Seit Ende September ist das Theater Blaue Maus dasvinzenz. Im November finden sich zwei Wiederaufnahmen im Programm, für die wir extra nochmal die Artikel rausgeholt haben.

Irre, nicht bescheuert

Isabel Kott | © Veronika Eckbauer

von Christiane Wechselberger
Eine kleine Gestalt kommt in den Hinterhof des Hofspielhauses gerannt und lässt sich auf den Boden, fallen. Steht auf, geht wieder raus, rennt wieder rein, kommt wieder raus, schmeißt sich wieder hin. Aua, denkt man sich. Aber dieser Isa, gespielt von Isabel Kott, tutinnen viel mehr weh als außen. »Da steh’ ich hier im Garten, vier hohe Ziegelmauern ummich rum«, sagt sie; und tatsächlich, dieser Hofin der Altstadt, ausgestattet mit einem Stapel Autoreifen, ist besonders geeignet, die Begrenzung der nicht näher bezeichneten Anstalt zuverräumlichen, aus der Isa wegläuft. Denn sie ist zwar irre, aber nicht bescheuert.

Wer Wolfgang Herrndorfs posthum erschienenes Romanfragment »Bilder deiner großen Liebe« nicht kennt, der erkennt vielleicht aber Isa. In Herrndorfs »Tschick« begegnen die Ausreißer Maik und Tschick dem 14-jährigen Mädchen Isa auf einer Müllkippe und fahren einige Zeit mit ihr rum, bis Isa beschließt, lieber den Bus zu nehmen. Sie ist den Jungseinige Reifegrade überlegen und doch ein verlorenes Wesen.Eos Schopohls Inszenierung von Herrndorfs Fragment, das sie ursprünglich für das Torturmtheater Sommerhausen umgesetzt hat, setzt auf die Zwischentöne der Figur, vermeidet Spektakuläres und überzeugt durcheindringliche Schlichtheit. Herrndorfs Isa ist wie ein Windstoß, den man nicht fangen kann, vielleicht einfach das davonfliegende Leben,das der todkranke Autor vor Augen hatte,bevor er sich erschoss. Isabel Kott holt einegroße Kraft aus diesem Mädchen heraus, dasalleine durch die Nacht wandert, sich im Dunklen versteckt und vor den Dingen, die andere fürchten würden, keine Angst hat.

Unbeirrbar und manchmal zutraulich stürmtsie in abgetragenen Straßenkindklamotten durch diesen Roadtrip zu Fuß, wälzt sich ein Bett ins Kornfeld, denkt drüber nach, ob ein Weberknecht Angst hat, bevor sie ihn vorsichtig ablegt, deutet ein Ballett mit den Autoreifen an, faltet sich in den Reifenturm und lässt ein Meer aus Malerfolien Wellen schlagen (Ausstattung: Nina Strukamp). Ob dieGeschichten wahr sind, die Isa erzählt, ist egal, sie plätschern lakonisch dahin. Und hinter der großen Traurigkeit liegt ein Lächeln. ||

BILDER DEINER GROSSEN LIEBE
dasvinzenz | Falkenturmstr. 8 | 5. – 7. November, 20 Uhr | Tickets: 089 24209333

Schiff der Frauen

Allein unter Frauen: Das Patriarchat erleidet Schiffbruch (Ensemble) | © Michael Bischoff

von Peta Hallmayer
Der Schock ist im kulturellen Gedächtnis verankert. Der Untergang der RMS Titanic 1912 wurde zu einem Symbol für den Verlust des Vertrauens in die Perfektibilität der Technik und die Beherrschbarkeit der Naturgewalten.Hans Magnus Enzensberger nahm eine der größten Katastrophen der Seefahrt als Anstoß für 33 Gesänge und locker damit verbundene Gedichte. Die Taschenbuchausgabe des Versepos, die neben Jochen Strodthoff auf dem Stuhl liegt, ist abgegriffen und zerschlissen. Seit Jahrzehnten hat er sie immer wieder aus dem Regal gezogen, um darin zu lesen. »Für mich ist dieser literarisch großartige und ungemein kluge Text ein poetisches Konzeptalbum, das aus vielfältigen Perspektiven um Verlusterfahrungen kreist. Der Untergang der Titaniczwei Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs markiert den Untergang einer Gesellschaftsform.«

