In ihrer Performance »Die Kränkungen der Menschheit« beschwört Anta Helena Recke das Ende der Herrschaft des weißen Mannes.

v.l.: Joana Tischkau, Vincent Redetzki, Ensemble in »Die Kränkungen der Menschheit« | © Gabriela Neeb

Ein gläserner Kasten, der mal an eine Museumsvitrine, mal an ein Labor und einen Zookäfig gemahnt, thront auf der Bühne. Auf allen vieren kommen die Schauspieler in hautfarbener Unterwäsche nach Affenart herein. Sie erkunden quiekend und kreischend den Raum, hüpfen herum, kratzen und lausen sich. Mit einer hübschen äffischen Bewegungsstudie beginnt Anta Helena Reckes Inszenierung in der Kammer 2. Ein Mann im Kittel knipst in dem Schaukasten das Licht an und beäugt die Horde mit wissenschaftlichem Interesse.

Worum es hier geht (oder gehen soll), hat die Regisseurin vorab vielfach erläutert. Grundlage ihrer Performance ist Freuds Text »Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse«, in dem er die Zerstörung dreier narzisstischer Illusionen der Menschheit auflistet: die kosmologische Kränkung, dass die Erde nicht im Zentrum des Weltalls steht, die biologische, dass der Mensch vom Affen abstammt, und die psychologische Kränkung, dass sein Ich keine Kontrolle über das Unbewusste hat. Dem fügt Recke nun eine vierte Kränkung der über Jahrhunderte eurozentristisch definierten »Menschheit« hinzu: das Aufbegehren gegen die Aneignung der Herrschaft und Deutungshoheit über die Welt durch die ethnische Minderheit der Weißen und Europa, »diese«, wie Achille Mbembe anmerkte, »kleine Provinz des Planeten«, gegen eine von weißen Männern dominierte Kultur.

Gänzlich unbelesenen Zuschauern dürfte sich der theoretische Überbau des Abends allerdings kaum erschließen. Mit spielerischer Leichtigkeit entwirft Recke ineinanderfließende, fein chorgeographierte, wenngleich überdehnte Szenen, die um wechselnde Perspektiven und die Macht des Blickes kreisen. Museumsbesucher betrachten imaginäre Kunstwerke, lauschen einer Beschreibung von Gabriel von Max’ Gemälde »Kränzchen / Affen als Kunstrichter« und diskutieren über ein Filmstill aus Araya Rasdjarmrearnsooks Videoarbeit »Van Gogh’s The Midday Sleep and the Thai villagers«. Sie verheddern sich in Klischees über Bauern, die sich »Hochkultur anschauen«, unkorrekten Begrifflichkeiten, die sie eilfertig zu korrigieren versuchen, mäandern zwischen Naivität und hochnäsigen Intellektuellenattitüden, bis ein bedrohliches Wummern anschwillt, sie erschrocken verstummen und zurückweichen.

Durch eine Tür strömen plaudernd und lachend Frauen herein, Schwarze, Weiße, Musliminnen, gehüllt in lange bunte Gewänder. Die westlichen Museumsbesucher treten von der Bühne ab und werden zu Zuschauern. Als Gegenpol zur europäischen Kunsttradition hören wir die Beschreibung eines den Blick nicht fokussierenden Ornaments, während der die Frauen, zwischen denen die Affen ganz selbstverständlich herumhüpfen, in einer zeitlupenhaften Prozession durch den Raum flanieren. Mit sanftem Pathos beschwört Recke in irritierend schlichten, an Ethnoklischees rührenden Bildern am Ende eine nicht länger von der weißen männlichen Dominanzkultur beherrschte Welt. Gekränkt muss sich an diesem Abend niemand fühlen, dafür ist ihr luftig Motive verwebender Bühnenessay zu gefällig. ||

DIE KRÄNKUNGEN DER MENSCHHEIT
Kammerspiele| 15.,16. Oktober| 20 Uhr
Tickets: 089 23396600