Die großen Klassik-Häuser laden zur nächsten Saisonrunde ein. Klaus Kalchschmid wagt einen Überblick.

»Salome«, Marlis Petersen| Staatsoper | © Wilfried Hoesl

Die vier großen kulturellen Institutionen Münchens – die Bayerische Staatsoper, das Gärtnerplatztheater, die Münchner Philharmoniker und der Bayerische Rundfunk – präsentieren in der neuen Spielzeit ebenso Bewährtes wie auch neue Perspektiven. Besonders auffällig ist das bei der Staatsoper, die neben üblicher Repertoire-Erweiterung (darunter Verdis frühe Schiller-Vertonung »I Masnadieri« und Korngolds »Die tote Stadt«, inszeniert von Regie-Shootingstar Simone Stone) wieder Barockoper jenseits von Händel präsentiert: Nach Jean Philippe Rameaus »Les Indes Galantes« nun erstmals dessen »Castor et Pollux«, aber auch zwei große zeitgenössische Produktionen.

Besondere Beachtung dürfte die erste Oper des Dänen Hans Abrahamsen nach dem Märchen »Snedronnigen – Schneekönigin« seines Landsmanns Hans Christian Andersen bekommen: Der kleine Kay, gesungen von Rachel Wilson, wird beim Spielen mit seiner Freundin Gerda (Barbara Hannigan) von einem Splitter des Zauberspiegels im Auge verletzt, der dem Teufel einst aus der Hand fiel, auf der Erde in tausend Stücke zerbrach und die Menschen, deren Herz getroffen wurde, alles hässlich und böse sehen ließ. Am Ende, wenn beide Kinder sich im Palast der Schneekönigin (der Bassist Peter Rose!) wiedersehen, weint der Junge den Spiegelsplitter aus seinem Auge: »Da saßen sie beide, erwachsen und doch Kinder, Kinder im Herzen, und es war Sommer, warmer, wohltuender Sommer.« Ungewöhnlich sind auch die »7 Deaths of Maria Callas« der berühmten Performancekünstlerin Marina Abramovic und des Komponisten Marko Nikodijevic. Die Koproduktion mit Berlin, Florenz, Athen und Paris bietet Szenen aus Werken von Bizet, Donizetti, Puccini und Verdi sowie sieben Sängerinnen als Carmen, Tosca, Desdemona, Lucia, Norma, Butterfly und Violetta. Und mit Spannung wird das Staatsoperndebüt eines vielversprechenden jungen Dirigenten erwartet, der bereits als Generalmusikdirektor in Bremen Furore machte mit einer genialen Vervollständigung von Mahlers 10. Symphonie: Yoel Gamzou.

»Die lustige Witwe«, Adam Cooper (Der Tod), Alexandra Reinprecht (Hanna Glawari), Christoph Filler (Graf Danilo Danilowitsch)

Mit Puccini (»Tosca«) und Verdi (»Rigoletto«) begibt sich das Gärtnerplatztheater leider unnötigerweise in Konkurrenz zum Nationaltheater, vernachlässigt dafür in den Neuproduktionen sein Kernrepertoire (Spieloper, Operette und Musical), wagt aber mit szenischen Oratorien – wie schon vor ein paar Jahren mit Händels »Semele« – mutig Neues für das intime Haus, so wieder mit Händel, aber mit dessen undramatischem, wenngleich ungleich populärerem »Messias« und Leonard Bernsteins »Mass«, genannt »A Theatre Piece for Singers, Players, and Dancers«. Ein Zelebrant versammelt hier seine Gemeinde um sich und feiert eine katholische Messe, unterbrochen durch die Vergegenwärtigung der Lebens- und Glaubenskrisen des Priesters und der Gemeindemitglieder. Dazu kommt die Uraufführung einer Oper von Johanna Doderer (»Schuberts Reise nach Atzenbrugg«).