Verwoben mit der Beschreibung der sich gefahren blind in Sicherheit wiegenden Vergnügungsreisenden, der gespenstischen Ruhe vor der Kollision mit dem Eisberg, des Schicksals der Passagiere und der Mannschaft, sind bei Enzensberger assoziative Reflexionsketten. Über die sozialen Hierarchien im Kapitalismus, die die Überlebenschancen bestimmen, die für Reiche weitaus höher waren als im Zwischendeck, wo sich Emigranten und Habenichtse drängelten, die illusionslos wussten, »daß die Erste Klasse zuerst drankommt, daß es nie genug Milch und nie genug Schuhe und nie genug Rettungsboote füralle gibt«. Über gescheiterte linke Träume. Über die Lust am Ausmalen des Weltuntergangs, die künstlerische Ausbeutungvon Katastrophen und Leid.

Enzensbergers Versepos von 1978, das er sarkastisch eine »Komödie« nannte, ist ein Abgesang auf den Fortschrittsglauben und zugleich eine kritische Selbstbefragung als linker Intellektueller. Immer wieder erinnert er sich darin an seine ernüchternde Kubareise 1968 als einer von vielen Touristen der Revolution. Diese Passagen hat Strodthoff gestrichen, der die »Brisanz des Textes für heute herausarbeiten« möchte. Sechs Performerinnen tragen die Gesänge im Theater Blaue Maus mal als Chor, mal mit verteilten Stimmen, als Dichterin, Revolutionärin oder Kellnerin vor. Ihnen gegenüber steht ein Performer, der den Part des um Kontrolle ringenden Kapitäns und eines die Kata strophe gruselig sachlich kommentierenden Ingenieurs übernimmt. In Strodthoffs Inszenierung verweist der Untergang des technischen Wunderwerkes »auf den Untergang einer männlich dominierten Welt, den Schiffbruch des Patriarchats«.

Bekannt wurde der mehrfach preisgekrönte Schauspielerund Regisseur vor allem durch seine Arbeiten mit Hunger & Seide. Nach seiner Trennung von Partnerin Judith Al Bakri hat die Performancegruppe eine »künstlerische Pause vereinbart«. In den letzten drei Jahren hat der 51-Jährige viele Projekte an
Stadttheatern realisiert, darunter die von Kritik und Publikum gefeierte Performance »Simplicius Simplicissimus – der klügste Mensch auf Facebook« in Fürth.

Strodthoff will aus Enzensbergers Text keine illustrativeBilderrevue machen, sondern »Gedankenräume öffnen und sinnlich zum Klingen bringen.« Das Bühnenbild besteht aus Wassercontainern, die an Eisklötze denken lassen, auf die Szenen aus einem schon 1912 entstandenen Stummfilm projiziert werden. Zwei (vom Autor notierte) musikalische Nummern lockern die »Sprechoper« auf: der Song des Heizers Shine, der, so Strodthoff, als eine Art »böse anarchistische Narrenfigur« gegen den Kapitän aufbegehrt, und ein »aufwühlender kakofonischer Gesang«, der den Choral »Näher, mein Gott zu dir« mit den Schlagerhits aus der NS-Zeit »Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern« und »Davon geht die Welt nicht unter« collagiert.

»Wir versuchen aus tragischen und existenziellen, banalen und komischen Momenten einen Trauergesang über verlorene Illusionen und Hoffnungen zu schaffen wider die Hybris und den Irrsinn, die die westliche Welt immer noch beherrschen«, meint Strodthoff. »Daß es ›so weiter geht‹«, erklärte Walter Benjamin dereinst, »ist die Katastrophe.« ||

DER UNTERGANG DER TITANIC
dasvinzenz| 8./9. Nov, 20 Uhr; 10. Nov, 18 Uhr (Sea-Watch-Benefiz mit anschließender Diskussion); 11. Nov, 20 Uhr | Tickets: 089 182694