Das Underdox-Festival widmet sich in diesem Jahr Perlen des finnischen Experimentalfilms und den neuen Werken eigensinniger Arthouse-Meister.

Von der Kunst des kameralosen Films handelt »Tectonic Plate« | © Underdox

Für eine Woche geht es um experimentierende Finnen, Zombies aus den Alpen und eine singende Jeanne d’Arc. Das ist alles völlig normal, denn vom 10. bis 16. Oktober führt das Underdox wieder durch filmische Grenzbereiche.Selbst wer in diesen zu Hause ist, wird heuer sicher einige noch nie gesehene Eindrücke mitnehmen. Mit Finnland hat man sich einen europäischen Nachbarn ausgesucht, dessen Szene hier sicher nicht zum cineastischen Alltagsgespräch gehört. So darf man einige Schmuckstücke aus sechzig Jahren Experimental-Geschichte bewundern und Namen wie Eino Ruutsalo oder Sami van Ingen in den persönlichen Avantgarde-Kanon aufnehmen.

Abgerundet wird das mit einer Retrospektive von Miko Taanila, einem der aktuell bedeutendsten finnischen Experimentalfilmer. Unter anderem waren seine Arbeiten bereits auf der Documenta, der Biennale in Venedig und der Berlinale zu sehen. In seinem 74-Minüter »Tectonic Plate« nimmt er sich der Kunst des kameralosen Films an und erzählt damit die Situation eines gestrandeten Geschäftsreisenden. Dessen Panik und Flugangst brennt er dem Zuschauer mit Gepäck-Röntgenbildern, ins Groteske vergrößerten Details aus Sicherheitsbroschüren und abstrakten Stürmen aus abstrakten Formen auf die Netzhaut.

Daneben gibt es auch ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Als Eröffnungsfilm zeigt das Underdox in diesem Jahr das aktuelle Werk »Vitalina Varela« von Pedro Costa, für den er in diesem Jahr in Locarno den Goldenen Leoparden erhielt. Seine düsteren, expressiven Filme setzten sich in den letzten Jahren auf dokudramatische Art mit der Geschichte Portugals auseinander. Hier bringt er nun die kafkaeske Situation einer Frau auf die Leinwand, die seit 25 Jahren auf ein Flugticket nach Lissabon wartet. Auf sich zurückgeworfen, resümiert sie über das verlorene Glück von sich und ihrem verstorbenen Ehemann.

Nicht weniger dunkel geht es bei Lav Diaz’ »The Halt« zu. In gewohnter Überlänge (276 Minuten) zeigt er eine nahe Dystopie, in der die philippinische Bevölkerung unter der Gewalt von Natur und Staat zu leiden hat. Eine ganz andere apokalyptische Vision breiten Kelly Copper und Pavol Liska in der Elfriede Jelinek-Verfilmung »Die Kinder der Toten« aus: Hier geistern Zombies durch die Steiermark. Mit dem politischen Hintergrund der Verdrängung der NS-Zeit und der krisseligen Super-8-Optik werden allein schon bei dem Lesen des Plots Erinnerungen an die Underground-Tiraden eines Christoph Schlingensief wach. Etwas beschwingter, aber nicht minder skurril setzt Bruno Dumont in »Jeanne« seine Musicalfassung des Lebens der Jungfrau von Orleans fort. Konnte man im letzten Jahr im Theatiner noch ihre Kinderzeit miterleben, kommt es in diesem Jahr schon zur Befreiung Frankreichs von den Engländern. Das Underdox beschenkt München also wieder mit einem Rundumschlag des Außergewöhnlichen. Ob verstörend, berauschend oder fernab von jeder Beschreibung, es wird wohl jeder mit besonderem Filmgeschmack wieder fündig. ||

UNDERDOX
14. Internationales Filmfestival Dokument und Experiment
10.–14. Oktober| verschiedene Spielorte