Benjamin Balints spannendes Buch »Kafkas letzter Prozess« zeichnet die bis 2016 heftig geführte Auseinandersetzung um Kafkas Nachlass nach.

Als Max Brod sich am Abend des 14. März des Jahres 1939 zusammen mit seiner Frau Elsa aufmacht, seine Heimatstadt Prag für immer zu verlassen, und mit dem letzten Zug zunächst nach Polen reist, dann weiter, immer weiter, mit dem Endziel Palästina, da trägt er einen Koffer bei sich. In diesem Koffer befinden sich Manuskripte, Notizen, Skizzen seines Freundes Franz Kafka, der fünfzehn Jahre vorher, im Juni 1924 starb. An Kafkas ausdrücklichen Wunsch, alles, was er nicht selbst zur Veröffentlichung bestimmt hat, unbedingt zu vernichten, hält sich sein alter Freund Max Brod nicht. So ist es, bei allem Für und Wider, Brod zu verdanken, dass der Welt eines der zweifellos wichtigsten, klarsten, schönsten Werke der Literaturgeschichte erhalten blieb.

Der Kafka-Koffer wird sicher in Palästina ankommen. Max Brod wird seinen Inhalt gemeinsam mit seiner langjährigen Sekretärin, Mitarbeiterin und Vertrauten Ester Hoffe ordnen und transkribieren und Teile davon publizieren. So gelangen einige der Schriften von Franz Kafka an die Weltöffentlichkeit. Und der Koffer und sein unschätzbarer Inhalt gehört Max Brod, dem Freund und einzigen Nachlassverwalter. Als Brod schließlich am 20. Dezember 1968 im Alter von 84 Jahren in Tel Aviv stirbt, nimmt sich Ester Hoffe, laut Brods Testament Alleinerbin und Nachlassverwalterin, seines Nachlasses an. Zu diesem Nachlass – und hierin nun liegt die Wurzel allen sich über Jahrzehnte erstreckenden Übels – gehört auch der im Testament nicht erwähnte Kafka-Nachlass.

»Kafkas letzter Prozess« heißt folgerichtig das äußerst informative, spannende und für jeden Kafka-Liebhaber schlichtweg unentbehrliche Sachbuch, in dem der 1976 in den USA geborene, heute in Jerusalem lebende Autor und Übersetzer Benjamin Balint der Genese des Brod- wie auch Kafka-Nachlasses nachgeht. Ebenso kenntnis- wie faktenreich – das gut recherchierte Buch enthält allein 80 Seiten Anhang mit Anmerkungen, Quellen und Literaturverzeichnis – zeichnet Balint die kafkaesken Auseinandersetzungen um Kafkas Nachlass nach, die auf juristischer, kultureller, politischer und letztlich auch religiöser Ebene stattfinden. Wem gehört Kafka? – so lautet die zentrale Frage. Alle Beteiligten beantworten sie in ihrem Sinne: uns! Und diese Beteiligten sind zahlreich: Bei der 2007 gestorbenen Ester Hoffe angefangen, sowie in Folge ihrer Tochter Eva Hoffe, die bis zu ihrem Tod am 4. August 2018 juristisch um den Nachlass kämpfte, über die Jerusalemer Nationalbibliothek, die den Nachlass für sich im Namen des Staates Israel beansprucht, bis hin zu anderen Archiven, anderen Ländern. Teile des Kafka-Nachlasses lagern in Oxford, das kostbare, millionenschwere Manuskript des weltberühmten Romans »Der Prozess« wird im Deutschen Literaturarchiv Marbach am Neckar gehütet. Kafka, der auf Deutsch schreibende Prager Jude, der drei Länder, drei Kulturen in sich vereint, will von allen vereinnahmt werden.

»Kafkas letzter Prozess« erzählt auf zwei parallel gehaltenen Zeitebenen alternierend das Schicksal dieses begehrten Nachlasses – da ist auf der einen Erzählebene die Gegenwart, wo Prozess auf Prozess folgt, mit Eva Hoffe auf der einen, der Jerusalemer Nationalbibliothek auf der anderen Seite, mit mal hier, mal dort hinzugekommenen Mitverfechtern. Und da ist auf der anderen Ebene die Vergangenheit, beginnend mit dem 23. Oktober 1902 in Prag, zu Lebzeiten Kafkas, als sich der 1883 geborene Kafka und der 1884 geborene Brod an der Prager Karls-Universität erstmals gegenüberstehen. Das Ergebnis dieser klugen narrativen Parallelmontage liest sich wie ein atemraubender Krimi um die Niederschrift, die Weitergabe, die Archivierung und Auswertung des vielleicht berühmtesten Nachlasses der modernen Literatur überhaupt. Allein die Frage also, wem Kafka denn nun gehört, wird letztlich nie beantwortet werden können. Kafka gehört uns allen, seiner Leserschaft – und zugleich doch niemandem: »Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.« ||

BENJAMIN BALINT: KAFKAS LETZTER PROZESS
Aus dem Englischen von Anne Emmert
Berenberg Verlag, 2019 | 336 Seiten | 25 Euro