Jörg Fauser wurden viele Etiketten angeheftet: Alkohol, Drogen, Popliteratur. Die Neuedition seiner Werke öffnet den Blick auf einen akribischen, kompromisslosen Schriftsteller.

Jörg Fauser| © Fauser-Archiv

Es gibt ein Interview, das Hellmuth Karasek einst mit Jörg Fauser geführt hat, das deshalb so interessant ist, weil der Kritiker immer wieder auf die vermeintlich bevorzugten Stoffe und Themen des Schriftstellers – Kriminelle, Junkies, Dealer – zu sprechen kommt. Fauser hingegen ein ums andere Mal beharrt: »Mir geht es eigentlich mehr um das Handwerk.«

Jörg Fauser wäre in diesem Sommer 75 Jahre alt geworden. Gegen die Etikettierungen, die man ihm seit seinem Tod in den Morgenstunden nach seinem Geburtstag am 16. Juli 1987 – ein LKW erfasste ihn auf der Autobahn nahe München – anpappte, konnte er sich nie zur Wehr setzen. Vom Vater der deutschen Popliteratur war da etwa die Rede. Schlimmer noch: Fauser galt und gilt allen, die einen auf Außenseiter machen, als Kultautor. Ein inhaltsleerer, dummer Begriff. Seine Gegner, allen voran die westdeutsche Kritikerzunft, leisteten – freilich noch zu Lebzeiten des erst drogen-, später alkoholabhängigen Autors – dem Vorschub.

Zum Beispiel Marcel Reich-Ranicki mit seinem arroganten Vorwurf, Fausers Geschichte beim Bachmann-Wettbewerb 1984 sei Unterhaltungsware und gehöre deshalb nicht nach Klagenfurt. Jetzt wartet der Diogenes Verlag mit einer Neuedition von Fausers Werken auf, die man zur Hand nehmen bzw. sich anhören sollte – mit Lars Eidinger und Charly Hübner haben zwei der renommiertesten deutschen Schauspieler für »Dio genes Hörbuch« die Werke »Rohstoff« von 1984 und »Das Schlangenmaul« von 1985 bestechend eingelesen. Zu erleben ist ein Autor, der nicht nur Untergrund drauf hatte, sondern auch schlicht brillant war, genau wusste, was er tat.

Wer erfahren will, was Dialoge sind, die sitzen, möge Fauser lesen. Er nahm das Schreiben verdammt ernst, wie man aus dem Nachwort von Michael Köhlmeier für den Roman »Rohstoff« erfahren kann, das auch als Booklet dem Hörbuch beiliegt und mit den Worten endet: »Und so viel getrunken konnte J.F. in der Nacht gar nicht haben, dass er am nächsten Morgen um acht Uhr nicht am Schreibtisch saß und tat, wozu er auf der Welt war.« Im Übrigen: In Fausers Arbeitszimmer herrschte »Ordnung, Ordnung, Ordnung«, wie es einmal seine Lektorin Hanna Siehr schilderte. Und: kein Alkohol!

Es wäre daher ein Missverständnis, in »Rohstoff« lediglich einen Drogenroman zu sehen, der auf den eigenen Erfahrungen des Autors fußt und zwischen 1968 und 1973 in Istanbul, Berlin, Göttingen, London und Frankfurt spielt. Sein Alter Ego heißt hier Harry Gelb, der Drogen nimmt und »immer nur auf Durchreise« ist. Vor allem aber Schriftsteller werden will. Und so ist das eigentlich Bemerkenswerte an der wohl berühmtesten Szene des Buches, der Begegnung des Reporters Gelb mit dem großen Vorbild William S. Burroughs nicht die Tatsache, dass sich beide über Opium und wie man davon loskommt unterhalten, sondern die Frage des Beat-Heroen an den Mittzwanziger: »Sind Sie Schriftsteller? Ich will ja nicht indiskret sein, aber wie ein Reporter sehen Sie für mich nicht aus.«

Michael Köhlmeier ist zuzustimmen: »Rohstoff« ist ein Bildungsroman, den Lars Eidinger nun konzentriert, ruhig, ja fast schon melancholisch verhangen liest. Das überrascht zunächst, bis man feststellt: Der kompromisslose, betonharte Duktus Fausers kommt so noch deutlicher zum Tragen. Nur manchmal geht dadurch dem mitunter atemlos voranpreschenden Text etwas an Tempo verloren. Ganz anders Charly Hübner, der den Hörer wunderbar genervt, rotzig, rau und verraucht in »Das Schlangenmaul« blicken lässt. Fauser zeigt sich als versierter (Polit)Thriller-Autor, der seinen hartgekochten Vorbildern, wie Dashiell Hammett und Raymond Chandler, alle Ehre macht. Darin versucht sich der arbeitslose, abgeranzte Journalist Heinz Harder als »Bergungsexperte für außergewöhnliche Fälle«. Auf der Suche nach einem Mädchen sieht sich der Detektiv in West-Berlin bald einem üblen Clan gegenüber. Schon im ersten Satz begegnet man Harder und wird in eine zwar schäbige, aber durchaus bürgerliche (!) Welt hineingezogen: »Als die Presslufthämmer mich weckten, träumte ich gerade vom Krieg.« ||

JÖRG FAUSER: ROHSTOFF
Gelesen von Lars Eidinger | 1 mp3-CD mit einer Laufzeit von 459 Minuten

JÖRG FAUSER: DAS SCHLANGENMAUL
Gelesen von Charlie Hübner. 1 mpd3-CD mit einer Laufzeit von 428 Minuten

Beide Diogenes, Zürich 2019 | 18,95 Euro und 26 Euro