und unterlegt von poetischen Überlegungen, wie Schreiben, Sprache und Wirklichkeit verschmelzen: »und mit jedem Schreiben, ganz gleich wovon, flockst du von meinem Innern an den Rand meiner Sprache.«

Bleibt die Musik. Das 450 Seiten starke »Winterjahrbuch« ist in die Jahreszeiten unterteilt – wobei es im Januar beginnt und aufhört – und weiter in Passagen, denen je ein Songtitel voransteht. Dass sich auf der Autorenwebsite janwilm.de eine Playlist mit 115 meist schwermütigen Songs findet, kann man als Spielerei abtun – oder nutzen: Die Musik öffnet einen Schallraum für Assoziationen. Zwar fehlt die heimliche Hymne des Romans auf der Liste. Doch da schon früh ein Vers aus »Observatory Crest« in den Text montiert ist, der das Griffith Observatorium in LA als Ruhepol versteht, klang Captain Beefheart während meiner Lektüre stets mit. Auch verdanke ich der »Winterjahrmusik« die Entdeckung einer erloschenen Stimme: In »That Leaving Feeling« singt Lhasa De Sela vielleicht gegen Stuart A. Staples’ Suizidgedanken an. De Sela starb Anfang Januar 2010 in Montreal mit 37 Jahren an Brustkrebs. Danach schneite es dort vier Tage lang.

Stig Sæterbakken starb Ende Januar 2012 im eisigen Norwegen von eigener Hand. Sein letzter Roman »Durch die Nacht« erschien ein Jahr zuvor – und zum norwegischen Gastlandauftritt auf der Buchmesse Frankfurt nun auch hierzulande. Auf dem deutschen Cover durchschneiden Autoscheinwerfer das Dunkel, auf dem Original führt ein schmaler, sich verjüngender Gang in die Finsternis. Damit wären die zentralen Themen visualisiert. »Trauer tritt in so vielen Formen auf«, lautet der erste Satz. »Sie ist wie ein Licht, das ein- und ausgeschaltet wird.« Stig Sæterbakken dekliniert sämtliche Ausprägungen durch. Sein Erzähler Karl Meyer trauert um Sohn Ole-Jakob, der mit hundert Stundenkilometern frontal in einen Laster raste, und er trauert um seine Ehe, die er zuvor selbst gegen die Wand gefahren hatte. Ein Jahr lang ist es Karl unmöglich, Musik zu hören.

Dann überkommt ihn »That Leaving Feeling«. Er lässt alles hinter sich – Frau, Tochter, die Zahnarztpraxis –, um den Ort zu finden, »an dem Hoffnung zu Staub wird«. Einmal glaubt Karl, eine fremde Frau in letzter Sekunde vor dem Todessprung von einer Brücke zu bewahren. Doch Caroline wollte nur Wasser fotografieren, das langsam verschwindet. Er habe »also die falsche Person zu retten versucht«, sagt sie und erweist sich als Erste, die Karls Trauer wirklich versteht. Was ihn nicht daran hindert, weiterzureisen. Sein Ziel ist ein surreales Haus in der Slowakei, das angeblich jeden Besucher mit dessen größten Ängsten konfrontiert. Man bekomme dort das, »was man nicht haben will«, sagt der Vermittler.

Als Karl eine Affäre begann, die ihn die Ehe und den Sohn kosten sollte, träumte er davon, zusammen mit seiner neuen Liebe zu ertrinken: »Warum sollte man aufhören zu leben, nur weil man ertrank?« Wie Karl nun in Trauer zu ertrinken droht, beschreibt Sæterbakken suggestiv und so berührend, dass man diesem Mann überallhin folgt. Sogar in ein Haus, das vielleicht kein Zurück erlaubt. ||

JAN WILM: WINTERJAHRBUCH
Schöffling & Co, 2019 | 456 Seiten | 24 Euro
Playlist

STIG SÆTERBAKKEN: DURCH DIE NACHT
Aus dem Norwegischen von Karl-Ludwig Wetzig | Dumont, 2019 | 288 Seiten | 22 Euro