…ist bei Amseln kein Wunder. Ein Gespräch mit Dagmar Leupold.

Dagmar Leupolld| © Volker Derlath

Dagmar Leupolds neuer Roman »Lavinia« erzählt das Leben der Protagonistin, während sie in New York aus einem Hochhaus vom 25. Stock stürzt: ein furioser Monolog der Stürzenden selbst, pro Stockwerk ein Kapitel über ihre Erfahrung, ihre Welt, von den fünfziger Jahren in der Bundesrepublik an bis heute, in Italien, in den USA, über ihre Lieben, ihre Gewalterfahrungen, ihren Zorn.

Wieso eigentlich Lavinia? Bei Vergil ist sie Aeneas’ Frau, die nach dem Tod ihres Mannes anstelle ihres Sohnes regieren muss.
Vergils »Aeneis« ist nicht so wichtig, sondern der Eneasroman von Heinrich von Veldeke, ungefähr 1180 entstanden. Da ist Lavinia eine bedeutendere Figur, insbesondere durch den Monolog der von der Minne gerade erfassten Lavinia. Mein Roman ist sozusagen Echo auf diesen Minnemonolog.

Im Namen Lavinia steckt ja auch noch »die Reine«, »die Saubere«, es gibt viele Einflüsse, Prägungen, die Lavinia angreifen und das ändern wollen.
Das ist auch ein bisschen ironisch, »lavare« bedeutet waschen auf Italienisch – und ich reagiere stark auf Klänge: Natürlich hört man noch »love« in dem Namen, in einem Stockwerk ja auch explizit, Love-inia, außerdem »Lava«, das Explosive, die Lawine, das mit großer Wucht Herabstürzende …

Es ist das Schwierigste, Leserinnen, Leser mit einem inneren Monolog einzufangen. Warum soll man so intensiv in die Welt einer Figur gehen? Ist das nicht ein enorm riskanter Einstieg?
Schon, aber er ist programmatisch angekündigt – »wer ergründen will, muss herab« lautet der erste Satz – , und ich würde einen großen Unterschied zwischen privat und persönlich machen: Private Mitteilungen interessieren mich nicht, und ich würde von niemandem erwarten, dass er sich für meine privaten Mitteilungen interessiert. Aber am Persönlichen scheint immer etwas Exemplarisches auf, der eigene Lebensstoff ist immer schon Teil eines Zeit-Raum-Gebildes. Wie sedimentiert Zeitgeschichte in uns? Das kann man nicht im Allgemeinen verhandeln.

Das ist in diesem Roman auch deshalb so überzeugend gelöst, weil die Erzählung nicht chronologisch ist, und weil nicht jedes Stockwerk im Fall-Monolog »abgearbeitet« wird. Am Schluss steht das mit Emotionalste in einer Liste, die Sexismen, die Gewalt, die Lavinia in ihrem Leben erfahren musste, ausgerechnet ihr Wutanfall gegen die »Betatscher, Zurauner, Übergreifer«. Warum?
Ich will das semantische Wortfeld in Bezug auf Emotionen formal unterlaufen. Das Aufgeladenste nicht mit einem pompösen Text erfassen, der von Superlativen wimmelt, sondern in einer sehr rationalen, nüchternen Form, wie das die Liste nun mal ist. Solche Wechselwirkungen halte ich für entscheidend für den Transport von etwas, das nicht explizit ausgesprochen wird.

Der Text arbeitet auch mit Paradoxien, »bitte nicht gelehrt sein!« ist ein Zuruf zu Beginn, und gegen Ende heißt es einmal »Unlesbarkeit ist Macht«. Es ist ein sehr anspielungsreicher Text, muss man gelehrt sein, um »Lavinia« zu lesen?
Ich hoffe nicht, das fände ich schrecklich. Für mich ist dieser Roman auch eine Hommage an die Literatur, mit der ich aufgewachsen bin, auch an das Ungelesene, das gewaltig ist. Mein Modell ist der Stoffwechsel: Das, was ich jetzt kann, kann ich aufgrund dieser Verbündeten, die ich lesen durfte, und natürlich passiert gar nichts im Stoffwechsel, wenn man nicht eigene Enzyme entwickelt. Aber was dabei rauskommt, ist etwas Neues. Für mich ist die Vorstellung tröstlich, dass kein Blatt Papier weiß ist, unbeschrieben. Ich hatte eine Testleserin, die in irgendeinem blöden soziologischen Sinn nicht »gebildet« ist, und die hat sich überhaupt nicht an deutlichen Zitaten gestört. Sie hat komplementär gelesen: Man versteht nicht jedes Wort, man erfasst etwas. Und Erfahren ist eben nicht gekoppelt mit: genau wissen, wohin ein Detail gehört!