Bei den Münchner Philharmonikern jagt GMD Valery Gergiev Anton Bruckners siebente Symphonie innerhalb seines Bruckner-Zyklus in vier ansonsten verschiedenen Programmen durch die Abonnementreihen, nachdem er diese Symphonie bereits im September für CD in St. Florian mitschneiden ließ. Zwar hatte auch die Staatsoper in der letzten Spielzeit neben Simone Young (in gleich drei Produktionen!) Joanna Mallwitz, Keri-Lynn Wilson und Eun Sun Kim engagiert, aber die bereits mehrfach verpflichtete Barbara Hannigan, Susanna Mälkki, Karina Canellakis und Oksana Lyniv machen gegenüber den Männern bei den Philharmonikern doch einen weitaus größeren Anteil aus.

»Karl V.«, Anais Mejias, Bo Skovhus| Staatsoper © Wilfried Hoesl

Dagegen überließ das Symphonieorchester des BR, für dessen Chefdirigent Mariss Jansons Frauen am Pult »not my cup of tea« sind, der einzigen Frau (Eun Sun Kim) lediglich Cello- und Schlagzeugfinale beim ARD-Musikwettbewerb Ende September. Beide Orchester laden zum wiederholten Male jüngere Dirigenten ein wie Lahav Shani, Daniel Harding und Yannick Nézet-Séguin (BR) oder den erst 23-jährigen Finnen Klaus Mäkelä, Gustavo Gimeno, Krzysztof Urbanski und Rafael Payare (Philharmoniker). Doch bei der Programmgestaltung wird meist auf Bewährtes gesetzt, so beim kleinen Beethoven-Fest im Vorgriff auf den 250. Geburtstag im Dezember unter Leitung von Jansons mit AnneSophie Mutter, Maximilian Hornung und Yefim Bronfman. Neues gibt es nur bei der »musica viva«, etwa Werke von John Adams, Louis Andriessen, Arnulf Herrmann, Bernhard Lang, Olga Neuwirth, Matthias Pintscher oder Hans Zender. Beide Orchester haben konzertanten Wagner im Programm: »Parsifal« in Auszügen beim BR oder den zweiten Aufzug des »Tristan« bei den Philharmonikern.

Auch das Rundfunkorchester präsentiert an vier Terminen konzertante Oper. Eine schöne Mischung aus Bekanntem und Rarem bieten Verdis früher »Attila«, Lortzings komische Oper »Zum Groß-Admiral« über Heinrich, den englischen Thronerben, der gerne mal seinen Pflichten entflieht und sich bei nächtlichen Abenteuern vergnügt, aber von seiner Gemahlin in eine Falle gelockt wird (eben die Kneipe »Zum Groß-Admiral«), Rossinis »Le Comte Ory« und Reynaldo Hahns polynesische Idylle »L’île du rêve«. Diese »Trauminsel« handelt von der unmöglichen Liebe zwischen dem europäischen Offizier Loti und der einheimischen Mahénu. Und last but not least der BR-Chor bietet mit mehreren Konzerten eine originelle Programmschiene: Dessen Leiter, der Brite Howard Arman, versteht das erste Konzert als Statement »gegen die Katastrophe des Brexit«. »Bavarian Highlands« beleuchtet mit Werken von Britten, Harris, Tippett und Elgar den Einfluss der deutschen Romantik auf die Musik der Insel.

Das Mozart-Requiem wird mit den Ergänzungen von Süßmayer aufgeführt, aber auch solchen von Arman selbst. Der Chor stellt sich mit der legendären »Musicbanda Franui« die Frage, woher die Musik Mahlers kommt und was sie vom Wiener Lied bis zur Filmmusik Hollywoods bewirkte. Ein Programm beginnt mit Musik der Hildegard von Bingen und endet mit der Uraufführung von Rupert Hubers »Das Licht der Öllampe« nach Texten der Mystikerin, bei einem anderen treffen Auszüge aus Lassos »Bußpsalmen« auf Alfred Schnittkes »Zwölf Bußverse«. Ein bisschen Experiment muss doch sein. ||

SAISONSTART KLASSIK
Staatsoper, Gärtnerplatztheater, Münchner Philharmoniker, Bayerischer Rundfunk
ab November