Lucia Bihler versetzt im Volkstheater Ibsens »Hedda Gabler« ins Rokoko.

Wut im Reifrock: Anne Stein als Hedda | © Arno Declair

Das fängt ja gut an, denkt man anfangs genervt. Zwei Mädchen treten wie Puppen-Automaten vor den Vorhang und stellen einen Plattenspieler an. Auf einer Drehscheibe raucht gelangweilt eine Diva mit hochgetürmtem Rokokohaar, jeder Atemzug wird zum Fauchen verstärkt. Daneben tippt ihr Gatte grinsend auf einem Tablet herum, das klappert wie eine Schreibmaschine. Gäste brechen herein, alle in Kostümen und Frisuren des Rokoko, und alle bewegen sich in abgezirkelten, manierierten Posen wie lebendige Bustelli-Porzellan-Figuren auf einer sich drehenden Spieldose. Manche rennen überkandidelt und tänzelnd im Kreis um die Scheibe, die sich gegenläufig dreht, sie stolpern und fallen, und erstarren immer wieder zu skulpturalen Tableaux. Der Zuschauer fragt sich, wie lang er diese artifizielle Spielweise aushalten wird und erliegt zunehmend ihrem kraftvollen Sog.

Regisseurin Lucia Bihler (31) war mit »Die Hauptstadt« eingeladen zum letzten Festival »Radikal jung«. Nun inszenierte sie am Volkstheater »Hedda Gabler« von Henrik Ibsen, das Drama einer übersättigten, luxusverwöhnten jungen Frau, die ihre gutbürgerliche Ehe als spießig und langweilig empfindet. Da sie selbst nicht weiß, was sie als Lebenssinn sucht, findet sie ihn am Ende in tödlicher Macht über andere. Statt dieses 1890 geschriebene Stück heutig zu aktualisieren, wagt Lucia Bihler das Gegenteil. Sie verlegt es noch 120 Jahre zurück, ins Spätrokoko, weil damals das gesellschaftliche Verhaltenskorsett sehr streng war. Mit staunenswerter formaler und ästhetischer Konsequenz: Von den puppenhaft überschminkten Gesichtern mit Turmfrisuren über die in Weiß, Türkis und Blau gestylten Kostüme (Laura Kirst) bis hin zur Spieldosen-Drehscheibe mit einer Recamière und einem Teetischchen drauf vor weißen Vorhängen (Bühne: Jana Wassong) ist alles stimmig, auch der preziöse Bewegungsmodus. Nicht einmal Tablet, E-Zigarette oder USB-Stick wirken fehl am Platz.

Das gesamte Ensemble brilliert mit Präzision und Perfektion: Ensemble-Neuling Anne Stein meistert die Hauptrolle stupend, sie überzeugt als Hedda mit Grausamkeit und Hinterlist. Ihr Gatte (Jakob Immervoll) verliert später sein überfröhliches Grinsen, der intrigante Hausfreund Brack (Timocin Ziegler) macht Hedda ein Dreiecks-Angebot. Auslöser und Opfer der Katastrophe ist Heddas Ex-Geliebter Lövborg, den sie wieder in den Alkohol und dann in den Tod treibt – Jakob Geßner stolziert als Dandy und wütet dann hysterisch.

Seine naive Arbeitskameradin Thea (Paulina Alpen) findet aus Verzweiflung eine neue Aufgabe. Mit Lövborgs Erscheinen ändern sich Stil und Rhythmus der detailgenauen Inszenierung: Statt zarter Gongs ertönt Donner, aus Wattewolken über Bühne gewittert es, die gezierten Posen verrutschen ins Groteske. Der spielerische Musikstil des 17. Jahrhunderts wechselt ins dramatische (großartig die Musik von Jörg Gollasch). Die Bewegungen verlangsamen sich, Gewalt und Zerstörung ziehen ein, dennoch bleibt die Kunstform erhalten bis zum finalen Schuss. Ja, die Volkstheater-Saison fängt mit dieser beeindruckenden Aufführung sehr
gut an. ||

HEDDA GABLER
Volkstheater | 10. Oktober, 6. November| 19.30 Uhr
Tickets: 089 5234655