Es ist eine dumme Anforderung an Literatur, »ich muss sofort alles verstehen«. Einer meiner Lieblingssätze von Joyce ist seine Antwort an seine Tante, die sich beschwert hatte, man könne den »Ulysses« nicht lesen. Er hat ihr gesagt: Wenn man meinen Roman nicht lesen kann, kann man das Leben nicht leben.
Eine schöne Antwort, so kühn wäre ich nicht. Aber ich möchte auf gar keinen Fall »droppen«, es ist mehr sowas wie Fäden nutzen, verweben, sie wieder aufrebbeln, das Mürbe einspannen, damit es wieder ein tragfähiges Gewebe wird, um im Fall zu bleiben: ein Netz.

Diese Fäden leben im musikalischen Umgang mit der Sprache, den Lavinia hat, sie werden in den vielen Sprach- und Wortspielen amalgamiert, eingemeindet, in einem großen Repertoire, von ganz hehrem Vokabular bis herunter zu Kalauern – wie der unverdrosselten Amsel.
Wobei dieser Satz einer Figur zur Charakterisierung in den Mund gelegt wird. Mir ist wichtig, das Profane und Sakrale zu mischen, etwas, das bei solchen Geschwindigkeiten eben zustande kommt. Im Sturz kann man das gar nicht so fein auseinanderhalten. Ich fänd’s auch schrecklich, wenn man den Roman nur mit betrübter Miene lesen würde, das Komische ist ein wunderbares Korrektiv.

Im Roman ist eine Reibung inszeniert: Das dezidiert Unrealistische, der Sturz ins Bodenlose, man weiß lange nicht, wie er enden wird. Gleichzeitig gibt es etwas sehr Realistisches, die Bundesrepublik in ihren frühen Jahren, in der Nachkriegszeit. Wie wichtig ist diese Ebene?
Mir war sehr wichtig, über bestimmte Figuren, darunter Lavinia selbst, die schon auch eine Chiffre ist für ihre eigene Lebensspanne, die entsprechenden Jahrzehnte, Epochen aufzurufen. Wie schlägt sich z. B. der Nachkrieg nieder, in der psychomentalen Organisation von uns Menschen, im Roman der Figuren? Was prägt sie? Gleichzeitig ist es keine soziologische Studie, deshalb eine träumerischphantastische, märchenhafte Auflösung.

Lavinia wehrt sich, ihr Furor richtet sich auch gegen die Geschlechterverhältnisse, gegen Sexismen. Im Positiven ist es eine Art Liebesroman, es geht um Beziehungen, auch hoffnungsfrohe am Ende. Trotz aller Härte ist »Lavinia« kein pessimistischer Roman, oder?
Ja, was in dem Begriff »dolceamaro« am Ende ausgedrückt wird, bittersüß, ist aber auch: poetisches Sprechen als Einspruch. Nicht in einem Märchen-Sinn wie »es wird alles wieder gut«, sondern in einem eher kämpferischen Sinn. Das Gewaltthema treibt mich um, als persönliche Erfahrung. Aber diese persönliche Erfahrung ist eingebettet in eine Erfahrung von systemischer Gewalt. Die liegt in der Luft. Deswegen sind der Erzählzeit – der Sturzzeit, müsste man sagen – alle Vorfälle, die 2017/18 in den USA stattfinden, denn in New York steht das Hochhaus ja, also Amokläufe, Überfälle auf Synagogen und vieles mehr, eingeschrieben, vielmehr eingeschossen. Einspruch nicht im Sinne von Machtwort, sondern von Wortmacht.

Lavinia zeigt auch, was heute ein politischer Roman sein könnte, völlig anders als in der Vorstellung der späten 60er, der 70er Jahre. Auf diese Art kämpferisch ist der Roman nicht. Was für ein Konzept von »politisch« hat er?
Politisch heißt für mich nicht, Ereignisse abbilden, ich habe eher ein Schmugglermodell: Kassiberhaft, auch über die Form, etwas mitzubedeuten. Was steht für die Zeit? In vielen Sprachen ist das Wort für »Zunge« und »Sprache« noch dasselbe, und wenn ich nicht mit tausend Zungen sprechen will oder kann, oder mit gespaltener Zunge, dann muss ich schon gucken: Was liegt drauf auf der Zunge? Und wer hat das da draufgelegt? Ich nicht, oder nicht nur ich!

Das Thema des Romans ist nicht nur ein weiblicher Lebenslauf; geht es am Ende vielleicht doch um das Nachdenken darüber, was ein gelingendes Leben sein könnte?
Für ein Exposé hatte ich das als dramatisch voranstehende Frage tatsächlich formuliert: Was ist ein gelingendes Leben? Und zwar eben nicht ein gelungenes, wo man bilanzierend und ergebnisorientiert ist, sondern gelingendes – im Verlauf, im Moment, nicht auf etwas hin.||

DAGMAR LEUPOLD: LAVINIA
Jung und Jung, 2019 | 198 Seiten | 21 Euro

LESUNG MIT DAGMAR LEUPOLD
10. Oktober | 20 Uhr | Buchhandlung Lehmkuhl | Leopoldstr. 45 | Eintritt: 10 Euro